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Simon Love: "Sincerely, S. Love x"

6. Juli 2018

Mit hörbarem Spaß am britischen Retro-Sound und mit einem Blick zurück über die Schulter auf das Songwriting im Stil etwa der Beatles und des Electric Light Orchestra wirft der Londoner Simon Love sein Album mit dem charmanten Titel "Sincerely, S. Love x" auf den Markt. Mit einer einstudierten leichten Unbeholfenheit inszeniert Love seine Songs als überraschendes Popkino.

Hörprobe aus dem Song "Joey Ramone" vom Album "Sincerely, S. Love x" von Simon Love.

Autor/-in: Simon Love
Länge: 30 Sekunden
Datum: Montag, 9. Juli 2018
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Golden Boy [30 Sekunden] All This Dicking Around (Is Bringing Me Down) [29 Sekunden] Tennis Fan [29 Sekunden] "(Why'd You Get That) Tattoo Girl?" [30 Sekunden]

Alles an "Sincerely, S. Love x" wirkt wie behutsam ausprobiert und entwickelt gerade aus dieser vorgeblich zurückgenommenen Haltung gegenüber der eigenen Musik heraus seinen ganz eigenen großen Charme. Das am 6. Juli veröffentlichte Album ist bereits der zweite Solo-Longplayer des britischen Singer-Songwriters mit dem Hundeblick.

Von Cardiff nach London

Simon Love – schon dieser Künstlername scheint Türen zu einer skurrilen Soundwelt aufzustoßen, denn eigentlich heißt der Sänger Simon Stone. Er stammt aus der walisischen Hauptstadt Cardiff und begann als Musiker im Jahr 2000 mit seiner ersten Band "The Loves". Seit Sommer 2009 lebt Simon Love in London. Seine zweite Band ”Knickers” trennte sich nach Veröffentlichung einer EP wieder und so verlegte Love sich aufs Sologeschäft. Sein erstes Soloalbum "It Seemed Like A Good Idea At The Time" erschien 2015 und wurde immerhin für den "Welsh Music Prize” 2016 nominiert, konnte diesen aber nicht gewinnen, wie Love trocken anmerkt. Sein aktuelles Label "Tapete Records" fand der Sänger im Anschluss an dessen Londoner Jubiläumskonzerte im November 2017, wo er als DJ auflegte.

Den Titel seines aktuellen Albums möchte Simon Love gerne mit einem Kuss ausgesprochen haben, für den stellvertretend das kleine x steht. Stilistisch setzt er auf einen leicht schrägen Retro-Sound, der mit allerlei Einblendungen und Zitaten spielt - abgeschmeckt mit einer Messerspitze Monty Python. Simon Love selbst sieht das viel unspektakulärer:

Autor/-in: Simon Love/Christian Höltge
Länge: 19 Sekunden
Datum: Montag, 9. Juli 2018
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Er ist eine Art Verschmelzung von 60er-Jahre-Pop und Singer-Songwriter-Musik der 70er, also der Einflüsse, die ich zurzeit spüre. Diese Einflüsse richten sich an dem aus, was ich momentan am meisten höre. Gelegentlich schweift das Ganze ab in diverse fremde Bereiche, aber überwiegend ist es so, wie ich es geschildert habe.

Sgt. Pepper reloaded

Dennoch erinnert "Sincerely, S. Love x" von seinem Strickmuster her ein wenig an das geniale Beatles-Album "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band”. Die Soundeffekte berufen sich in jedem Fall auf Techniken der Beatles, als seien die Fab Four mit Simon Love zusammen ins Studio gegangen. Es schwingt generell viel Mersey Beat in der Musik von Simon Love mit. Profunde Popkenntnisse beweist der Londoner Sänger auch in seinem Titel über den Punk-Protagonisten "Joey Ramone". Dieser Song beruft sich vom Sound her nicht nur auf die Beach Boys, sondern spielt ebenso mit Anklängen an Girlgroups wie die Liverbirds aus Liverpool oder auch die amerikanischen Shangri-Las. Bisweilen klingt das Album aber auch, als habe Phil Spector seine Finger dabei im Spiel gehabt.

