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Bremen Zwei Themen

Corona und Altenpflege

Das Herz arbeitet mit

20. April 2020

Bremen-Zwei-Reporter Jens Schellhass hat eine Woche in einem Alten- und Pflegeheim im Bremer Norden verbracht – kurz bevor das Virus ein Besuchsverbot nötig machte. Jetzt hält er weiter Kontakt zu den Senior*innen, dem Pflegepersonal – und dem Koch.

ein alter Mann sitzt auf einer Terasse und hört einem Musiker zu [Quelle: Stiftungsdorf Rönnebeck, Annabell Karbe]
Terrassenkonzert im Stiftungsdorf Rönnebeck: In Zeiten von Corona spielen die Musiker im Garten, die Bewohner sitzen auf ihren Terrassen [Quelle: Stiftungsdorf Rönnebeck, Annabell Karbe]

Bewohnerin Mathilde Drewers erzählt von ihrem Alltag:
"Es ist nur etwas langweiliger geworden" [3:40 Minuten]

Mathilde Dewers unternimmt noch immer viele Ausflüge von ihrer Wohnung im Stiftungsdorf Rönnebeck, einem Alten- und Pflegeheim im Bremer Norden. Sie ist mit ihrem roten "Leo" unterwegs – einem Elektromobil. Früher fuhr sie gerne in die Strandlust – ein Hotel und Ausflugslokal in Bremen-Vegesack, mittlerweile insolvent, wegen Corona. Aber das ist eine andere Geschichte.

Essen gehen kann sie nun nicht mehr. Doch Mathilde Dewers ist trotzdem noch unterwegs, Freundschaften pflegen. Sie ist fit und kann sich ein schönes Leben leisten. Kopf und Körper funktionieren. Nur die Füße tragen sie nicht mehr so wie früher. 89 ist sie.

Ich bin ja auf der anderen Seite ganz leichtsinnig und geh' mit dem Hund, täglich, und mit seinem Frauchen auch. Und wir haben keinen Mundschutz oder irgendwas. Wir gehen einfach zusammen spazieren. Beide mit unseren Rollatoren wandern wir hier durch die Gegend.

Mathilde Dewers, Seniorin

Eine ältere Dame mit einem Rollator [Quelle: Annabell Karbe]
Mathilde Dewers macht das beste aus der derzeitigen Situation. [Quelle: Annabell Karbe]

Die Bewohnerinnen und Bewohner des Stiftungsdorfes Rönnebeck dürfen einkaufen, spazieren gehen, einzelne Nachbarn besuchen. Es gibt kein Ausgehverbot. Und so auch keinen Grund für Mathilde Dewers, das Leben nicht zu genießen. Das sagt auch die Leiterin des Alten- und Pflegeheims Annabell Karbe. Die Sorgen um sich selbst halten sich in Grenzen, bei Mathilda Dewers. Einschleppen möchte sie das Virus allerdings auch nicht: "Hier der Grund zu sein, dass das hier vielleicht kommt, das würde mich stören", sagt sie.

Der rollende Krämerladen

Mathilde Dewers versucht, vorsichtig zu sein. Besuch hat sie abgesagt. Zum Supermarkt fährt sie kaum noch mit ihrem "Leo". Einkaufen kann sie stattdessen bei einem rollenden Krämerladen, der einmal in der Woche am Abend beim Stiftungsdorf Halt macht.

Im Alten- und Pflegeheim selber sind Wohn- und Pflegebereich strikt voneinander getrennt. Das Restaurant ist geschlossen. Aber im so genannten "Wohnen mit Service" sind die Bewohnerinnen und Bewohner auch nur Mieterinnen und Mieter – und können sich frei bewegen. Annabell Karbe spricht mit jedem Bewohner einzeln und klärt über die Risiken auf. Doch alle 24 Stunden täglich begleiten – das kann sie nicht. Unmöglich.

