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Jazz-Club-Jubiläum

60 Jahre Alluvium

20. Mai 2019

Im Juni 1959 wurde der "Jazzclub 1502" eröffnet, im Keller des Degodehauses, eines mittelalterlichen Fachwerkhauses in der Oldenburger Innenstadt, erbaut 1502. Jugendliche Jazzfans hatten das Gewölbe bei einem Schulprojekt entdeckt und mit Erlaubnis des Besitzers den Club eingerichtet. Bald allerdings stand schon ein erster Umzug an und auch ein Namenswechsel: in Jazzclub Alluvium.

Das Degodehaus in Oldenburg. [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]
Anziehungspunkt: Das Degodehaus in Oldenburg. [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]

Der 60. Geburtstag wird jetzt mit einer Reihe von besonderen Konzerten gefeiert. Reporterin Kristin Hunfeld hat einen Oldenburger getroffen, der von Anfang an dabei war, und mit ihm erst mal die historische Örtlichkeit besichtigt, die mitten in der Fußgängerzone liegt.

60 Jahre Alluvium [4:57 Minuten]

Die Gründung

Das Degodehaus ist eine Attraktion für Touristen und Einheimische gleichermaßen, man bleibt automatisch stehen, um den hohen gelbgetünchten Giebel mit den feinen Malereien zwischen dem Fachwerk zu bestaunen. Die unscheinbare Metallplatte am Boden und die mit zwei Scharnieren an die Wand geschraubte Holzklappe unter dem seitlichen Schaufenster, in dem fußgesunde Schuhe ausgestellt sind, dürfte dagegen den wenigsten auffallen. Hier befand sich 1959 der Eingang zum neugegründeten Jazzclub. Charly Ahlers erinnert sich:

Da unten, diese Metallklappe, damals war die zweigeteilt, die wurde aufgemacht, hier diese Holztür zur Seite geschoben und dann ging es unten hinein in den Keller. Und dann war das so ein kleines Kellergewölbe, gemauert, und 'ne kleine Bühne.

Charly Ahlers kannte die älteren Jungs, die den Club aus der Taufe gehoben hatten, aus dem städtischen Jugendzentrum. Er selbst war sechzehn, wohnte nur ein paar Hausecken weiter und wurde schnell zum regelmäßigen Gast. Im Keller lief traditioneller Jazz, New Orleans und Dixieland, und die ersten Bands traten auf.

Das war natürlich alles sehr unbeholfen, es gab ja auch keine Möglichkeiten, Jazz zu lernen. Man konnte zwar alle Instrumente in der Jugendmusikschule lernen, aber nur auf klassischer Basis. Hier waren keine auswärtigen Bands, sondern hier wurde von hauseigenen Leuten irgendwie Musik gemacht.

Dazu wurde geraucht, vorzugsweise ohne Filter, dafür gab es keinen Alkohol.

Bluna und Coca Cola, das waren die beiden Getränke, Bier, Schnaps gab es nicht.

Ein neuer Keller für den Club

Charly Ahlers vor dem Degodehaus in Oldenburg am Kellereingang des ehemaligen Jazzclubs. [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]
Charly Ahlers war von Anfang an dabei... [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]

Trotzdem machten die städtischen Behörden den Jazzclub schon 1960 wieder dicht. Zu eng war es im Keller, zu voll und es gab keinen Notausgang. Charly Ahlers:

Und dann hat ja die Stadt eingegriffen, unter der Aufsicht des Stadtjugendamtes, uns einen Bunker angeboten, am Heiliggeistwall, der aber unter Wasser stand, und dann kam ja die Geschichte mit der Zeughausstraße.

Dort, wieder im Keller, unter der damaligen Berufschule, fand der Club ein neues Zuhause, nannte sich fortan Jazzclub Alluvium und Charly Ahlers rückte auf zum ordentlichen Mitglied, später dann zum Vorsitzenden. Die äußeren Bedingungen waren nach wie vor bescheiden, erzählt er.

