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Auf ein Wort

Homeoffice

Von Dr. Andreas Gautier

26. April 2020

Wenn man wie ich im Pfarrhaus wohnt, ist es eigentlich immer wie im Homeoffice. Ich muss zwar aus der Wohnung heraus und einmal über den Flur, aber aus dem Haus muss ich dafür nicht. Wenn dann morgens die Kinder und die Frau aus dem Haus sind, heißt es für mich noch schnell alles aufräumen, mit dem Hund raus und dann an den Schreibtisch.

Seit ein paar Wochen hat sich die Situation aber geändert. Nun haben alle Homeoffice. Zwischendurch muss immer wieder an Hausaufgaben erinnert werden. Oder ich muss an den Küchentisch umziehen, weil in meinem Büro eine Videokonferenz stattfindet. Im Moment ist einfach alles anders. An ein Arbeiten wie gewohnt ist nicht zu denken. Die gewohnten und auch geliebten Routinen bleiben aus. Ich sehe mich häufig tief durchatmen oder bin angenervt, weil ich meinen Schreibtisch nicht so abarbeiten kann, wie ich es gewohnt bin.

Und dann gab es im Supermarkt wieder Mehl. Und das veränderte alles. Meine Frau stellte sich abends in die Küche, setzte Teig an und zum Frühstück gab es frisch gebackene Baguettes. Die gab es wochentags noch nie! Dazu fehlt normalerweise in der morgendlichen Hektik einfach die Zeit. Weil die Kinder aber nicht pünktlich in der Schule sein müssen und Arbeitswege wegfallen, bleibt jetzt die Zeit, die es morgens braucht, um den Ofen heiß zu machen. Ein tolles Gefühl.

Auch, wenn ich das Gefühl hatte und habe, dass die Welt gerade aus den Angeln gehoben ist, beschlich mich doch etwas Neues: Alles ist anders, aber nicht unbedingt schlechter. In der Bibel schreibt der Prediger Kohelet: "Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein; Trag jederzeit frische Kleider und nie fehle duftendes Öl auf deinem Haupt! Mit einer Frau, die du liebst, genieß das Leben alle Tage deines Lebens."

Klingt doch irgendwie nach einer Anweisung für diese Zeit: Ich soll mich nicht gehen lassen und das Duschen nicht vergessen. Auch anziehen soll ich mich jeden Tag und nicht im Schlafanzug den Tag vertrödeln. Brot soll ich essen und mit der Frau, die ich liebe, die Tage meines Lebens genießen. Und hierin liegt für mich das Besondere dieser Zeit: Im ganzen Trubel des Alltags fiel es mir häufig schwer, die Tage zu genießen. Und nun kommt dieses Gefühl ganz unvermittelt an einem Wochentag beim Frühstück auf. Zu einer Zeit, die sonst an Hektik nicht zu überbieten ist.

Danke, Kohelet, für Deinen Ratschlag. Aber eines muss verschoben werden: den Wein gibt es noch nicht zum Frühstück!

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