Jetzt soll der Fahrer des Supermarktes zuverlässig auf die Abstandsregel hinweisen. Und ihren Mittagstisch bezieht Mathilde Dewers sowieso aus dem Haus. Vor wenigen Tagen noch wurde das Essen wegen Corona von Tür zu Tür geliefert. Jetzt holen sich die mobilen Seniorinnen und Senioren ihre Mahlzeit selber ab – die meisten zumindest.

Ansonsten, sagt Mathilde Dewers, habe sich nicht viel geändert. Es sei nur ein bisschen langweiliger. "Macht aber nichts", sagt sie – und ist froh, dass ihre Augen funktionieren. Denn, wenn sie nicht draußen mit ihrem "Leo", dem Hund oder ihrer Nachbarin unterwegs ist, dann liest sie und liest und liest.

"Es ist viel in Bewegung"

ein Haus in einem Garten [Quelle: Stiftungsdorf Rönnebeck, Annabell Karbe]
Von Außen wirkt alles fast ganz normal im Stifzungswohnheim Rönnebeck. [Quelle: Stiftungsdorf Rönnebeck, Annabell Karbe]

Reportage:
Corona-Krise: Wie verändert sich das Leben im Altenheim? [3:59 Minuten]

Das Stiftungsdorf Rönnebeck in Bremen-Rönnebeck ist ein Alten- und Pflegeheim mit rund 170 Bewohner*innen. Viele von ihnen leben autark in Appartements oder kleinen Bungalows, andere sind auf Langzeitpflege angewiesen. Seit Mitte März gilt ein Besuchsverbot. Angehörige dürfen das fünfstöckige Haupthaus und die Wohnungen der Seniorinnen und Senioren nicht mehr betreten. Auch Annabell Karbe, die Leiterin des Hauses, ist nur noch über den digitalen Kommunikationsweg zu erreichen.

Es kommen wirklich sehr viele Angehörige und bringen ... ihren Müttern und Vätern Essen vorbei. Sie bringen kleine Aufmerksamkeiten. Ich sehe viele Blumensträuße grade hier durch den Haupteingang reingehen. Also da ist auf jeden Fall ganz viel Bewegung.

Annabell Karbe

Die Pflegekräfte übergeben den Menschen, die das Haus nicht mehr verlassen können, die Mitbringsel. Die mobilen Bewohnerinnen und Bewohner dürfen sich mit ihren Angehörigen treffen – draußen und mit räumlicher Distanz.

Es gibt ja keine Ausgangssperre für die Senioren. Das ist ja ganz wichtig. Natürlich laden wir auch dazu ein, weil es allen gut tut, mal ein bisschen Sonnenlicht zu schnuppern und sich raus zu setzen.

Annabell Karbe

Einsame Mahlzeiten, kleine Freuden

ein Mann mit Brille und Schutzmaske [Quelle: Knut Hinz]
Mit kleinen Aufmerksamkeiten Freude bereiten: Darauf legt Knut Hinz Wert. [Quelle: Knut Hinz]

Drinnen hat sich viel verändert. Das Restaurant ist geschlossen. Die Bewohnerinnen und Bewohner bekommen jetzt ihr Essen auf die Zimmer geliefert. Koch Knut Hinz fährt mit einem Essenswagen von Tür zu Tür. So gut es geht, versucht er weiterhin, sein Lächeln zu verbreiten. Und er bereitet den Seniorinnen und Senioren kleine Freuden:

Da reicht schon mal ein Stück Schokolade in Herzenform oder mal ein Glückskleeblatt oder ein besonderes Brot oder Brötchen. Und das kriegen wir auch als Rückmeldung, dass sie sich über solche Dinge sehr freuen.

Man winkt sich dann eben mal zu durchs Küchenfenster, mehr als sonst, meint Hinz. Im Großen und Ganzen seien es die Kleinigkeiten, die derzeit große Freude bereiten. Und im Großen und Ganzen sei die Corona-Krise bereits Alltag geworden.

Das ist ja wie ein Bahnhof ohne Züge.

Die Nähe zu den Seniorinnen und Senioren sei nicht weniger geworden, sie sei eben nur eine andere. Und Knut Hinz wünscht sich nichts sehnlicher als ein Ende dieser Einschränkungen.

