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Bruce Springsteen: “Western Stars“

20. Juni 2019

Der Boss meldet sich zurück! Mit seinem am 14. Juni veröffentlichten Album “Western Stars“ leiht er dem amerikanischen Traum wieder einmal seine Stimme und lässt den südkalifornischen Sound der 60er- und 70er-Jahre wiederaufleben. In seinen 13 selbst geschriebenen neuen Songs entfaltet Bruce Springsteen ein satt eingefärbtes filmmusikartiges Tableau.

Länge: 30 Sekunden
Datum:
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Ausschnitt aus Bruce Springsteens "Western Stars": "Sundown" [30 Sekunden] Ausschnitt aus Bruce Springsteens "Western Stars": "Hitch Hikin'" [28 Sekunden] Ausschnitt aus Bruce Springsteens "Western Stars": "Tucson Train" [30 Sekunden] Ausschnitt aus Bruce Springsteens "Western Stars": "Stones" [30 Sekunden] Ausschnitt aus Bruce Springsteens "Western Stars": "Sleepy Joe's Café" [26 Sekunden] Ausschnitt aus Bruce Springsteens "Western Stars": "Chasin' Wild Horses" [30 Sekunden] Ausschnitt aus Bruce Springsteens "Western Stars": "Drive Fast (The Stuntman)" [30 Sekunden] Ausschnitt aus Bruce Springsteens "Western Stars": "Western Stars" [30 Sekunden] Ausschnitt aus Bruce Springsteens "Western Stars": "Moonlight Motel" [28 Sekunden]

Bereits mit dem Aufmacher "Hitch Hikin’" weist Bruce Springsteen als Wind und Wetter folgender Tramper den Weg, den sein mittlerweile 19. Studioalbum einschlagen wird: Americana mit orchestralen Leitplanken. Aber im Kern ist der Boss auch mit “Western Stars“ seiner Linie treu geblieben: "Dieses Album knüpft an meine Soloplatten an mit Songs, in deren Mittelpunkt Figuren und Charaktere stehen und die ausladende Orchesterarrangements enthalten. Das Album ist eine wahre Schatztruhe!"

Musikalisch hat Bruce Springsteen sich von Musikern wie der 2017 verstorbenen Country-Legende Glen Campbell inspirieren lassen. Auch Songwriter Jimmy Webb, der sich mit  seinem ausladenden "MacArthur Park" ein musikalisches Denkmal gesetzt hat, und die Hitmaschine Burt Bacharach haben laut Springsteen für "Western Stars" Pate gestanden.

Der Boss in CinemaScope

Bilder wie aus Wildwestfilmen ziehen am inneren Auge vorbei, wenn das Album "Western Stars" läuft. Nicht im düster aufgeladenen Stil eines Ennio Morricone, sondern eher im Schlagschatten eines John Wayne. Der Boss in CinemaScope – in bestem Breitwand-Sound strömen und rollen seine neuen Songs dahin. Und dennoch bleibt Bruce Springsteen nahbar. Nach wie vor ist er der Weltstar, der mit aufgekrempelten Ärmeln das anpackt, was ihn beschäftigt. Sein aktuelles Roadmovie ist sicherlich nicht so politisch aufgeladen wie etwa das 2012 erschienene Album "Wrecking Ball". Auf dem Umweg über die kleinen Alltagshelden, die im Mittelpunkt seiner neuen Songs stehen, fällt Springsteens Blick jedoch unweigerlich auf den Zustand einer Gesellschaft, bei welcher Loslassen und der Versuch, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen, Hand in Hand gehen. Da scheint sie dann plötzlich wieder auf, diese unausgesprochene Distanz zwischen Wunschtraum und Wirklichkeit:

Länge: 14 Sekunden
Datum:
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Relaxter California-Sound

Bruce Springsteens Stimme vermag in relaxtem California-Sound über dem orchestralen Klangteppich zu schweben. Unendliche Weite, Freiheit und ausgedehnte Horizonte öffnen sich. Die hat der Boss sich mithilfe seines Produzenten Ron Aniello ins heimische Studio in New Jersey geholt. Weitere Aufnahmen für "Western Stars" fanden dann in Kalifornien und New York statt.

