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Auf ein Wort

Familie in Zeiten von Corona

Von Simone Lause

21. Juni 2020

Clarissa ist Ende Februar geboren. Ihre Großeltern haben sie bis heute nicht gesehen – beide Omas leiden unter einer Herzerkrankung und gehören zur Hoch-Risikogruppe.

Covid-19 hält einerseits Familien eng zusammen, andererseits trennt das Coronavirus Menschen voneinander. Besonders hart getroffen hat es die Bewohner in Pflegeheimen und ihre Angehörigen. Von einem Tag auf den anderen war der Kontakt verboten: Ein Begrüßungsküsschen, eine sanfte Berührung der Hand, einfach mal in den Arm nehmen – all das geht nicht. Auch nicht für demenzkranke Menschen, die manchmal besonders auf körperliche Berührung reagieren.

Die Pflegekräfte haben mit all ihren Möglichkeiten versucht, diese Defizite zu kompensieren – und das über Wochen. Der enge Kontakt mit den Bewohnern verpflichtet sie bis heute zu strengster Disziplin, was die Hygiene und die Kontaktbeschränkungen angeht – und zwar eben auch im privaten Bereich. Sie stellen sich dieser hohen Verantwortung – klaglos.

Nun sind seit fünf Wochen wieder Besuche in den Pflegeheimen möglich. Allerdings waren es Wiedersehen ohne intensive Umarmung. Die sicher große Sehnsucht auszudrücken, das ging nicht. Stattdessen begegnen sich Bewohner und Angehörige mit Mund-Nase-Schutz oder hinter einer Plexiglas-Scheibe, um eine Infektion auch weiter auszuschließen. Die Stimme klingt durch Stoff oder Scheibe gedämpft, die Mimik ist nicht zu erkennen. Auch das ist fremd, ungewohnt und gelegentlich schwer auszuhalten für Menschen, die sich ein Leben lang nah waren.

Es gibt allerdings durchaus Bewohner, die sich mit der Situation arrangiert haben. Die Mitarbeitenden in den Einrichtungen haben vieles aufgefangen: Liebe Worte, Spaziergänge, Telefon- und Skype-Gespräche organisieren, Gaumenfreuden, Gymnastik, Gartenkonzerte – mit ausreichend Abstand. So mancher Angehöriger wundert sich, dass es dem Bewohner so gut geht und fragt sich möglicherweise: Wurde ich denn gar nicht vermisst? Auch das ist ein neues Gefühl, das man erst einmal einordnen muss.

Wir werden uns noch über längere Zeit anders miteinander verständigen müssen, als wir es uns vielleicht wünschen. Lassen Sie uns die jeweilige Situation annehmen, uns darauf einlassen, lernen, damit umzugehen und die Freude nicht verlieren – an der Begegnung und am Austausch.

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