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Milow – "Lean Into Me"

28. Juni 2019

Ehrlich, authentisch und vor allem sensibel – so wirkt Milow auf seinem neuen Album “Lean Into Me“. Seine 13 am 31. Mai veröffentlichten Songs führt er mit seiner hellen Stimme bis an die Grenze zur Verletzlichkeit. Das hat seine Gründe, denn Milow wirft einen ganz persönlichen Blick zurück auf die Dinge, die ihn zu der Persönlichkeit gemacht haben, die er jetzt ist.

Länge: 30 Sekunden
Datum:
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Ausschnitt aus Milows "Lean Into Me" – "Good Thing" [30 Sekunden] Ausschnitt aus Milows "Lean Into Me" – "Help" [30 Sekunden] Ausschnitt aus Milows "Lean Into Me" – "Loud & Clear" [30 Sekunden] Ausschnitt aus Milows "Lean Into Me" – "While You're Asleep" [28 Sekunden] Ausschnitt aus Milows "Lean Into Me" – "Michael Jordan" [30 Sekunden] Ausschnitt aus Milows "Lean Into Me" – "Laura's Song" [30 Sekunden] Ausschnitt aus Milows "Lean Into Me" – "Houdini" [30 Sekunden] Ausschnitt aus Milows "Lean Into Me" – "Greatest Expectations" [30 Sekunden]

Wie ein Atemholen vor dem Erzählen seiner sehr persönlichen Songstories wirkt das nicht einmal eine Minute lange Intro "All The Lights". Die Lichter, die der in der Provinz Flämisch-Brabant aufgewachsene Sänger dann entzündet, scheinen warm, nicht grell. Sie beleuchten das, was ihn wirklich beschäftigt, aber sie flackern nicht. Den Albumtitel "Lean Into Me" möchte Milow wörtlich genommen wissen. Man solle sich gegenseitig eine Schulter zum Anlehnen geben und nicht vergessen, dass Freunde und Familie das Wichtigste überhaupt sind. Deshalb legt er selbst großen Wert darauf, sie alle nicht aus den Augen zu verlieren:

Milow über seine Familie und Freunde [15 Sekunden]

Ein Song von drei Freunden

Und so singt Milow zusammen mit seinem Freund, dem New Yorker Singer-Songwriter Matt Simons, bereits in der ersten Singleauskopplung "Lay Your Worry Down" wiederholt dieses ihm so wichtige "lean into me". Entstanden ist "Lay Your Worry Down" bereits 2018 an einem Frühlingsnachmittag in Los Angeles. Der Dritte im Bunde dabei war Indie-Singer-Songwriter Chris Ayer. Milow erinnert sich: "Ich habe Matt vor ein paar Jahren getroffen, als wir beide irgendwo in Europa auf demselben Festival auftraten. Ich war sehr beeindruckt von seiner Stimme, seinen Songs und seinem musikalischen Können. Wir begannen uns zu unterhalten und nachdem wir uns noch ein paar Mal über den Weg gelaufen waren, beschlossen wir zusammen Musik zu schreiben, wenn wir zur gleichen Zeit in L.A. sein sollten. Wir trafen uns im März und April und schrieben einen Song, den wir zusammen aufnehmen und singen konnten. Dieser Song soll Menschen, die eine harte Zeit haben, Trost spenden, was in der heutigen Zeit von großer Wichtigkeit ist. Musikalisch gesehen führt der Song zurück zu meinen Wurzeln und Anfängen."  

Zwischen Belgien und Kalifornien

Milow, der mittlerweile ein hippes Anwesen in Venice – einem Stadtteil im Westen von Los Angeles – bewohnt, ist viel unterwegs. Aber immer wieder führen ihn seine Reisen auch in seine belgische Heimat zurück. Dort hatte Jonathan Ivo Gilles Vandenbroeck, wie Milow mit bürgerlichem Namen heißt, nach einem Studienaufenthalt in Kalifornien seine Solistenkarriere in Angriff genommen. 2003 trat er erstmalig unter seinem Künstlernamen auf und nahm im Jahr darauf an einem belgischen Musikwettbewerb teil, wo er bis ins Finale gelangte. Mit seinem Debütalbum "The Bigger Picture" konnte Milow 2006 allerdings noch nicht die Erfolge verbuchen, die ihm mittlerweile das Leben auf seinem millionenschweren Grundstück ermöglichen. Jetzt ist der Songwriter mit dem melancholischen Blick aus dem internationalen Popbetrieb nicht mehr wegzudenken und hat sich dort mit seinem melodiösen Musikstil den verdienten Platz gesichert. Trotz seines weit über die Grenzen Belgiens hinausgehenden Erfolgs kommt Milow immer wieder gern nach Hause:

Milow über Belgien [24 Sekunden]

Ein behutsamer Songwriter

Milow [Quelle: Universal Music, Kevin Zacher]
Milow [Quelle: Universal Music, Kevin Zacher]

So wirklich vermisst Milow Belgien aber nicht, dazu gehen ihm die dort so beliebten Pommes frites nicht glatt genug durch den Magen. Es sind allein die ihm nahestehenden Menschen, an denen sein Herz hängt:

Milow darüber, was er vermisst [15 Sekunden]

Milows mittlerweile sechstes Album steckt also voller persönlicher Geschichten. Der Sänger wirkt aufrichtig, zärtlich – ja, sogar verletzlich. Es ist, als würde er mit seinen Songs behutsam die empfindlichen Seiten eines Fotoalbums aus Kindheits- und Jugendtagen aufblättern. Darin scheinen sich viele Menschen wiederzufinden, wie drei Top-Ten-Alben in Deutschland, Streams bei Spotify im dreistelligen Millionenbereich und ausverkaufte Shows beweisen. Im Gegensatz zum Vorgängeralbum "Modern Heart" von 2016 hat Milow sich bei seinem aktuellen Longplayer wieder auf das zurückbesonnen, was seinen Musikstil im Kern ausmacht: einfühlsames Singer-Songwriting, bei welchem er vergleichbar mit Ed Sheeran ganz auf seine Stimme setzt. Klangeffekte nutzt Milow sparsam, sein Sound ist kristallklar auf gute Durchhörbarkeit hin angelegt. Von Beginn an wollte er mit jedem seiner Alben als aufrichtiger Musiker wahrgenommen werden. Das ist ihm auch mit "Lean Into Me" gelungen. Hier ist die vertraute Handschrift des belgischen Songwriters erkennbar, der es so gut versteht, Schwermut mit fließender Leichtigkeit zu verbinden.

