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Auf ein Wort

Brückentag

Von Holger Gehrke

20. Januar 2019

Heute ist Brückentag! Nein, bitte erschrecken Sie nicht: Ihre kunstvolle Urlaubsplanung unter Berücksichtigung aller Brückentage hat nicht versagt! Es ist "Brückentag" – in Anführungszeichen. In meinem ganz persönlichen Geschichtsbuch. Denn genau heute vor 24 Jahren wurde meine Lieblingsbrücke, der "Pont de Normandie" zwischen Le Havre und Honfleur in der französischen Normandie eingeweiht. Die Brücke über die Mündung der Seine. Bis heute die größte europäische Schrägseilbrücke. Wann immer wir in die Normandie in Urlaub fahren: Auf dieser Brücke mit ihrem grandiosen Blickfeld beginnt für mich der Urlaub! Mir ist, als würde ich jetzt in eine andere Welt hinübergetragen. Als ich mal mit dem Motorrad dort war, bin ich deshalb auch gleich ein paarmal hinüber und herüber gefahren – ich konnte mich nicht sattsehen. Dabei habe ich sonst Höhenangst und blicke tunnelartig nach vorn auf die Fahrbahn vor mir. Der "Pont de Normandie" aber macht mich davon frei und öffnet mir die Augen.

In der ganzen Bibel taucht erstaunlicherweise keine einzige "Brücke" auf. Da gibt es keinen "Brückentag". Aber massenweise "Furten". Ist ja auch klar: viel Wüste und Gebirge, wenige Flüsse – und die meist sehr flach. Warum also Brücken bauen, wenn man die Flüsse an bestimmten flachen Stellen einfach durchschreiten kann.

Interessanterweise werden diese Furten in der Bibel immer militärisch stark verteidigt, spielen in etlichen kriegerischen Auseinandersetzungen eine entscheidende Rolle und das Wissen um die Furten ist immer von entscheidendem Vorteil. Etwa bei Jakob. Ziemlich am Anfang der Bibel, noch im ersten Buch Mose: Jakob hat Stress mit seinem von ihm betrogenen Bruder Esau und bringt seine beiden Frauen samt beiden Mägden plus seine elf Söhne über die Furt des Fluses Jabbok vor Esaus Rache in Sicherheit. Dann geht er alleine zurück durch die Furt und legt sich zum Schlaf nieder. Daraus wird aber nichts, denn die ganze Nacht muss er mit einem Mann, andere sagen: mit einem Engel, ringen. Jakob gewinnt den Kampf und entlässt den Gottesboten erst, als dieser ihn segnet. Fortan heißt er nicht mehr Jakob, sondern "Israel".  Und dann hat er sich wieder mit seinem Bruder Esau versöhnt. Wieder über die Furt und wieder zurück. "Furtentag" für Jakob, der Übergang von einer Welt in die eine andere.

Man muss die Brücken und Furten nur kennen und sie zum richtigen Zeitpunkt erreichen. Brücken und Furten führen weiter, in die Zukunft hinein, in neue Welten, in die Sicherheit. Sie eröffnen neue Ausblicke und Perspektiven, mitunter sogar neues Leben. Wenigstens aber einen traumhaften Urlaub vom Alltag. Wie bei mir, wenn ich über den grandiosen "Pont de Normandie" fahre, der heute 24 wird. Wenn sich der Blick und das Herz öffnen und unten, auf der anderen Seite im traumhaften Fischerort Honfleur zwar kein Engel, aber ein Kaffee am Hafen auf mich wartet… Ich liebe solche "Brückentage"…

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