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Auf ein Wort

Pakete als Glücksbringer

Von Winfried Herzog

22. September 2019

Meine Nachbarin bestellt gerne online. Überall da, wo das viele andere auch tun. Es ist einfach so bequem. Ein Mausklick auf Bestellen und schon kommt das Bestellte zu mir direkt nach Hause. Schön verpackt kann ich es dann in Ruhe an- oder ausprobieren. Und wenn es mir nicht gefällt, gibt es ja zum Glück die Retouren. Kein Wunder, dass der Online-Handel boomt und die Zuwachsraten jährlich im zweistelligen Bereich steigen. Das ist ein Milliardengeschäft.

Und das machen mittlerweile viele Menschen so. Einfach weil es so bequem  und billig ist. Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich Gedanken darüber machen, unter was für harten Arbeitsbedingungen dieses Geschäftsmodell Tag und Nacht umgesetzt wird. Für nicht Wenige, die in diesem Bereich arbeiten müssen, ist das ein beinharter und ausbeuterischer Job.

Aber was macht das Geschäftsmodell trotzdem so attraktiv? Kann es sein, dass da in uns noch ganz andere Bedürfnisse angesprochen und geweckt werden, die uns gar nicht bewusst sind? Wie geht es ihnen, wenn sie in ihrem Briefkasten einen Zettel vorfinden, der sie darüber informiert, dass ein Päckchen oder Paket für sie eingetroffen ist? Werden sie da nicht neugierig und fangen an darüber nachzudenken, wer ihnen das schickt und was darin verpackt sein könnte? Zaubert das womöglich ein Lächeln auf ihr Gesicht und hebt ihre Stimmung?

Wenn das der Fall ist, dann könnten doch die Amazons und Zalandos ihr Glück auch dem Umstand verdanken, dass all die vertriebenen Waren mit der schönen Verpackung verlinkt sind. Diese vielen Päckchen oder Pakete, die da jeden Tag verschickt werden. Sie sind mit angenehmen Gefühlen verbunden und können Glückshormone freisetzen. Lauter potentielle Glücksbringer. Das lernen wir schon von Kindesbeinen an. Verpacktes macht neugierig und hat hohes Überraschungspotential. Es hat so etwas von Weihnachten oder Geburtstag light.

Ein Geschäftsmodell also, das auch auf unsere tief sitzenden Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte abzielt und uns vorgaukelt, diese umfassend zu befriedigen. Allerdings nur für kurze Zeit. Bis wir dann ganz ernüchtert feststellen müssen: Auch Päckchen oder Pakete machen nicht wirklich glücklich. Das jedenfalls weiß auch meine Nachbarin.

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