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Auf ein Wort

Kochkunst

Von Winfried Herzog

9. Februar 2020

Beim Blick in das Fernsehprogramm lässt sich kaum übersehen, dass es da erstaunlich viele Kochsendungen gibt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht auf irgendeinem Kanal gerade etwas geschnippelt und gebrutzelt wird oder irgendwelche Kochteams gegeneinander ankochen. Kochshows sind beliebt, auch wenn sich dadurch die Kochqualität der zuschauenden Hobbyköche nicht wesentlich verändert, wie ich kürzlich gelesen habe. Kochkompetenz erwächst offensichtlich aus dem Ausprobieren und Selberkochen. Das Zuschauen allein reicht nicht und nährt nur eine Illusion des Kochens.

Wenn man in die Geschichte blickt, so gehört das Kochen zu den ältesten Kulturleistungen des Menschen und ist eng mit der Entdeckung des Feuermachens verbunden. Aus Rohem konnte Gekochtes werden und Kochen wurde so zu einer höchst kreativen Angelegenheit.

Der Schriftsteller Martin Suter hat es in seinem Roman "Der Koch" einmal so beschrieben: "Kochen (ist) nichts anderes als Verwandeln. Kaltes in Warmes, Hartes in Weiches, Saures in Süßes." Und er fügt ganz ambitioniert hinzu: "Ich möchte noch weitergehen. Das Verwandelte weiterverwandeln. Das Weiche, zu dem das Harte verwandelt ist, in etwas Knuspriges. Oder in etwas Schaumiges. Oder in etwas Schmelzendes." Aus all diesen Zeilen spricht die pure Lust, "aus dem Vertrauten etwas Neues zu machen. Aus dem Erwarteten etwas Überraschendes." Kochkunst auch als Lebenskunst.

Doch die Realität sieht häufig anders aus. Immer mehr Menschen lassen sich durch industrielle Fertigprodukte abspeisen, so dass das Kochen zum Warmmachen verkommt. Schön verpackt und wohlklingend spricht man dann von Convenience-Food. Convenience heißt übersetzt Annehmlichkeit. Und dieser Name ist Programm. Der Umsatz an Fertigpizzen und Tütensuppen steigt. Die Qualität leidet. Die Langzeitfolgen sind noch unübersehbar.   

Es nehmen also immer weniger Menschen den Kochlöffel noch selbst in die Hand, um ein handwerklich gut gemachtes, frisches Produkt herzustellen, das voller Energie ist und uns wirklich satt macht. Ganz zu schweigen davon, dass aktives Gestalten und kreativ werden unser Belohnungssystem im Gehirn ganz anders befeuert als nur das passive Zuschauen. Denn die damit verbundenen Glücksgefühle sind zum Glück noch nicht käuflich erwerbbar. Nicht umsonst heißt es: "Liebe geht durch den Magen." Und diese Liebe kann sich leider nicht vor der Mikrowelle oder dem Fernseher entfalten, sondern nur, wenn wir selbst aktiv und kreativ werden und so aus unserem Leben etwas Schmackhaftes und wirklich Nahrhaftes machen.

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