Reportage:
Corona-Epidemie: Kochen im Seniorenheim [3:45 Minuten]

Liebe Worte und Improvisationstalent

Gottesdienste, Gymnastiktreffen, Lesekreise, auch das gibt es nicht mehr. Jetzt sind liebe Worte gefragt, während der Pflege und zwischendurch. Der Aufwand ist gestiegen, bei einer ohnehin dünnen Personaldecke. Die Tagespflege ist geschlossen, hier werden jetzt Mundschutzmasken genäht. Der Mangel wird durch Improvisation verwaltet – Bänder für den Mundschutz organisieren, Stoffe, Shampoofläschchen für die Desinfektionsmittel der Pflegekräfte. Inzwischen ist Schutzkleidung eingetroffen, Annabell Karbe ist erleichtert. Eine Frage noch: Sind die Pflegenden tatsächlich die neuen Helden der Nation?

Naja, Helden sind eigentlich immer die, die in der Schlacht dann sterben. Ich weiß gar nicht, ob das so begehrenswert ist, Heldin zu sein.

Annabell Karbe

"So lange mein Herz mitarbeitet, bin ich hier richtig"

Ich sage immer, so lange mein Herz mitarbeitet, bin ich hier richtig, und wenn das vorbei ist, dann muss ich gehen. Birgit Stahmann

Das sagte die Pflegerin Birgit Stahmann kurz vor der großen Corona-Krise. Herzenssache sei ihre Arbeit, sagt sie. Und jetzt kommt die Sorge dazu. Birgit Stahmann arbeitet in der Langzeitpflege, sie kümmert sich um Menschen, die Schlaganfälle hatten, die dement oder nicht mehr mobil sind. Sie wäscht sie, duscht sie, kleidet sie an, reicht die Mahlzeiten an. Ohne Nähe geht es nicht – körperlich, aber auch seelisch.

Und dann müssen eben wir, als Pflegende, den Bewohnern mal ein paar mehr Kuscheleinheiten geben. Mal in den Arm nehmen, auch mal drücken, was wir ja sonst auch machen, aber jetzt eben auch noch mal ein bisschen mehr.
drei Frauen mit Mundschutz [Quelle: Stiftungsdorf Rönnebeck]
Birgit Stahmann und ihre Kolleginnen Linda Drechsel und Alina Ivanova. [Quelle: Stiftungsdorf Rönnebeck]

Ohne Nähe geht es nicht

In diesen Zeiten umso mehr, denn die Angehörigen müssen draußen bleiben. Nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner verstehen das, weil sie vergessen, weil sie dement sind. Die Pflegekräfte versuchen, vieles möglich zu machen – auch den Kontakt zu Angehörigen, natürlich mit der notwendigen Distanz. Das alles bedeutet natürlich einen erheblichen Mehraufwand. Weil aber die Tagespflege derzeit geschlossen ist, gibt es in der Langzeitpflege nun mehr Personal. Gut so, meint Stahmann, aber soziale Nähe gehe immer.

Das kann man auch machen, wenn man wenig Personal hat. Da haben die auch ein Anrecht drauf, diese alten Menschen.

Für Birgit Stahmann eine Selbstverständlichkeit. Aber sie ist besorgt. Ohne Mund-, Nasenschutz verlässt sie nicht mehr das Haus, ihr Desinfektionsmittel hat sie immer dabei. Denn sie würde es sich nie verzeihen, wenn sie selbst den Virus in sich trüge und ihn dann weitergeben würde. Das Stiftungsdorf Rönnebeck von der Bremer Heimstiftung ist für den Notfall mittlerweile mit ausreichend medizinischer Schutzkleidung ausgestattet. Dennoch wird Birgit Stahmann, seit es Corona gibt, ein mulmiges Gefühl nicht los.

Ich bete wirklich zu Gott, dass das nie passiert hier bei uns. Ich bin so froh, dass das hier noch nicht ist. Wirklich, das macht mich auch so ein bisschen glücklich.

Reportage:
Altenpflege: "Ohne Nähe geht es nicht." [3:38 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 20. April 2020, 07:10 Uhr

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