Livestream

Bremen Eins Serien Auf ein Wort

Auf ein Wort

Adventszeit aus den Augen eines Kindes

Von Vikarin Julia Frohn

22. Dezember 2019

Dezember 2001. Ich bin 8 Jahre alt. Ich laufe an der Hand meines Opas durch die Bremer Innenstadt. Um uns herum wirbeln Hunderte verschwommener Gestalten. Die ein oder andere Berührung bleibt nicht aus. Es ist so eng. Der Händedruck meines Opas wird fester. Bei ihm bin ich sicher. Es ist Weihnachtszeit. Er hatte schon gesagt, dass es voll werden würde. Die Gerüche nehme ich schon von Weitem wahr. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen.

Da reiht sich Bratwurst an Schmalzkuchen – gebrannte Mandeln an gebratene Champignons. Wir biegen um die Ecke. Lichter in allen Farben strahlen mir ins Gesicht. Mein Mund klappt auf. Überwältigend. Ein kleines Häuschen reiht sich an das andere. In dem einen liegen Süßigkeiten in allen Formen und Farben. In dem anderen glitzern handgefertigte Schneekugeln. Musik schallt aus den Boxen des Autoscooters. Andere Töne erklingen vom Kettenkarussell auf der gegenüberliegenden Seite. Damit würden wir heute auch fahren, hat mein Opa gesagt. Und dann Bratwurst und gebrannte Mandeln essen. Punsch trinken. Genießen. Die Menschen um uns herum sind längst vergessen. Opa und ich sind in unserer eigenen Welt. Einen ganzen Tag lang. Auf dem Weihnachtsmarkt. Genuss pur.

Heute als Erwachsene nehme ich die Adventszeit eher aus der Perspektive jener verschwommenen Gestalten wahr, die mir damals über die Köpfe ragten. Es gibt so viele Dinge, die erledigt werden wollen. Das ein oder andere Geschenk lässt sich einfach nicht auftreiben. Weihnachtskarten wollen geschrieben werden. Hinzukommen die Weihnachtsfeiern, die Baumsuche und die Planung des Menüs für den 1. Weihnachtstag. Hektik legt sich über die als so besinnlich bezeichnete Adventszeit. Je näher ich Weihnachten komme, desto panischer werde ich beim Blick auf meine To-Do-Liste. Vom kindlichen Genuss keine Spur.

So wie früher einfach mal wieder Adventszeit genießen. Mir bewusst Zeit nehmen. Für die kleinen Dinge. So soll es sein dieses Jahr. Denn auch Gott kam klein in diese Welt. Als Kind in einer Krippe liegend. Und er wurde mit Freude und Geduld erwartet. Adventszeit ist Wartezeit. Keine Hektik. Aus Kinderaugen betrachtet. Genuss pur.

Auf ein Wort
Mehr zur Beitragsreihe "Auf ein Wort"