Livestream

Bremen Zwei Themen

Zentralafrikanische Republik

Fußballschule für den Frieden in Bangui

15. September 2018

Was läuft schief in einem Land, das Rohstoffe und gutes Klima hat, aber trotzdem für die meisten Menschen dort bittere Armut bedeutet? Die Zentralafrikanische Republik ist so ein Land. Misswirtschaft und Korruption führen dort seit Jahren zu Gewalt und Hunger. Die vereinten Nationen sehen dieses Land in der Mitte Afrikas als ärmstes der Welt. Unser Kollege Bernd Klose war vor einigen Jahren dort, um über Projekte der Welthungerhilfe zu berichten.

Naomi und Bernd Klose in Bangui [Quelle: Kai Löffelbein, Kai Löffelbein]
Naomi und Bernd Klose in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik [Quelle: Kai Löffelbein, Kai Löffelbein]

Fußballschule für den Frieden: Probleme anpacken [3:27 Minuten]

Kloses Sohn hat ihm einen Fußball für die Kinder dort mitgegeben. Daraus ist eine Idee entstanden: Warum nicht eine Fußballschule bauen – und damit einen Beitrag für den Frieden leisten? Jetzt ist Bernd Klose wieder hingeflogen. Nicht als unser Reporter, sondern privat – als einer der Ideengeber des Projekts. Ganz fertig ist die Schule noch nicht – aber das erste Spiel wurde dort jetzt angepfiffen.

"Der Traum vieler kleinen Jungen in Afrika!" [3:27 Minuten]

Bernd Klose über seine Rolle

Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache, hat der Journalist Hanns Joachim Friedrichs gesagt. Zu Recht. In diesem Sinne bin ich hier unten in der Zentralafrikanischen Republik kein guter Journalist. Ich schreibe hier ausdrücklich und mit meinem Heimatsender abgestimmt nicht als neutraler Reporter, sondern als jemand, der sich entschlossen hat, eine aus seiner Sicht gute Sache zu unterstützen. Ich reise privat nach Bangui und habe für diese Zeit Urlaub von meinem Programm Bremen Zwei genommen.

Naomi ist 14. Sie hat einen Traum: Sie will in der Fußball-Nationalmannschaft der Zentralafrikanischen Republik spielen. Sie will Profi werden und Geld für ihre Familie verdienen. Viele Chancen hat sie nicht in einem Land, das die Vereinten Nationen als eines der ärmsten der Welt einstufen. Im lokalen Radio hat sie von der Fußballschule für den Frieden gehört. Landesweit wurden Kinder aufgerufen sich zu bewerben. Hunderte sind in das Stadion der Landeshauptstadt Bangui gekommen. Naomi wurde ausgewählt – als eine der ersten.

Vor vier Jahren ist die Idee entstanden. Radio-Bremen-Reporter Bernd Klose war in der Zentralafrikanischen Republik, um über Projekte der Deutschen Welthungerhilfe zu berichten. Das Land ist seit Jahren von schweren Unruhen erschüttert. Misswirtschaft und Korruption haben Chaos gebracht – obwohl es eigentlich allen Menschen dort gut gehen könnte: Es gibt genügend Rohstoffe, das Klima erlaubt ertragreiche Landwirtschaft. Heute ist etwa ein Fünftel aller Menschen auf der Flucht vor Hunger und Gewalt, christliche und muslimische Milizen kämpfen um Macht und Geld. Das Land braucht dringend Hilfe.

Robert Koe mit Bernd Klose [Quelle: Kai Löffelbein]

Robert Koe, Botschafter des Friedens der Nicht-Regierungsorganisation "Les Freres Centraficaines" und Präsident der Fußballschule für den Frieden, zusammen mit Bernd Klose. Quelle: Kai Löffelbein, Kai Löffelbein

Naomi ist 14 Jahre alt [Quelle: Bernd Klose]

Naomi ist 14 Jahre alt. Sie wurde als eins der ersten Kinder in die Fußballschule für den Frieden in Bangui aufgenommen. Quelle: Bernd Klose

Israels an einer Nähmaschine [Quelle: Bernd Klose]

Israels Familie hat eine Nähmaschine. Mit ihr verdienen sie gerade genug zum Überleben. Quelle: Bernd Klose

Israels Vater näht, um etwas Geld zu verdienen. [Quelle: Bernd Klose]

Israels Vater ist Lehrer, findet aber keinen Job. Er näht, um etwas Geld zu verdienen. Quelle: Bernd Klose

Israel ist 14, auch wenn er deutlich jünger aussieht. [Quelle: Bernd Klose]

Israel ist 14, auch wenn er deutlich jünger aussieht. Er will als Fußballprofi seine Familie ernähren. Quelle: Bernd Klose

