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Coldplay "Everyday Life"

6. Dezember 2019

Die Stories, die sich um die Veröffentlichung von Coldplays am 22. November erschienenem 8. Studioalbum “Everyday Life“ ranken, sind genauso bunt wie das Album selbst. Wer sich auf die beiden Songfolgen “Sunrise“ und “Sunset“ dieses neuen Doppelalbums einlässt, fällt von einer Überraschung in die nächste.

Ausschnitt aus dem Song "Everyday Life" vom Album "Everyday Life" von Coldplay.

Autor/-in: Coldplay
Länge: 30 Sekunden
Datum: Montag, 9. Dezember 2019
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Orphans - Hörprobe [30 Sekunden] Cry Cry Cry - Hörprobe [30 Sekunden] Champion Of The World - Hörprobe [30 Sekunden] Èkó - Hörprobe [30 Sekunden] Arabesque - Hörprobe [30 Sekunden] Old Friends - Hörprobe [30 Sekunden] Church - Hörprobe [30 Sekunden] Daddy - Hörprobe [30 Sekunden]

Schon der Beginn mit dem instrumentalen “Sunrise“ im schmachtenden Streichersound lässt aufhorchen. Neben den vier Coldplay-Mitgliedern hat Davide Rossi, der schon seit langem für die Streicharrangements der britischen Pop-Rocker zuständig ist, daran mitgeschrieben. Doch der filmmusikartige Beginn von “Everyday Life“ weicht schon im folgenden Track “Church“ einer Weltmusik-Ausrichtung, die sich im arabischen Gesang von Norah Shaqur niederschlägt. (Ein wenig kann man sich hier an “Desert Rose“, 1999 von Sting gemeinsam mit Cheb Mami aufgenommen, erinnert fühlen.) Bereits der am 24. Oktober veröffentlichte Promotrack “Orphans“ hatte angedeutet, was Chris Martin und seine Bandkumpane diesmal im Köcher haben: Auf Guy Berrymans afrikanischer Basslinie tanzend und mit stadiontauglichem Chorgesang entfaltet Chris Martin ein Bild von Bomben, die auf Syrien fallen und eine Rückkehr in den ausgelassenen Alltag unmöglich machen. Man reagiert zunächst irritiert und möchte dann aber doch unbedingt hören, wie es weitergeht.

Ein “Aloha From Amman“

Coldplay [Quelle: Warner Music]
Coldplay live in Amman [Quelle: Warner Music]

Schon im Vorfeld war eine ausgefallene Werbekampagne angelaufen. Mit einer mysteriösen Plakataktion in Metropolen von Berlin bis São Paulo wurde das Cover des neuen Albums, welches auf einem etwa 1919 aufgenommenen Foto des Urgroßvaters von Gitarrist Jonny Buckland basiert, promotet. Die Tracklist von “Everyday Life“ veröffentlichten Coldplay im Anzeigenteil von Lokalzeitungen in Wales und in Australien. Zu guter Letzt schrieben sie ausgewählte Fans oldschool mit Schreibmaschine direkt an.

Coldplay [Quelle: Warner Music]
Coldplay live in Amman [Quelle: Warner Music]

Den Vorhang lüfteten Coldplay dann vollständig mit ihren beiden Release-Konzerten zu Sonnenaufgang und Sonnenuntergang am 22. November auf dem Zitadellenhügel der jordanischen Hauptstadt Amman, die über Livestream verfolgt werden konnten – nicht nur für Coldplay-Romantiker ein Highlight. Die dabei permanent über den Monitor strömenden Chat-Kommentare umrahmten diese perfekt inszenierten Auftritte mit einem weltumspannenden Echo und wirkten damit wie eine Neuauflage des legendären Elvis-Konzerts 1973 auf Hawaii. Coldplay haben mit diesem “Aloha From Amman“ ihrem neuen Album den perfekten Rahmen verschafft. Als pünktlich nach Ende des “Sunset“-Konzerts die Rufe der Muezzins einsetzten, war die Dramaturgie einfach perfekt.

