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Paul McCartney: "Egypt Station"

13. September 2018

Sir Paul möchte es noch einmal wissen: Am 7. September hat Paul McCartney sich mit seinem Album "Egypt Station" zurückgemeldet und verkündet auf musikalische Weise: "Ich bin noch da und ich kann es noch!" Wo Englands Premium-Songwriter recht hat, da hat er recht. So einfach ist das.

Ausschnitt aus dem Titel 'Fuh You' vom Paul-McCartney-Album "Egypt Station"

Autor/-in: Paul McCartney
Länge: 30 Sekunden
Datum:
Sendereihe: Online | Radio Bremen

I Don't Know [30 Sekunden] Dominoes [27 Sekunden] Happy With You [30 Sekunden] People Want Peace [30 Sekunden]

Von zwei "Stations" begleitete 14 Songs reiht der immer noch voller musikalischer Ideen steckende Ex-Beatle auf seiner musikalischen Reise aneinander. Die "Egypt Station" ist für Paul McCartney dabei ein Traumort, von dem aus die neuen Songs ihren Lauf nehmen. Es kann eine Bahnstation sein, aber auch eine Radiostation – einfach ein Ort der Fantasie:

Länge: 33 Sekunden
Datum:
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Als wir entschieden, das Album "Egypt Station" zu nennen, gefiel mir daran die Vorstellung, eine Montage von Sounds zu entwickeln, welche die Anmutung einer Haltestelle haben sollte. Also haben wir erst die eine Station entwickelt und ihr dann eine weitere mit den Soundeffekten einer echten Bahnstation hinzugefügt. Danach haben wir dann begonnen kleine Geräusche hinzuzufügen, um es wie einen imaginären Ort wirken zu lassen. Die Idee dahinter ist, dass an solch einem Traumort die gesamte Musik des Albums entspringt.

"Egypt Station" wirkt dadurch wie ein Konzeptalbum mit der Vorstellung der 'Traumstationen' als inhaltlicher Klammer. Man kann es durchhören und es nimmt einen irgendwohin mit, erklärt Sir Paul. Es sei eben mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Songs.

Kein musikalisches Fastfood

Sicherlich ist Paul McCartneys erste Singleauskopplung 'Come On To Me' ein echter Türöffner. Die spektakuläre Autofahrt des britischen Entertainers James Corden mit dem Ex-Beatle im Rahmen seiner Carpool-Karaoke-Serie durch dessen Heimatstadt Liverpool zeigt, wie viel Energie in den Songs und in der Persönlichkeit des mittlerweile 76-jährigen Songwriters noch steckt. Aber in ihrer gesamten künstlerischen Tiefgründigkeit verankern sich die neuen Songs aus der Feder McCartneys erst allmählich, dann aber umso tiefer auf unserer musikalischen Festplatte. Nachhaltigkeit anstelle musikalischen Fastfoods – da zeigt sich McCartneys wahre Könnerschaft beim Songwriting.

Einsichten eines Lebenserfahrenen in Songs verpackt

Einen Song wie 'Dominoes' kann nur jemand schreiben, dem sein bewegtes Leben mehr als nur einen Sack voller Erfahrungen auf die Schultern geladen hat. Paul McCartney hat – lebenserfahren, wie er nun einmal ist – eine gelassene Sicht auf das Treiben der Menschen entwickelt. Allen Aufregern und vermeintlichen Katastrophen zum Trotz ist doch am Ende alles gut:

Paul McCartney über den Song 'Dominoes' [55 Sekunden]

Einer der interessanten Aspekte bei Songs ist der, dass sie oft von etwas, was einem im Leben passiert, inspiriert werden. Der Song ist dann die Reaktion darauf. Auf diese Weise hat es auch mit 'Dominoes' angefangen. Es geht in diesem Song darum, dass die Menschen Dinge als nicht in Ordnung ansehen, obwohl sie es doch in Wirklichkeit sind. Ich hatte dabei diese Vorstellung von Dominosteinen. Wenn Leute Millionen von diesen Dominosteinen aneinanderreihen und dann den ersten umstoßen – dann gibt es diesen Dominoeffekt durch die gesamte Reihe. Ich stelle mir das als Symbol für das Leben vor, wie also eine kleine Handlung solch eine große Auswirkung haben kann – etwa auf eine riesige Aneinanderreihung von Dominosteinen. Als ich diesen Song aufnahm, sah es so aus, dass ich das auf sehr persönliche Weise tun wollte, als einen auf mich bezogenen Song. Wir machen das doch alle durch, wir kennen doch alle diese umfallenden Dominosteine, aber das Leben geht weiter. Und tatsächlich ist es letztendlich doch okay! 