Naomi macht Hausaufgaben für die reguläre Schule [Quelle: Bernd Klose]

Hausaufgaben für die reguläre Schule. Nur wer hier gut ist darf auch in die Fußballschule gehen. Quelle: Bernd Klose

Naomi bekommt ihre Ausrüstung für die Fußballschule [Quelle: Bernd Klose]

Naomi bekommt ihre Ausrüstung für die Fußballschule von Vertretern der Organisation "Les Freres Centraficaines". Quelle: Bernd Klose

Naomi und ihre Mutter Anne-Marie vor ihrem Haus in Bangui [Quelle: Bernd Klose]

Naomi und ihre Mutter Anne-Marie vor ihrem Haus in Bangui. Quelle: Bernd Klose

Im Haus von Israels Familie [Quelle: Kai Löffelbein]

Im Haus von Israels Familie. Der Junge antwortet auf Sango, dem hier üblichen Dialekt. Ein Vertreter der "Les Freres Centraficaines" übersetzt ins Französische. Quelle: Kai Löffelbein, Kai Löffelbein

Naomis mit einem Ball in der Hand [Quelle: Bernd Klose]

Naomis Traum ist Nationalspielerin zu werden. Sie will ihrer Familie helfen und anderen Kindern zeigen, dass es Hoffnung gibt, wenn man sich anstrengt. Quelle: Bernd Klose

Naomis verkauft Kuchen in den Straßen von Bangui [Quelle: Bernd Klose]

Naomis Familie lebt vom Verkauf fritierter Fladen. Diese Kuchen verkauft sie täglich in den Straßen von Bangui. Quelle: Bernd Klose

Drei Männer sitzen an einem Tisch [Quelle: Radio Bremen]

Reporter Bernd Klose mit Kardinal Dieudonné Nzapalainga (rechts) und Imam Oumar Kobine Layama (links), den obersten Geistlichen der Katholiken und der Muslime in Bangui

Zwei Männer [Quelle: Radio Bremen]

Kardinal Dieudonné Nzapalainga (links) und Imam Oumar Kobine Layama (rechts), die obersten Geistlichen der Katholiken und der Muslime in Bangui

Konsul Peter Weinstabel und Bernd Klose [Quelle: Radio Bremen]

Konsul Peter Weinstabel im Interview mit Bernd Klose. Er vertritt die deutsche Diplomatie in Bangui.

Fußballspieler unterhalten sich [Quelle: Radio Bremen]

Halbzeit beim Eröffnungsspiel der Fußballschule in Bangui. Rund 300 Leute sind gekommen, um dieses Spiel zu sehen.

Jubelnde Fußballkinder [Quelle: Radio Bremen]

Bangui sagt danke für die Werder-Ausrüstung!

Organisationen wie die Welthungerhilfe geben Hoffnung, wo es kaum Hoffnung gibt. Damals hat Bernd Klose einen Ball nach Zentralafrika gebracht. Ein Geschenk für die Kinder. Sein Sohn hatte ihn gekauft, als er hörte, dass die Kinder dort sehr gerne Fußball spielen – aber meist keinen Ball haben.

Autor/-in: Bernd Klose
Länge: 34 Sekunden
Datum:
Sendereihe: Online | Radio Bremen

In Bangui dachten der damalige Landeskoordinator der Welthungerhilfe Georg Dörken und Bernd Klose dann an einen einfachen Bolzplatz, angeschlossen an Wohnhäuser der Bauern, die in Projekten der Welthungerhilfe nach Vertreibung und Leben in Flüchtlingscamps ein neues Leben beginnen sollten. Vielleicht könnte das französische Militär mit seinem schweren Räumgerät einen Platz ebnen, dazu ein paar einfache Tore.

Nach seiner Rückkehr kam eine E-Mail aus Bangui. Simplice heißt ein junger Mann, der für die Welthungerhilfe als Fahrer arbeitet. Er hat Klose auf seiner Reportertour begleitet. Über das Netz der Welthungerhilfe schrieb er:

Bernd, ich glaube du bist einer von denen, die uns hier unten nicht vergessen werden.

