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Auf ein Wort

(Un)soziale Netzwerke

Von Simone Lause

28. Juni 2020

Pöbeln, beschimpfen, drohen. Immer wieder hören und lesen wir, dass Menschen in den sogenannten sozialen Netzwerken das vergessen, was wir eine gute Kinderstube nennen, Anstand und Manieren. Ausgerechnet in sozialen Netzwerken! "Sozial" meint doch ein geregeltes Zusammenleben, menschliche Beziehungen und das Gemeinwohl – weg vom Fokus auf persönliche Interessen. "Netzwerk" steht für einen guten Draht und für Verbundenheit. Was davon ist übrig bei Facebook, Twitter und Co? Woran liegt das und wie gehen wir damit um? Handelt es sich in Wirklichkeit um unsoziale Netzwerke?

Tatsächlich gibt es viele positive Botschaften, die täglich über die Netzwerke verbreitet werden. Zugegeben manchmal Profanes oder Oberflächliches. Aber auch witzige Impulse, nützliche Tipps, Mut machende Botschaften und nachdenklich stimmende Appelle. Ich habe in den sozialen Netzwerken Menschen wieder getroffen, die ich jahrelang aus den Augen verloren hatte, zum Beispiel einen ehemaligen Mitstudenten aus Südkorea. Seine Sicht auf die politischen Annährungsversuche zwischen Nord- und Südkorea fand ich hoch spannend.

Andererseits nutzen Menschen den Online-Bereich, um ihre Unzufriedenheit kund zu tun. Manchmal lässt sich schwer erkennen, womit genau sie unzufrieden sind. Weil Argumente fehlen, sind es oft pauschale Parolen, hinter denen sie sich verstecken. Und schon ein einziger Gleichgesinnter gibt ihnen vermeintlich Recht in ihrer Haltung. Das verbindet – leider.

Es ist übrigens leichter, sich online zu verstecken, als beim üblichen Stammtisch. Dort zeigt man Gesicht und guckt seinem Gegenüber in die Augen. Man ist – um die Kommunikation aufrecht zu erhalten – darauf angewiesen, auch mal zuzuhören. Eine andere Form von Verständigung und Verstehen.

Vielleicht liegt es an uns, diese Wahrnehmung zu übertragen. Möglicherweise lohnt es sich, mal nachzufragen: "Was ist Ihnen konkret widerfahren, dass Sie sich so abfällig zu einem Thema äußern? Was genau hat Ihnen die Person getan, dass Sie sie beschimpfen? Geht es Ihnen nicht gut?" Das mag zunächst schwer fallen, ist aber vielleicht ein Anfang für die Schule der Nächstenliebe, die wir brauchen können – auch digital.

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