Lichtspiele gab es nicht, über dem Podium waren drei kleine Lampen, dann war ein Mikrofon für die gesamte Band da. Es gab keine Heizung, wir hatten so 'nen Kanonenofen. Der Hausmeister der Berufsschule heizte abends ein, aber nur Samstags, wochentags war’s da saukalt.

Gäste aus dem In- und Ausland

Die Flower Street Jazz Band, in der Charly Ahlers mittlerweile Kontrabaß spielte, wurde zur Hausband. Und es kamen auswärtige Musiker, manche mit durchaus illustren Namen.

Ach, wir haben nachher Carla Bley gehabt und natürlich die großen Briten, ob Monty Sunshine und Ken Colyer, das waren Riesen-Veranstaltungen, in diesem kleinen Raum. Aber hier waren ja auch Leute wie Albert Mangelsdorff, schon in früher Zeit. Das war aber auch damals schon sehr moderne Musik, wo wir uns alle, die wir ja Oldtime Jazzmusik machten und auch hörten, dran gewöhnen mussten. Aber das war schon beeindruckend.

Wenig beeindruckt von den Räumlichkeiten war Inge Brandenburg, die damals als beste westdeutsche Jazzsängerin galt und auch international ein Star war.

Ich kann mich erinnern, dass ich sie in Empfang genommen habe und dann sagte sie, wo ist die Garderobe und wir hatten nur eine Toilette. Das war der einzige Raum wo man sich umziehen konnte. Und ich machte die Tür auf und zeigte ihr das. Da war die so empört, die wäre am liebsten wieder abgehauen. Es war aber ein mitreißendes Konzert hinterher.

Chris Jarrett und Oliver Herbolzheimer

1978 startete Chris Jarrett im Jazzclub Alluvium seine eigene Karriere als Pianist. Den sechzehn Jahre jüngeren Bruder des damals schon berühmten Keith Jarrett hatte es in eine Land-WG ins nahe Oberlethe verschlagen. 2001 wurde Chris Jarrett, nach vielen weiteren Auftritten im Alluvium, zum Ehrenvorsitzenden ernannt.

Oliver Herbolzheimer, Sohn des großen Bandleaders, Posaunisten und Komponisten Peter Herbolzheimer, kam 1984 nach Oldenburg. Und entdeckte umgehend das Alluvium, mit seiner klassischen Jazzkeller-Atmosphäre.

Ich bin ja jazzaffin, bin ich ja irgendwie 'reingeboren, und da kam man ja am Alluvium gar nicht vorbei. Und zu der Zeit wurde ja auch noch geraucht. Da war ja die Atmosphäre im wahrsten Sinne des Wortes verraucht. Jazzig verraucht.

Oliver Herbolzheimer

Treue Fans bis heute

Heute, 25 Jahre und diverse Alluvium-Umzüge später, raucht niemand mehr, es gibt eine bühnentauglich Lichtanlage und ordentliche Toiletten, aber es stehen noch immer Kerzen auf den Tischen, so wie damals im Keller an der Zeughausstraße. Bei der monatlichen Session sitzt Tommy Lee Gilbert in der ersten Reihe vor der Bühne. Der Amerikaner hat das Alluvium Ende der 80er Jahre entdeckt, als er mit der US-Army in Osterholz Scharmbeck stationiert war. Jetzt ist er Rentner und kommt regelmäßig zu den Sessions und Konzerten.

Ich bin aus Georgia und der Jazz hat von Loisiana aus die Welt erobert, als schwarzer Amerikaner bin ich darauf stolz. Und hier hört man so viele verschiedene Arten des Jazz. Noch nie war eine Band da, die mir nicht gefallen hat. Meine Freundin und ich sagen immer, das Alluvium ist unser zweites Wohnzimmer.

(Tommy Lee Gilbert)

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 18. Mai 2019, 17:14 Uhr

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