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Auf ein Wort

Palmsonntag

Von Bernhard Stecker

5. April 2020

Wenn man in Jerusalem auf dem Ölberg steht, hat man das ganze Panorama der Stadt vor Augen. Man sieht die goldene Kuppel des Felsendomes, die Al-Aqsa-Moschee und die Kuppeln der Grabeskirche, das jüdische, christliche und moslemische Viertel und natürlich die gewaltige Stadtmauer, die alles umschließt. Vom Ölberg aus führt der Weg herunter durch das Stadttor, das Stephanstor, und gleich dahinter links geht es auf den Tempelberg. Das ist der Weg, den Jesus genommen hat, als er nach Jerusalem kam. Die Menschen waren begeistert, dass er endlich auch hierher kam, streuten Blumen und winkten mit Palmzweigen, um ihm einen großen Empfang zu bereiten. Das ist der Ursprung von Palmsonntag, dem Tag, den wir heute feiern.

Auf dem Weg herunter vom Ölberg kommt man heute an einer kleinen Kapelle vorbei, die von außen aussieht wie eine große Träne. Das soll der Ort sein, wo Jesus Halt gemacht hat, um auf die Stadt zu sehen und zu weinen. Jesus hat geweint, als er auf die Stadt gesehen hat. Weil in ihr so viel Leid, so viel Hass, so viel Gewalt herrschen und sie einfach kein Heil findet, keine Liebe.

Für mich ist das ein sehr berührender Moment. Tränen zu vergießen, ohne dass wir gleich den schnellen Trost oder die einfache Lösung suchen. Hinsehen und weinen. Als moderne Menschen wollen wir das gerne überspringen oder wenigstens abkürzen. Wir brauchen Lösungen, keine Tränen! denken wir. Und liegen so falsch.

Erst wenn ich wirklich den Schmerz in mir gefühlt habe, der sich in Tränen ausdrückt, bin ich in der Lage, den nächsten Schritt zu gehen. Denn Jesus ist dort nicht am Ölberg in Trauer versunken. Er hat sich auch nicht abgewandt, um freundlichere Orte zu finden. Er ist mitten hinein gegangen in die Stadt. Mit allen Auseinandersetzungen und Streitereien, bis hin zu seinem persönlichen Schicksal, seiner Verurteilung und Kreuzigung. Und der Auferstehung.

Davor steht dieser Moment der Tränen. So geht es mir auch, wenn ich zurzeit auf unser Land, unsere Region sehe. Man möchte weinen angesichts des Leides und der Angst, die viele ergreift. Hinsehen und weinen. Aber daraus kann ich die Kraft gewinnen für den nächsten Schritt. Und zwar ohne schnelle Schuldzuweisung oder einfache Lösungen. Schon damals in Jerusalem war es ein kurzer Schritt von der Begeisterung über den Einzug in die Stadt bis zum „Kreuzige ihn!“ am Karfreitag. Der Moment des Innehaltens, Hinsehens und Weinens kann helfen, diesen Kurzschluss zu vermeiden. Denn die Tränen, die Jesus vergießt, und auch unsere Tränen sind Ausdruck der Liebe zu den Menschen. Und davon bin ich überzeugt: Erst wenn ich von der Liebe zum Menschen ergriffen bin, kann ich die richtigen Schritte gehen. Erst die Liebe öffnet meine Augen für das, was jetzt wirklich notwendig ist und zählt.

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