Songwriting-Kunst voller Freude und Energie

Paul McCartney zieht alle Register seiner Songwriting-Kunst und tischt in seiner typischen Handschrift eine Art Kompendium britischen Pops auf, in welchem Leuchtspuren nicht nur der Beatles und der Wings ihre Bahnen ziehen, sondern auch Spurenelemente von Fleetwood Mac, Procol Harum und Pink Floyd aufflackern. Nun verfügt McCartney sicherlich nicht mehr über die Stimme eines jungen Mannes. Aber seine Energie und spürbare Freude an seinen neuen Songs machen das locker wett. Paul McCartney, der Ehrungen und Auszeichnungen sammelt wie andere Leute Briefmarken, hat aufgeschlossen die Zusammenarbeit mit einem Produzenten wie Greg Kurstin gesucht. Dieser ist wie McCartney ein musikalischer Tausendsassa: Kurstin hat zusammen mit Adele Songs für ihr letztes Album "25" geschrieben. Er hat unter anderem als Produzent für Lily Allen, Pink sowie die Foo Fighters gearbeitet und ist bei den Grammy Awards 2018 als Produzent des Jahres ausgezeichnet worden. Über einen Zeitraum von zwei Jahren haben sich McCartney und Kurstin immer wieder in Los Angeles oder im englischen Sussex getroffen und an ihren musikalischen Ideen gefeilt. Beide spielten etliche Instrumentalparts selbst ein, den Rest übernahmen Paul McCartneys erprobte Tour-Musiker. Wenn musikalisches Urgestein auf innovatives Produktions-Know-how trifft, kommen auch überraschende Songs wie das flirrende 'Back In Brazil' dabei heraus.

Auf verschiedenen Wegen unterwegs zu neuen Songs

Paul McCartney mag alt an Jahren sein, aber er besitzt als Musiker nach wie vor eine junge Seele. Das spürt man, wenn Sir Paul in 'Who Cares' den ruppigen Rocker raus lässt oder generell mit einer Vielzahl an Sounds spielt. All das kann er sich locker leisten, denn beim Songwriting kann ihm kaum einer etwas vormachen. Für seinen dritten Vorabtrack 'Fuh You' hat McCartney als Koautoren Ryan Tedder, den Leadsänger von 'OneRepublic' dazu geholt. Tedder hat auch am Bonustrack 'Nothing For Free' mitgeschrieben und gehört zum Produzententeam der "Egypt Station". Für McCartney gibt es zahlreiche Wege, die zu neuen Songs führen können, und 'Fuh You' ist ein Paradebeispiel dafür:

Länge: 47 Sekunden
Datum:
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Einige Songs hat man bereits im Vorfeld der Aufnahmesessions geschrieben, andere denkt man sich im Studio aus. Die Ideen kommen einem dann während der Arbeit. Bei diesem Song nun war ich gemeinsam mit Ryan Tedder im Studio, wohingegen das übrige Album in Zusammenarbeit mit Greg Kurstin entstanden ist. Bei 'Fuh You' waren wir auf der Suche nach Ideen, kleinen Melodiefragmenten und Akkorden. Der Song entstand also nach und nach. Ich habe dann versucht, eine sinnvolle Story zu entwickeln im Sinne von: 'Komm schon, Baby, erzähl mir etwas von dir und sag mir die Wahrheit. Lass mich dich kennenlernen, ich möchte wissen, wie du dich fühlst. Du bringst mich sogar dazu, für dich zu stehlen – das tue ich nur für dich!' Das war die grundlegende Idee hinter diesem Song.

Songwriting als Therapie

Sir Paul McCartney schleppt einen ganzen Schweif an musikalischen Erfahrungen hinter sich her und dennoch schaut er nicht nur zurück, sondern mit aufmerksamem Blick auch nach vorn und singt in seiner Ballade 'I Don’t Know': "I’ve got so many lessons to learn". Hier zeigt sich, dass der im vergangenen Jahr mit dem exklusiven 'Order of The Companions of Honour' ausgezeichnete Musiker immer noch ein ganz normaler Mensch ist, dem wie uns allen die Unstimmigkeiten des alltäglichen Lebens zusetzen können. Auch bei Sir Paul ist eben nicht alles eitel Sonnenschein:

Paul McCartney über den Song 'I Don't Know' [39 Sekunden]

Ich schrieb 'I Dont Know' im Anschluss an eine schwierige Phase, die ich durchgemacht hatte. Wie man sie einfach mal hat, also nichts Gravierendes, sondern es war einer dieser Tage, an dem man sich fragt, ob einem denn wirklich nichts gelingen will. Manchmal ist das ein guter Weg, um einen Song zu schreiben, weil der dann direkt aus der Seele kommt. Wir pflegen oft zu sagen, dass Songwriting wie das Gespräch mit einem Psychiater oder Therapeuten ist. Denn das, was man sagen möchte, sagt man eher in einem Song als in einem Raum mit einem Spezialisten. Ich habe also dieses Problem zu Ende gedacht und zu einem Song gemacht.