Simon Love hat etwas von einem Soundtüftler, der mit aufgerichteten Lauschern genauestens dem Pop der 60er und 70er nachgespürt und diesen dann verinnerlicht hat. Mit seinen durchaus skurrilen Soundschnipseleien erfreut er nun das zeitgenössische Ohr. Und wieder landen wir bei den Beatles. Nicht nur wegen Loves leicht nöliger Stimme, die an John Lennons Art zu singen erinnert, sondern auch wegen eines Songs wie "Golden Boy" mit seinem Ende, als seien die Mikrofone einfach offen geblieben. So hat Simon Love dann auch seine Songs komplett selbst geschrieben, sich damit Raum verschafft für seine musikalischen Einfälle und Ausflüge ins charmant Ungeschönte. Simon Love betrachtet sich dabei als eine Art Filter, den seine musikalischen Eindrücke durchlaufen müssen, bevor er sie dann zu seinen eigenen Songs aufbereitet:

Simon Love über musikalische Vorbilder [28 Sekunden]

Die gehen in Richtung Harry Nilsson, Paul McCartney, Elton John, also Singer-Songwriter-Typen. Ich liebe aber auch die Sachen, die die Beach Boys gemacht haben, und The Velvet Underground. Letztere haben mich ungemein geprägt, als ich vor gefühlten 700 Jahren begonnen habe Musik zu machen. Mit der Zeit hat das aber entweder nachgelassen oder mich zu anderen Dingen geführt. Also habe ich versucht so zu klingen, als seien diese Sachen quasi durch mich hindurchgesickert, sodass alles ein bisschen sonderbar klingt.

Ein klingendes Hochzeitsgeschenk

Nicht sonderbar, sondern intelligent zubereitet klingt, was Simon Love auf seinem neuen Album musikalisch auftischt. Bei der Ballade "All This Dicking Around (Is Bringing Me Down)” wirkt der Sänger in der Tat in sich gekehrt wie sein Vorbild Lou Reed in seinem Song ”Perfect Day". Auf seine introvertiert-witzige Art nimmt Simon Love – ganz entgegen seinem Namen – dann aber auch gerne einmal Four-Letter-Words in den Mund. Dennoch scheint in diesem Londoner Musikerunikat im Kern ein Romantiker zu stecken. Wie sonst ließe sich erklären, dass der Album-Aufmacher "God Bless The Dick Who Let You Go" ein Hochzeitsgeschenk an seine Frau ist, der er dann gleich noch das schnodderige "I Fucking Love You" widmet.

Seine Songideen springen Simon Love überwiegend spontan an. Später dann versucht der Musiker ihren Sinn zu ergründen und sie zu Songs zusammenzubauen:

Simon Love über Songinspirationen [40 Sekunden]

Die Inspiration kommt tatsächlich von überall her. Meistens entsteht sie bei Selbstgesprächen, die ich führe. Sie entsteht im Kopf oder wenn ich allein zu Hause bin. Einfach gesagt: Ich erinnere mich, dass ich vor einem Monat hier etwas angestoßen habe, dort etwas anderes und von einem Moment auf den anderen ergibt sich ein Song daraus. Besser noch, wenn ich am frühen Morgen durch die Gegend laufe, kommt mir eine Idee. Die summe oder singe ich dann in mein Handy oder ich schreibe lauter Songtexte oder Textideen ins Handy. Wenn ich dann nach Hause komme, versuche ich herauszubekommen, was das alles zu bedeuten hat, und setze es zusammen. Manchmal klingt das, was dabei herauskommt gut, manchmal klingt es schrecklich.

Ein Album als Spiegel des eigenen Lebens

Die neuen Songs von Simon Love wirken all ihren Soundspielereien zum Trotz gar nicht aufgesetzt oder gar zusammengeschreinert. Das ist wohl den persönlichen Wesenskernen der einzelnen Titel zuzuschreiben, denn "Sincerely, S. Love x" ist nach Aussage des Sängers eine Art Tagebuch in Albenform:

Simon Love über die autobiografischen Züge des Albums [39 Sekunden]

Dieses neue Album "Sincerely, S. Love x" ist mehr oder weniger ein Audio-Tagebuch der Jahre 2014 bis 2016. In 2014 habe ich mich elend gefühlt, ich fühlte mich ungeliebt und war unglücklich – oh, was sind das für schauderhafte Klischees! Und dann traf ich meine Frau, also meine jetzige Ehefrau, denn als ich sie traf, waren wir noch nicht verheiratet. Es geht also um das Auf und Ab: Die erste Hälfte das Albums ist fröhlich und sehr liebevoll, die zweite ist dann trübselig. Sie gibt so ziemlich die ersten neun Monate des Jahres 2014 in Albumform, in Form von Songs wieder.

Ein Schalk mit romantischem Herzen

Das Typische für Simon Loves Musik ist, dass sie gar nicht so traurig klingt, selbst wenn sie aus einer weniger erfreulichen Lebenslage heraus entstanden ist. Alles scheint nicht so ganz ernst gemeint, immer schaut hinter den zehn neuen Songs ein Schalk namens Simon Love hervor. Seiner Band gab er den Namen "The Old Romantics" und konnte sie für sein aktuelles Album um weitere Instrumente erweitern, die er geradezu zärtlich "A Little Orchestra" nennt. Die Vergrößerung seines musikalischen Werkzeugkastens verschaffte Simon Love einerseits neue klangliche Möglichkeiten, führte andererseits aber zu einer Miniatur-Odyssee durch diverse Aufnahmestudios:

