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Sankt Martin – auch heute noch ein Vorbild

Von Andreas Gautier

11. November 2018

Ich sitze bei meinem evangelischen Kollegen und bereite mit ihm den Gottesdienst und Laternenumzug zu Sankt Martin vor. Dieser ist abwechselnd bei ihm in der Kirche und bei uns in der katholischen. Und dann kommt es zur Frage nach dem genauen Datum. "Den Umzug an Sankt Martin machen wir aber am zehnten November und nicht am Elften!" höre ich ihn voller Überzeugung sagen. Kurz überlege ich, ob er meint, dass wir den Geburtstag Martin Luthers feiern wollen. Aber nein. Er kennt sich einfach gut mit der Geschichte des Heiligen Martin von Tours aus. Und ich muss gestehen, ich habe noch mal ausführlich nachgelesen, woher die Tradition des Laternelaufens kommt. Zu meinem Erstaunen fand ich zwei Begründungen. Die Erste war mir bekannt. Martin, der vor 1.700 Jahren Bischof von Tours in Frankreich war, starb auf einer Reise. Sein Leichnam wurde zurück nach Tours gebracht, wo er am 11. November beigesetzt werden sollte. Daher der Feiertag heute. Am Abend vorher gingen die Bürgerinnen und Bürger von Tour dem Sarg ihres Bischofs entgegen und begleiteten ihn dann in einem Fackelzug in und durch die Stadt.

Dass Kinder mit Papierlaternen laufen, so lese ich, hat seinen Ursprung aber in Erfurt. Dort versammelten sich Kinder auf dem Domplatz am Geburtstag Martin Luthers und damit am Vorabend von Sankt Martin mit ihren Lichtern. Irgendwie also eine Ironie der Geschichte, dass sich eine Lichterfeier für jemanden etablierte, der gegen die Verehrung von Heiligen war.

Was mich bei der Recherche aber noch mehr wundert, ist der Blick ins Impressum. Die Internetseite, auf der ich immer Heiligengeschichten nachlese, wird von einem evangelischen Pfarrer betrieben. Nach eigenen Angaben soll sie sogar die meistbesuchte christliche Infoseite sein.

Vielmehr merke ich bei meinem evangelischen Kollegen in unserem Gespräch, dass ihn die Lebensgeschichte des Martin bewegt. Es ist das, warum Menschen seit 1.700 Jahren diesen Martin aus Tour nicht vergessen. Er ist vielen zum Vorbild geworden. Die Geschichte mit dem Bettler, dem er seinen halben Mantel schenkt, bringt es auf den Punkt: Elend sehen, Hilfe leisten und dabei bescheiden bleiben. Drei Tugenden, die für uns beide wichtig sind, unabhängig von unserer Konfession. Drei Tugenden, die in allen Zeiten wichtig waren. Sankt Martin – ein Vorbild, an dem wir uns auch heute noch orientieren können.

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