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Erntedank mit Kohlenschütter

Von Holger Gehrke

6. Oktober 2019

Heute feiert die Kirche "Erntedank". Und in den meisten Kirchen singt die Gemeinde den "Klassiker" für dieses Fest: "Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land". Im Posaunenchor haben wir es letzte Woche auch noch mal geübt. Damit die heutige musikalische "Ernte" auch angemessen, also harmonisch korrekt und musikalisch gut gestaltet erklingt. Denn auch im Zeitalter von Agrarindustrie und Massentierhaltung gedenken wir doch, romantisch verklärt, immer noch des Bauern, der von Hand aussähend über seinen Acker schreitet und später im Schweiße seines Angesichtes und mit der Sichel oder Sense in der Hand sein Korn mäht, drischt und in seine Scheune einbringt. Zugleich wissen wir aber auch: Wäre das heute noch so, dann hätten wir alle nicht genug zu essen auf dem Tisch. Wäre es so, dann würde eine einzige Missernte in einem Hungerwinter enden.

Auf den Altären, um die sich die Posaunen- und Singchöre heute versammeln, werden nach wie vor Getreide-Garben dekoriert sein – wenn man sie denn noch irgendwo auftreiben konnte. Mein alter Kindergottesdienst-Pastor, der seine erste Pfarrstelle in einer Zechensiedlung im Ruhrgebiet hatte, pflegte alle Jahre wieder dieselbe Geschichte zu erzählen, dass nämlich zu Erntedank in dieser Kirche der Kumpels nicht nur Getreide-Garben, sondern auch volle Kohlenschütter auf dem Altar standen.

Als Kind musste ich früher auch immer noch in den Keller, um den Kohlenschütter wieder zu füllen und hoch zu schleppen – für die Kohle-Öfen in unserer Wohnung. Die Kumpel verdienten mit der Kohle ihren Lebensunterhalt und wir brachten damit Wärme in unsere winterkalte Wohnung, deren Fenster aus Einfachglas und deren Dächer ungedämmt waren. Heute würde es wohl keiner wagen, einen Kohlenschütter auf den Altar zu stellen! Was damals "schwarzes Gold" war ist heute zum Umweltfeind Nr. 1 geraten. In Greetsiel hätten die Fischer einen Korb Granat auf den Altar gestellt und in Aachen eine Dose mit Printen. Davon lebten die Menschen, das gab ihnen Arbeit und Brot und sorgte für ein lebenswertes Leben. Aber die Zeiten ändern sich. Und damit Denken und Danken.

Und wofür würden wir heute danken? Vielleicht ja auch gar nicht mehr?! Wozu solche Demut, wenn alles doch am Ende eine Frage kluger Planung und Produktion ist? Warum auch danken, wenn wir doch mehr produzieren, als wir selbst verbrauchen und brauchen und zu Exportweltmeistern geworden sind?

Ja, Fleiß, kluge Planung und perfekte Produktion, verlässliche Logistik und manches mehr sind unabdingbar. Aber keine Garantie für ein gutes Leben, dass allezeit sein Auskommen hat. Zumindest dieser eine Tag im Jahr, Erntedank, könnte uns innehalten lassen, ein wenig demütig die Frage aufwerfen, ob wirklich alles so selbstverständlich ist im Leben. In den Kirchen werden sie weitersingen heute: "…es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott." Wenn kein Segen darauf ruht, werden wir es schnell merken. Aber vielleicht muss es so weit ja erst gar nicht kommen…

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