Weg vom Stadion, hin zum Album

Er liebe das, was er mit Coldplay gerade mache, bekräftigt Sänger Chris Martin, und es sei ihm egal, wenn das nicht allen gefalle. Und somit liegt der Fokus von “Everyday Life“ ganz bewusst auf der Form eines Albums mit zwei Songfolgen. “Sunrise“ ist dabei noch eine Spur bunter als “Sunset“. Die einzelnen Songs stehen nicht mehr allein im Mittelpunkt, sondern Coldplay haben sich gedanklich von ihrer reinen Stadiontauglichkeit wegbewegt, betont Gitarrist Jonny Buckland:

Jonny Buckland über die Albumform [37 Sekunden]

Keine Songs übers Geschirrspülen

Spätestens nach dem klassischen Gospelsong “BrokEn“ hat der versonnene Gesangszauberer Chris Martin uns mit seiner zunächst nur von abgedämpftem Klavier begleiteten ungemein zarten Ballade “Daddy“ dort, wo er uns haben will: gefangen in seinem fein gesponnenen Netz von Emotionen. Da stellt er sich dann wieder ein, dieser ungemeine musikalische Sog von Coldplay, der die einen emotional verschlingen und andere wiederum in eine ebenso vehemente Ablehnung treiben kann. Aber vielleicht sollte man den neuen Songs der britischen Soundmagier einfach ein wenig mehr Zeit geben. Denn schließlich geht es in “Everyday Life“ um das Leben an sich, um Erfahrungen, die Menschen rund um den Erdball machen:

Jonny Buckland über die Songinhalte [16 Sekunden]

Ein Wechselbad der Gefühle

Wenn die neuen Songs sich erst einmal gesetzt haben, dann lassen sie einen nur schwer wieder los. Nach dem bläsergetriebenen “Arabesque“ mit dem belgischen Musiker Stromae, der die französischen Gesangspassagen übernimmt, fühlt man sich wie durchgeschüttelt und sucht Halt beim nächsten Coldplay-Song “When I Need A Friend“, welcher als getragener Choral die auf Touren gebrachten Nerven wieder total beruhigt. Ein Wechselbad der Sounds und Gefühle ist es, in das Coldplay uns gekonnt stürzen. Das liegt auch an den Wegen, welche die neuen Songs während ihrer Entstehung genommen haben:

Ausschnitt aus dem Song "Daddy" vom Album "Everyday Life" von Coldplay.

Autor/-in: Jonny Buckland/Christian Höltge
Länge: 36 Sekunden
Datum: Montag, 9. Dezember 2019
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Wenn man so will, ist “Everyday Life“ eine Art globaler Klangkollage. Es gibt viele Geräusche und O-Ton-Einschübe, die Chris Martin mit seinem Smartphone weltweit permanent aufnimmt. Zum ersten Mal überhaupt ist bei Coldplay ein Saxofon zu hören: Es gehört zum Bläserarrangement von “Arabesque“, für welches Femi und Made Kuti – Nachfahren des 1997 verstorbenen nigerianischen Afrobeat-Großmeisters Fela Kuti – gesorgt haben. Es ertönen unterschiedliche Sprachen, neben dem Englischen auch Französisch oder Spanisch:

Jonny Buckland über andere Sprachen auf dem Album [25 Sekunden]

Ein Hochamt erhabener Gefühle

Ohne Scheu vor dick aufgetragenen Klangwolken zelebrieren Coldplay mit “When I Need A Friend“ ein Hochamt erhabener Gefühle. Im Stile englischer Chormusik und mit einem sanften “Holy, Holy“ steigt hier die Taube herab. Jacob Collier, ein junger Londoner, brachte diesen Geist englischer Gesangstradition in die Produktion von “Everyday Life“ hinein. Überhaupt bedienen Chris Martin und seine eingeschworenen Bandmitglieder sich auf “Everyday Life“ religiöser Motive. Denn sie haben eine Botschaft, die sie im Titeltrack ausbreiten: Alle Menschen sind Teil des großen Ganzen, so unterschiedlich sie auch sein mögen. “Hallelujah“, also „preiset den Herrn“, singt Chris Martin wiederholt am Ende von “Everyday Life“, welches auch den Schlusspunkt des Doppelalbums setzt. Nur in der japanischen Edition findet sich mit dem Song “Flags“ noch ein weiterer Track.

Coldplay versuchen uns mit “Everyday Life“ also die Welt zu öffnen. Sie stoßen mit ihren beiden farbigen Songfolgen das Tor auf zu einer Landschaft aus Wüste und Paradies, aus Schatten und Licht, aus Gewalt und Liebe. Die vier Kreativköpfe nutzen weiterhin ihr bewährtes Rezept melodiegefüllter Soundwolken. Sie können nach wie vor aus dem Stand heraus verzaubern, haben aber ihren musikalischen Horizont mittlerweile unendlich viel weiter gespannt:

Ausschnitt aus dem Song "Daddy" vom Album "Everyday Life" von Coldplay.