Solch eine persönliche Verstimmtheit in eine wunderschöne Ballade zu verwandeln, das zeigt wieder einmal, dass Paul McCartney zu Recht zu den größten Songwritern aller Zeiten gezählt wird. Seine nie versiegende Kreativität und Experimentierfreudigkeit beziehen ihre Energie laut Produzent Greg Kurstin aus dem Bestreben McCartneys, mit seiner "Egypt Station" an die Vielfalt der Beatles-Alben anzuknüpfen. Das Cover zu "Egypt Station" basiert auf einem von Paul McCartney selbst gemalten Bild, welches ein wenig an die surrealen Bilderwelten von Salvador Dalí erinnert.  

Ein weit gespannter Themenbogen

Inhaltlich spannt McCartney auf seiner Wiedererweckung des Konzeptalbums den Bogen von Kindheitserinnerungen wie in 'Do It Now', welches sich auf einen Spruch seines Vaters bezieht, über Rückblicke auf das Partyleben der 60er in 'Come On To Me' oder das bekiffte Nichtstun in 'Happy With You' hin zu hochbrisanten Themen der Gegenwart. Seinen Siebenminüter 'Despite Repeated Warnings' gestaltet er bewusst in der Tradition der von ihm so genannten 'Teenage Operas'. McCartney nutzt hier den Klimawandel als Aufhänger und kritisiert, wie die Menschen den Kopf in den Sand stecken. In 'People Want Peace' setzt er sich basierend auf eigenem Erleben mit dem Nahostkonflikt auseinander. Sir Paul kann dann durchaus politisch im Sinne eines friedvollen Miteinanders werden:

Länge: 1:26 Minuten
Datum:
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Vor einigen Jahren spielten wir einen Gig in Israel. Ich wollte gerne die Palästinensergebiete besuchen, bevor ich nach Israel kam, denn ich war mir der politischen Lage dort sehr bewusst. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, in Israel aufzutreten und die Palästinenser dabei zu ignorieren. Also habe ich einen Besuch in den Palästinensergebieten organisiert, habe die Grenze überquert und bin in eine kleine Musikschule gegangen. Dort habe ich den Kindern die Hände geschüttelt, ein bisschen herumgehangen und ihnen beim Musikmachen zugehört. Ich wollte einfach den Palästinensern gegenüber Solidarität zeigen. Zurück in Israel habe ich mich mit ein paar coolen Leuten getroffen, die zu einer Gruppe mit Namen 'OneVoice' gehörten. Es war eine Art politische Gruppierung, eine Bewegung. Das Ganze endete damit, dass wir ihre Abzeichen während unserer Show in Tel Aviv getragen haben. Die gesamte Idee dahinter war eine echte Friedensmission. Denn diese Kids waren großartig – ach, was sage ich Kids, das waren junge Erwachsene. Und ich fragte sie: 'Was wollt Ihr denn eigentlich genau?' Und sie sagten: 'Alles, was wir wollen, ist ein Leben in Frieden; wir wollen unsere Familien großziehen und einfach die Möglichkeit haben, unser Leben in Frieden zu verbringen'. Und das knüpfte an eine meiner Kindheitserinnerungen an: Ich fragte meinen Vater: 'Du siehst all diese Kriege und solche Dinge in der Zeitung und im Fernsehen. Ist es denn so, dass die Menschen den Krieg wollen? Gefällt es ihnen einfach, zu kämpfen?' Er hat mich sehr ruhig angeschaut und gesagt: 'Nein, nein, mein Sohn, die Menschen wollen Frieden!'

Mit dem etwas sperrigen 'Hunt You Down/Naked/C-Link' ist der vielschichtige rockige Abschluss der 'Egypt Station' betitelt. Sir Pauls musikalische Bahnfahrt durch sein buntes, voller klanglicher Überraschungen steckendes Album erreicht die Endstation. Dennoch scheint Paul McCartney uns zurufen zu wollen: "Music and life go on". Gut so, dem ist nichts hinzuzufügen!

Christian Höltge


Paul McCartney “Egypt Station“
UMI/ Capitol
EAN: 9705800140147
VÖ: 07.09.2018

Die Songs
TitelDauer
Opening Station0:41"
I Don't Know4'26"
Come On To Me4'10"
Happy With You3'34"
Who Cares3:13
Fuh You3'23"
Confidante3:04"
People Want Peace2'59"
Hand In Hand2'35"
Dominoes5'02"
Back In Brazil3'20"
Do It Now3'17"
Caesar Rock3'29"
Despite Repeated Warnings6'57"
Station II0'46"
Hunt You Down/Naked/C-Link6'22"

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 17. September 2018, 16:40 Uhr

Zur Website von Paul McCartney

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