Mit fein dosiertem Einsatz seiner 20 Köpfe umfassenden orchestralen Begleitband unterfüttert und flankiert Springsteen die in seiner typischen Handschrift gehaltenen Songs. Er geht sehr sorgsam mit diesen um und stülpt ihnen gerade nicht einfach eine klangliche Käseglocke über. Auf diese Weise laden uns die wolkigen Instrumentalstimmen von Streichern, Horn und Trompete in die weitgespannten Klanghorizonte seines aktuellen Albums ein. Mit von der Partie ist auch Springsteens Frau Patti Scialfa. Aus dem über Jahrzehnte aufgebauten Pool seiner E-Street-Band sind Keyboarder David Sancious, Organist Charles Giordano und Geigerin Soozie Tyrell dabei. Multiinstrumentalist Jon Brion sorgt mit Celesta, Moog-Synthesizer und Farfisa-Orgel für weitere außergewöhnliche Klangfarben.

Nach langer Anlaufzeit wehen nun die Country-Winde

Sein Projekt "Western Stars" hat Springsteen schon seit längerer Zeit mit sich herumgetragen. Bereits im Sommer 2016 kündigte sein Manager Jon Landau ein neues Soloalbum an. Im Oktober 2017 bestätigte der Boss in einem Interview mit Billboard.com, dass ein neues Singer-Songwriter-Album auf dem Weg sei: "Es muss auf den richtigen Moment warten. Die Songs sind von der Popmusik Südkaliforniens der 1970er-Jahre beeinflusst und erinnern an die Musik von Glen Campbell, Jimmy Webb und Burt Bacharach."

Allerdings konzentrierte der Boss sich zunächst auf seine Akustik-Show "Springsteen On Broadway". Nun sind Springsteens "Western Stars" eingetroffen. Der mit wehendem Schweif und wirbelnder Mähne durch das Cover springende Mustang macht es deutlich: Hier regiert der Wind des wilden Westens. Und in der Tat weht  in "Drive Fast (The Stuntman)" eine sanfte Country-Brise, die Instrumentierung erinnert hier dann doch einmal an Ennio Morricone. Andere Songs wie etwa "Chasin‘ Wild Horses" mit seinem Intro von Gitarre und Cello tragen dagegen geradezu kammermusikalische Züge.

Mut zu ungefiltertem Wohlklang

Springsteen, der am 23. September 70 wird, spielt äußerst virtuos auf der Klaviatur des Western-Sounds. Dabei erzählt er aber immer noch die Geschichten einfacher Menschen, die mit dem ringen, was das Leben ihnen auftischt. Ein Kranführer ist darunter, der auf den "Tucson Train" wartet. Im Zug sitzt hoffentlich seine große Liebe, der er beweisen will, dass er sich geändert hat. Dann gibt es noch den mit sich und seinem Leben hadernden Songwriter, dem die Kälte der Verzweiflung "somewhere north of Nashville" in die Knochen kriecht. Diesen kurzen Song hat Springsteen fast wie einen spröden Choral aufgezogen. Im ausgelassenen Cajun-Stil bewegen sich dagegen die Menschen auf der Tanzfläche in "Sleepy Joe’s Café". Sie lassen die Anstrengungen der Arbeitswoche hinter sich: "See you out on the floor and Monday morning’s a million miles away".   

Erstaunlich gelassen und altersmilde

Es ist eine erstaunliche Gelassenheit, mit welcher der Boss auf "Western Stars" seine Geschichten erzählt. Fast altersmilde geht er seine wie gewohnt anspruchsvollen Songs an, denn er weiß seine Bilder und Botschaften genauestens zu dosieren. Dabei scheut Springsteen aber auch nicht die Nähe zu orchestralem Kitsch, wenn er damit wie in "Stones" den Lügen, von denen er singt, die Schärfe nehmen und ihnen gerade dadurch noch eine viel stärkere Präsenz geben kann.

Wenn Bruce Springsteen in "Moonlight Motel", dem letzten Songs seines neuen Albums, seinen Erinnerungen nachhängt, dann driftet er melancholisch in die Nacht hinein. Uns lässt er ebenso nachdenklich und berührt zurück. Seine E-Street-Band hat er ja diesmal in der Garage gelassen und sich stattdessen in den Sattel geschwungen. Nun reitet er in bester Western-Manier durch seine klanggesättigten Weiten und öffnet uns musikalische Highways, die sich in der Ferne verlieren. Der Boss ist doch immer für eine Überraschung gut.

Christian Höltge

Bruce Springsteen: “Western Stars“
SMI/Columbia
EAN: 0190759419724
VÖ: 14.06.2019

TitelDauer
Hitch Hikin'3'36
The Wayfarer4'19
Tucson Train3'29
Western Stars4'39"
Sleepy Joe's Café3'13
Drive Fast (The Stuntman)4'16
Chasin' Wild Horses5'03
Sundown3'15
Somewhere North Of Nashville1'53
Stones4'45
There Goes My Miracle4'03
Hello Sunshine3'54
Moonlight Motel4'19

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 24. Juni 2019, 16:40 Uhr

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