Autor/-in: Jonny Buckland/Christian Höltge
Länge: 22 Sekunden
Datum: Montag, 9. Dezember 2019
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Ihren Markenkern neu geschmiedet

Mit “Everyday Life“ starten Coldplay etwas, das wie ihre zweite Neuerfindung wirkt. Denn 2008 hatten sie mit ihrem Nummer-Eins-Album “Viva La Vida Or Death And All His Friends“ unter Mithilfe von Brian Eno den Hebel musikalisch schon einmal umgelegt. Mit ihrem aktuellen Album haben Chris Martin, Jonny Buckland, Will Champion und Guy Berryman ihren Markenkern eingeschmolzen, neu geschmiedet und versuchen sich nun an der Vereinnahmung der Welt in ihrer Musik. “Cry Cry Cry“ mit seinen Randy-Newman-Harmonien etwa erinnert an Doo-Wop-Songs und zeigt Coldplay von einer ganz unerwarteten Retro-Seite. In “Guns“ wettert Chris Martin auf einem quirligen Gitarrenbett in bester Protestsong-Manier gegen Schusswaffen und darf dabei – hingehört! – zum ersten Mal in einem Coldplay-Song fluchen. Es sei ihr erstes Album, auf welchem Drummer Will Champion ihm dies erlaubt habe, erzählt der Sänger.

Coldplays Blick über den Tellerrand schlägt sich auch im bewussten Verzicht auf eine Album-Tour nieder. Chris Martin erklärt, sie würden erst dann wieder eine Tournee starten, wenn diese nachhaltig und mindestens klimaneutral ablaufen könne. Außerdem habe diese Entscheidung ihr neues Album zusätzlich beflügelt, betont Jonny Buckland:

Jonny Buckland darüber, warum es keine Tour geben wird [38 Sekunden]

Musikalisch unterwegs für eine bessere Welt

Mit “Everyday Life“ könnten Coldplay in der Tat einen grundsätzlich neuen Kurs eingeschlagen haben. Die Show, die sie am 25. November im Londoner Natural History Museum unter dem gigantischen Skelett eines Blauwals Namens “Hope“ vor einem handverlesenen Publikum gespielt haben, mag nach ihren an das “Rooftop Concert“ der Beatles erinnernden Release-Auftritten in Amman der nächste Versuch eines musikalischen ‘Small is beautiful‘ gewesen sein. Dass es mit diesen Meistern des inszenierten Gefühls weitergehen wird, steht wohl außer Frage. Denn es gibt schon weitere Songs, Anfang des kommenden Jahres wollen sie wieder ins Studio gehen und bei ihrem künstlerischen Engagement für eine bessere Welt sind sie vielleicht noch ein bisschen näher zusammengerückt: 

Jonny Buckland über die Zukunft von Coldplay [14 Sekunden]

Ein Album, das Denkanstöße gibt

Konfetti und Luftballons haben also zunächst einmal ausgedient. Für die einen mag ”Everyday Life” dennoch ein musikalischer Abenteuerspielplatz sein, aber andere wiederum könnten sich in den Songs dieses außergewöhnlichen Doppelalbums geradezu verlieren. Coldplay haben sich mit ihrem neuen Werk sozusagen entgrenzt - für eine bessere Welt. Das ist ein extrem hoher Anspruch und Herausforderung zugleich. Aber es gibt doch unendlich viele weniger gute Begründungen für ein neues Album. Und schließlich versucht sich nicht irgendwer an dieser Utopie, sondern eine Band von Weltrang, die wie kaum eine andere Formation den musikalischen Diskurs in der Popwelt bestimmt hat. Coldplays “Everyday Life“ ist beileibe kein alltägliches Album, es kann Denkanstöße geben – und das ist auch gut so!

Christian Höltge

Albumdaten

Coldplay: “Everyday Life”
Parlophone Label Group
EAN: 0190295323769
VÖ: 22. November 2019
Die Songs
TitelDauer
Sunrise
Sunrise
Church3:50
Trouble In Town4:38
Broken2:30
Daddy4:58
WOTW / POTW1:16
Arabesque5:40
When I Need A Friend2:35
Sunset
Guns1:55
Orphans3:17
Èkó2:37
Cry Cry Cry2:47
Old Friends2:26
بنی آدم,3:14
Champion Of The World4:17
Everyday Life4:18

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 9. Dezember 2019, 16:40 Uhr

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