Simon Love über die Aufnahmen [1:19 Minuten]

Mit den Aufnahmen haben wir 2016 begonnen, also ziemlich bald nach Erscheinen des ersten Albums. Wir haben ein paar Wochenenden damit verbracht, so viel wie möglich aufzunehmen. Eine Aufnahmesession hatten wir in einem sehr schicken Studio, für das ich viel Geld bezahlt habe. Dabei ist aber absolut nichts herausgekommen, nichts von dem, was wir in diesem tollen Studio aufgenommen haben, ist aufs Album gekommen. Das werfe ich aber niemandem mehr vor. Dann haben wir bei einem Freund unseres Keyboarders Mark aufgenommen, der ein Studio im Westen Londons hat. Dort sind wir also hingegangen und innerhalb eines Tages durch drei Songs geknallt. Die klangen großartig! Wir sagten uns: ‚Oh, hier kommen wir wieder her!‘ und haben so gut wie den Rest des Albums dort eingespielt. Danach haben wir diverse Stimmen in verschiedenen Studios aufgenommen. Mein Freund Simon besitzt ein Studio mit einem sehr schönen Klavier, also haben wir dort den Klavierpart aufgenommen. Die Streicher haben wir ebenfalls dort eingespielt. Mark hat das Album dann größtenteils produziert, er hat es abgemischt und alles in seinem Studio zu Hause gemacht. Alles in allem waren wir über einen Zeitraum von zwei Jahren mal hier, mal dort, also überall. Wenn wir noch eine weitere Platte machen sollten, was wir – wenn nichts dazwischenkommt – auch tun werden, dann würde ich wirklich gerne in ein Studio im Nirgendwo gehen und alles in einem Rutsch aufnehmen. Das habe ich noch nie gemacht und stelle es mir sehr spannend vor, zu sehen, was dabei wohl herauskommt.

Autor/-in: Simon Love/Christian Höltge
Länge: 7 Sekunden
Datum: Montag, 9. Juli 2018
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Mit sich und seinen Songs zufrieden

Simon Love genießt seine neu gewonnenen Freiheiten als Songwriter in vollen Zügen, was man "Sincerely, S. Love x" auch anhört. Es öffnet die Schranken für eine Zeitreise zurück in die Hochzeiten der Beatmusik und klingt gleichzeitig doch irritierend modern. Diese musikalische Doppelgesichtigkeit macht den eigentlichen Reiz von Simon Loves zweitem Album aus. Der Musiker selbst ist mit dem Ergebnis seiner Arbeit an Songs und Sounds durchaus zufrieden:

Simon Love über das Besondere am Album [49 Sekunden]

Dieses Album habe ich zu einem Zeitpunkt geschrieben, als ich Instrumente wie Geigen, Trompeten, Flöten und Cellos einplanen und aufnehmen konnte. Das hatte ich beim Songschreiben im Hinterkopf. Es gibt auf diesem Album eine viel größere Besetzung und ich hatte viel mehr Raum, um Dinge auszuprobieren. Dagegen ist mein erstes Album als reines Bandalbum konzipiert und wir haben hinterher nichts mehr obendrauf gepackt. Wenn ich damals gedacht habe: ‚Oh, das hätte gut gepasst!‘, so sage ich jetzt beim Songschreiben: ‚Hier möchte ich Geigen haben, dort passt ein Trompetensolo, ich möchte dieses vom Cello gespielte Du-du-du-du-du!‘ Die andere Sache ist die, dass wir diese Songs in den letzten paar Jahren häufig live gespielt haben. So konnten wir alle möglichen Kinken beseitigen, unseren Sound geschmeidiger machen und verschiedene Sachen ausprobieren, unterschiedliche Arrangements. Das alles scheint jetzt zu einem organischeren Album geführt zu haben.

Man möge sein neues Album kaufen, nicht streamen, ist der abschließende Wunsch des Künstlers. Schließlich fräße ihm sein Sohn die Haare vom Kopf und benötige neue Schuhe. All diese Probleme sollten lösbar sein, solange Simon Loves Strom an musikalischen Ideen und skurrilen Einfällen nicht abreißt. Und danach sieht es nach diesem bunten Sommeralbum made in the UK doch wohl eher nicht aus. 

Christian Höltge

Albumdaten

Simon Love: "Sincerely, S. Love x"
Tapete Records
EAN: 4015698010756
6. Juli 2018
Die Songs
TitelDauer
God Bless The Dick Who Let You Go3:46
The Ballad Of Simon Love3:16
Joey Ramone2:45
Stephen Timothy West3:15
I Fucking Love You5:12
Tennis Fan2:37
Golden Boy2:29
(Why'd You Get That) Tattoo Girl?3:20
All This Dicking Around (Is Bringing Me Down)5:04
Not If I See You First3:41

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 9. Juli 2018, 16:40 Uhr

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