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Auf ein Wort

Vom Warten

Von Sabine Kurth

8. September 2019

Haben Sie schon mal das Märchen vom Warten gehört? Es ist schon sehr alt und eigentlich in Vergessenheit geraten. Es war in der Zeit, als Menschen noch Freude am Warten auf etwas hatten. In der Menschen besonders genießen konnten, wenn das Warten belohnt wurde. Lange her und kaum noch wahr. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich als Kind gefreut habe, wenn aus den Samen das erste Grün aus der Erde kam. Immer mehr wuchs es und dann durfte ich das erste Mal zupfen. Ja, die Möhre war wunderbar. Heute geht es in den Supermarkt, Dose in den Korb, Zuhause gekocht und nebenbei verspeist.

Wie herrlich war es, die ersten Erdbeeren bei gutem Wetter schon im Mai kaufen zu können. Zusammen mit dem Spargel eine wunderbare, genussvolle Mahlzeit. Erdbeeren und Spargel gibt es jetzt das ganze Jahr zu kaufen. Aus Spanien, Chile oder Australien. Mir schmecken sie nicht. Ich warte gerne. Ich muss nicht das ganze Jahr alles überall bekommen.

Dieser ganze Überfluss kann auch abstumpfen. Ich möchte Dinge, die mein Leben bereichern, wertschätzen können. Ich möchte mir Zeit nehmen für all das Wundervolle um mich herum. Manchmal brauche ich Zeit, um mich auf Neues einzulassen. Manchmal brauche ich Zeit zum Staunen und Wundern und Freuen. Damit ich das Besondere entdecken kann. Es ist nicht alles selbstverständlich, sondern Geschenk Gottes.

Es ist schon ganz gut eingerichtet, denn alles im Leben braucht seine Zeit. Alles passiert zu seiner Zeit. Ich freue mich auf den Braunkohl im Winter, die Osterglocken im Frühjahr, die Kirschen im Sommer und die Quitten im Herbst. Aber auch auf einen schönen Urlaub. Auf ein Treffen mit einem lieben Menschen. Auf eine Sache, die ich mir so sehr wünsche. Zum Beispiel die wunderbare Zeit, wenn ich mich 9 Monate auf mein nächstes Enkelkind freue.

Oder dieser besondere Moment, wenn ich die erste Tür des Adventskalenders öffne. Seit gestern allerdings ist die Zeit des Wartens vorbei: Die Adventszeit in den Geschäften wurde eröffnet. Alles da: Zimtsterne, Dominosteine, Spekulatius. Ach ja, natürlich auch die Adventskalender. Es hat sich ausgewartet…Schade – dieses besondere Warten ist damit so belanglos, fast schon zum Märchen von damals geworden.

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