Simplice

Lucas auf seinem Bolzplatz [Quelle: Bernd Klose]
Lucas auf seinem Bolzplatz. Einen eigenen Ball hat er nicht. Er sagt, Gott habe ihm den Platz in der Fußballschule gegeben. [Quelle: Bernd Klose]

Für Klose war das eine bewegende Nachricht. Er bat den ehemaligen Sonderbeauftragten für Sport bei den Vereinten Nationen, den Bremer Willi Lemke, um Rat. Lemke war der erste, der die Idee in die richtige Bahn gelenkt hat. Er weiß aus seiner weltweiten Erfahrung um die Bedeutung von Sport und den damit verbundenen Werten für Frieden und Versöhnung. Und er hat den vielleicht entscheidenden Impuls gegeben. Zu ersten Mal war der Gedanke nicht "Bolzplatz", sondern "Fußballschule". Eine Fußballschule für den Frieden sollte entstehen. Erst lag nur eine lose Idee auf dem Tisch. Georg Dörken hat lange nach Geldgebern gesucht. Er hat Konzepte geschrieben, überarbeitet und neue Konzepte geschrieben. Die Lage im Land wurde dabei immer schwieriger. Es gelang Dörken aber einen Mann zu gewinnen, der im zentralen Afrika einen Status genoss, den nur Fußball-Legenden wie ein Pelé in Südamerika oder in seiner Zeit ein Franz Beckenbauer in Deutschland hatten: Anatole Koe, Rekord-Nationalspieler und Nationaltrainer seines Landes, dazwischen in den 1980er Jahren Profi bei Paris Saint Germain.

Israel (mitte) und sein Vater (links) bekommen die Ausrüstung für die Teilnahme an der Fußballschule überreicht.

Autor/-in: Bernd Klose
Länge: 17 Sekunden
Datum:
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Anatole Koe sagte zu, die Schule leiten zu wollen. Dies sei sein Lebenstraum, sagte er zu Dörken. Zu dieser Zeit war er bereits lange kein aktiver Fußballer mehr. Nach seiner Zeit als Profi und Trainer engagierte er sich politisch: Er wurde Präsident der in der Zentralafrikanischen Republik von Christen und Muslimen gleichermaßen anerkannten Organisation "Les Feres Centrafricaines". Aus dieser Rolle heraus konnte er vielleicht die Akzeptanz für das Projekt schaffen, die es braucht, um den Hass zu überwinden. Koe schrieb einen Brief an Lemke mit der Bitte um Hilfe für sein Land – um eine Fußballschule, die Kindern eine Perspektive geben sollte. Dörken hat mit diesem Brief und seinen Konzepten zwei Jahre lang Klingen geputzt.

Die Reportage zum Hören: Eine Fußballschule für den Frieden in Bangui [3:16 Minuten]

Dann war das Bundesministerium für Entwicklung überzeugt von der Idee und war bereit, die Schule aufzubauen. Die Welthungerhilfe hat die Verantwortung für den Aufbau und die Kontrolle über die Finanzierung übernommen. Der Deutsche Fußballbund hat Unterstützung zugesagt. Und mit Werder-Bremen-Präsident Hubertus Hess-Grunewald war Bremens Erstligaverein dabei: Große Teile des Profi-Materials, das nach einem Sponsoren-Wechsel ausgemustert wurde, hat der Club gespendet.

Georg Dörken von der Welt-Hunger-Hilfe im Gespräch mit Bernd Klose [Quelle: Kai Löffelbein, Kai Löffelbein]
Georg Dörken von der Welt-Hunger-Hilfe im Gespräch mit Bernd Klose. [Quelle: Kai Löffelbein, Kai Löffelbein]

Es gab viele Rückschläge. Anatole Koe ist zum Jahreswechsel gestorben – unter ungeklärten Umständen. Sein Bruder Robert hat seine Aufgaben übernommen. Die Fußballschule wurde gebaut und steht kurz vor der Eröffnung. Naomi ist eine der der ersten rund 150 Kinder, die aufgenommen werden. Auch Lukas und Israel sind dabei. Gott habe ihm den Platz in der Fußballschule gegeben, sagt Israel in Bernd Kloses Mikrofon. Sein Blick zeigt, wie ernst ihm dieser Satz ist. Alle drei müssen in der Schule Leistung bringen und später eine Ausbildung machen, dazu Sozialprojekte in ihrer Nachbarschaft. Nur dann dürfen sie in der Schule bleiben.

Autor/-in: Bernd Klose
Länge: 10 Sekunden
Datum:
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Fußball ist die Belohnung für die Achtung der Werte, die die Kinder aufnehmen sollen. Niemand hier denkt an eine Kaderschmiede für den weltweiten Millionen-Apparat Profifußball. Genau das soll diese Fußballschule nicht sein. Aber wie viele Kinder haben auch Naomi, Lukas und Israel Träume. Naomi sagt, sie hat eine Chance bekommen. Sie will sie für ihre Familie nutzen. Und sie will später andere Mädchen überzeugen, dass ihr Weg ein guter Weg ist. So soll die Idee des Friedens durch Sport im ganzen Land verbreiten. Naomi lernt freiwillig Französisch. Profis brauchen das. Und wer ein Ziel hat, muss losgehen.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 10. September 2018, 10:20 Uhr

Bremen Zwei
Info & Service
Themen-Archiv