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Auf ein Wort

Auf See und vor Gericht

Von Holger Gehrke

26. Januar 2020

Es gibt Elemente und Situationen, die haben wir bis heute nicht in den Griff bekommen und ich fürchte, wir werden es auch nie schaffen. Dazu gehört das Meer mit seinen Stürmen, dem gewaltigen Seegang, der alles zerschmetternden Brandung auf Sandbänken oder an Küsten. Diese Erkenntnis hat sogar Eingang in unsere Volksweisheiten gefunden, wenn es da heißt: "Auf See und vor Gericht bist Du allein mit Gott!"

Wohl wahr. Als Segler von Kindheit an musste auch ich das wiederholt unter großen Ängsten und mit heftigen Schäden lernen. Die See bremste mich ein auf meine Möglichkeiten, zeigte mir die ihren, und lehrte mich damit Demut. Und weil mir geholfen wurde und ich dem nassen Tod entrann, stelle ich bis heute viel freie Zeit der Seenotrettung zur Verfügung. Das Bibelwort für den heutigen Sonntag spricht mir deshalb auch ganz aus der Seele, wenn es aus dem 89. Psalm heißt: "Du herrschest über das ungestüme Meer, du stillest seine Wellen, wenn sie sich erheben."

Petrus musste das erfahren auf dem See Genezareth, Paulus auf dem Mittelmeer und ich im Seegat zwischen Wangerooge und Spiekeroog. Drei vermutlich ganz unterschiedliche Situationen, Menschen und Boote. Und doch das gemeinsame Durchleben von panischer Angst, das eigene Lebensende unmittelbar vor Augen, und Rettung in letzter Minute, Demut, Dank und Stillung des Todessturmes. Der Sturm baute sich stärker auf, als der Wetterbericht vorhergesagt hatte. Der Seegang nahm bedrohliche Höhe an und als am Ende Strom gegen Wind im Seegat stand, weil meine Zeitrechnung das alles nicht berücksichtigt hatte, war nur noch Brandung um uns herum. Brüllend laut, ungebändigte Gewalt, Tonnen von Wasser, die über uns hereinbrachen. Dann kamen – mitten ins Inferno – die Retter.  Vorher ein Stoßgebet, hinterher ein Dankgebet und ein Dank an die Retter.

"Du herrschest über das ungestüme Meer, du stillest seine Wellen, wenn sie sich erheben." Und du nimmst Menschen dafür in Dienst. Ich aber habe darin Entscheidendes für mein Leben gelernt.

Erstens: Beten hilft. Zweitens: Demut ist keine Erniedrigung oder sein eigenes Licht unter den Scheffel stellen. Demut ist ein Zeichen für empfangene Gnade und Liebe. Und drittens: Weil mir geholfen wurde, bin ich frei dazu, anderen zu helfen. Ob als Seenotretter oder Spender oder in tausend anderen Weisen. Und nach wie vor gilt mein Gebet: "Du herrschest über das ungestüme Meer, du stillest seine Wellen, wenn sie sich erheben."

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