Milows Songs sind ein transatlantisches Gesamtprojekt

Milows neue Songs sind kontinentübergreifend entstanden. Seine Ideen kommen dem Sänger mit der sanften Stimme häufig, wenn er in Europa auf Tour ist. Für die auf "Lean Into Me" versammelten Tracks hat Milow sich seinen Gitarristen Tom Vanstiphout und seinen Produzenten Jo Francken nach Venice ins Haus geholt. Von dort ist es nur ein Katzensprung ins 4th Street Recording Studio in Santa Monica, wo die Aufnahmen stattfanden: 

Milow über die Entstehung seiner Songs [56 Sekunden]

Doch keine Regel ohne Ausnahme: Die aktuelle Single "Help" ist nicht nur Milows Absage an das stereotype "Mir geht’s gut!", sondern ist auf durchaus außergewöhnliche Weise entstanden:

Milow über den Song "Help" [45 Sekunden]

Besonders intime Momente gelingen Milow in seinem Song "Michael Jordan", in welchem der Basketballstar stellvertretend steht für die Sehnsüchte und Unsicherheiten eines Teenagers: "Das war genau genommen der allererste Song, den ich für das neue Album geschrieben habe. Alle anderen sind daher gewissermaßen um dieses Stück herum gestrickt. Was den Aufbau und den Inhalt angeht, setze ich hier auf keine klassische Popstruktur – wie ganz früher, also bei meinen allerersten Aufnahmen. Zugleich erinnern die Arrangements und die Produktion an aktuellere Musik. Im Text geht es um meine Beziehung zu meinem Vater, die kompliziert war und nie wirklich aufgearbeitet werden konnte, weil er schon mit 53 an einem Herzinfarkt gestorben ist. Es sind krasse Erinnerungen an die Mittneunziger, die da in dieser Geschichte aufflackern. Meine Freunde und ich waren die größten NBA-Fans. Nächtelang blieben wir wach, um die Jordan-Spiele anzuschauen. Eine tolle Zeit war das. Alles war damals noch möglich."

Viele persönliche Milow-Momente

Milow, der bei der gerade zu Ende gegangenen 6. Staffel von "Sing meinen Song – Das Tauschkonzert" dabei gewesen ist, hat seine Lebensgeschichte der letzten zehn Jahre in seinem aktuellen Album zusammengefasst. Dessen Titel "Lean Into Me" erhält dadurch auch eine zutiefst persönliche Bedeutung:

Miloe über die Inhalte seines Albums [55 Sekunden]

Weitere sehr persönliche Milow-Momente finden sich in "Laura’s Song". Diese mit gedämpftem Klavier beginnende Ballade hat er seiner langjährigen Freundin gewidmet. Freunde sind Milow wie gesagt wichtig. Sie haben ihn aktuell nicht nur beim Songwriting unterstützt, sondern sind auch mit ins Studio gegangen. Neben Matt Simons sind dies die aus Georgia stammende Singer-Songwriterin Priscilla Ahn und der kalifornische Folkpop-Sänger Brett Dennen.

Vom Leben gelernt

Auch wenn Milow mit seinem aktuellen Album auf sein bisheriges Leben zurückschaut, er stellt seinen Fokus auch ein auf das Hier und Jetzt. Der Sänger versucht den Spagat zwischen dem, was seine Fans von ihm erwarten dürfen, und dem, was er vom Leben gelernt hat. Einerseits legt er allergrößten Wert auf die Ehrlichkeit seiner Musik: "Das ist für mich ganz klar das Wichtigste. Ich tue alles dafür, dass man zu 100 Prozent mich bekommt. Ich zeige Dinge, die ich sonst nur mit meinen Freunden teilen würde. Kein Versteckspiel – einfach Milow. Da steckt mein Herz drin, in diesen Songs!"

Doch andererseits ist Milow durch den frühen Tod seines Vaters klar geworden, dass man – auch mit noch nicht einmal 40 Jahren – nichts auf morgen verschieben sollte und es auch wichtige Dinge neben der Musik gibt:

Milow darüber, was ihm wichtig ist [44 Sekunden]

"Lean Into Me" ist schlicht ein schönes und melodisches Album. Gut, dass Milow sich bei seinen Songinhalten und seiner Musik auf seine Singer-Songwriter-Wurzeln zurückbesonnen hat und uns mit seinem Wohlklang eine Schulter zum Anlehnen gibt.

Christian Höltge

Milow: "Lean Into Me"
UMD/ Island Records
EAN: 0602577576560
VÖ: 31.05.2019

TitelDauer
All The Lights (Intro)0'50
Lay Your Worry Down3'22
Break The Silence3'30
Help3'13
She2'50
Greatest Expectations3'32
Good Thing2'45
Michael Jordan4'39
Loud & Clear3'29
Houdini4'41
While You're Asleep3'50
Laura's Song3'34
All The Lights3'36

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 01. Juli 2019, 16:40 Uhr

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