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Alltagsmasken

Von Dr. Andreas Gautier

3. Mai 2020

"Ich habe gerade einen Hunde-Mundschutz gesehen", sagte mir diese Woche eine Freundin. Ich fragte nur "Was? Einen Mundschutz für Hunde?" Nein. Sie meinte eine selbstgenähte Alltagsmaske mit Hunden auf dem Stoff. Sah wohl ganz süß aus. In den vergangenen Wochen bin ich immer wieder über Skurriles im Umgang mit dem Corona-Virus gestolpert, das mir teilweise ein Lächeln abverlangt hat.

Bleiben wir mal beim Thema Hund: So wurde in einem meiner sozialen Netzwerke vor drei Wochen die Frage aufgeworfen, wie die Ausgangsperre mit dem Gassi-Gehen vereinbar sei. Man müsse doch mit dem Hund raus. Ich schüttelte da gerade meine noch regennasse Jacke aus und dachte: Außer mir und meinem Vierbeiner war bei diesem Wetter ohnehin niemand draußen. Wen hätte ich da anstecken sollen? Oder sind fünf Hundebesitzer, die sich gleichzeitig, aber mit großem Abstand auf einer Wiese aufhalten, schon eine Versammlung? Müssen vielleicht die Hunde mitgezählt werden, weil sie zu dem laufen, der gerade Leckereien rausholt? Schließlich halten sie sich nicht an die Abstandsregeln? Ist irgendwie unlogisch, wenn ich so drüber nachdenke. Aber mein erster Impuls bei der Hundemaske war ja auch eine Maske für den Hund. Mein Dackel würde jedenfalls so lange zivilen Ungehorsam leisten bis er das Ding wieder losgeworden wäre.

In meiner Gemeinde begegne ich dem Impuls zu solch einem Ungehorsam auch. Viele Gemeindemitglieder sehnen sich danach wieder Gottesdienst feiern zu können. Es ist eben doch etwas anderes, vor dem Fernsehen zu sitzen oder in einer Kirche gemeinsam mit anderen zu singen, den Raum zu erleben, andere Menschen zu sehen. Gottesdienst spricht eben viele Ebenen der Wahrnehmung an. Vor dem Fernseher kommen diese dann doch etwas kurz. So schwer es fällt: Auch die Kirchen stehen in der Verantwortung, die Ausbreitung der Pandemie nicht zu begünstigen. Daher fallen seit Wochen alle Gottesdienste aus. Wir hoffen in den nächsten Wochen wieder mit kleinen Personenzahlen Gottesdienste feiern zu können. Ziviler Ungehorsam ist da nicht angebracht.

In dieser Woche fragte mich eine Kollegin: Was würde eigentlich Jesus in dieser Situation tun? Eingefallen sind mir dann Bibelstellen, die das wiedergeben, was ich im Moment in unserer Kirchengemeinde und an vielen anderen Orten sehe: die Bedürftigen und Kranken in den Blick nehmen und helfen, wo es geht. Das tun, was man selbst in der Lage ist zu tun. Und das auch ohne große öffentliche Aufmerksamkeit.

So hat es Jesus mit den Schwerkranken seiner Zeit auch gemacht. Sie wurden unter Quarantäne gestellt, man nannte sie Aussätzige. Auch damals galt ein Social Distancing. Auch Jesus hat diese Maßnahmen nicht untergraben oder dagegen protestiert. Aber er hat die Betroffenen mit ihren Sorgen ernst genommen, Hilfe angeboten und Leid gemildert. Der Rahmen seiner Möglichkeiten war dabei größer als meiner. Ich könnte niemanden durch Handauflegung heilen. Aber das, was mir möglich ist, kann ich anbieten. Die Alltagsmasken, die wir seit dieser Woche tragen, sind für mich solch ein Beitrag.

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