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Frank Turner “No Man’s Land“

1. Oktober 2019

Mit seinem bezeichnenden Titel “No Man’s Land“ zeigt das am 16. August veröffentlichte Album des im südenglischen Winchester aufgewachsenen Singer-Songwriters Frank Turner deutlich, wohin die Reise geht. Denn seine 13 neuen Songs hat Turner allesamt außergewöhnlichen Frauenpersönlichkeiten gewidmet.

Ausschnitt aus dem Song "Jinny Bingham's Ghost" vom Album “No Man’s Land“ von Frank Turner.

Autor/-in: Frank Turner
Länge: 30 Sekunden
Datum: Montag, 19. August 2019
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Rescue Annie - Hörprobe [30 Sekunden] The Death Of Dora Hand - Hörprobe [30 Sekunden] Nica - Hörprobe [30 Sekunden] Silent Key - Hörprobe [30 Sekunden] A Perfect Wife - Hörprobe [30 Sekunden] The Hymn Of Kassiani - Hörprobe [30 Sekunden] The Graveyard Of The Outcast Dead - Hörprobe [28 Sekunden] I Believed You, William Blake - Hörprobe [30 Sekunden]

Zumindest eine dieser Frauen, Rosemary Jane, steht Frank Turner sehr nahe, denn es handelt sich dabei um seine Mutter. Andere wie die bei der Challenger-Katastrophe ums Leben gekommene Astronautin Christa McAuliff oder die Serienmörderin Nannie Doss faszinieren den Sänger durch ihre außergewöhnlichen Lebensumstände.

Realist und Überzeugungstäter

Die Geschichten der von ihm ausgewählten ungewöhnlichen Frauen zu erzählen, sei überfällig gewesen, berichtete Turner. Dem in Bahrain geborenen Diplomatensohn ist mit “No Man’s Land“ eine in der Tat aufregende Folge ungewöhnlicher Kurzporträts gelungen. Aber ihm ist auch bewusst, dass er mit seinem Album keine Reichtümer verdienen wird. Dennoch verdiene es seine Kunst einfach, wahrgenommen zu werden:

Autor/-in: Christian Höltge/Frank Turner
Länge: 38 Sekunden
Datum: Montag, 19. August 2019
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Vom Punker zum tiefgründigen Konzeptkünstler gereift

Der 37 Jahre alte Frank Turner hat sich als Sänger der Londoner Punkband “Million Dead“ musikalisch die Hörner abgestoßen und brennt nun für seine eigene Musik. Immerhin veröffentlicht er seit 2007 Studioalben und “No Man’s Land“ ist bereits sein achtes – erschienen nur 16 Monate nach dessen Vorgängeralbum “Be More Kind“. Das habe daran gelegen, berichtet Turner, dass er parallel an beiden Alben geschrieben und “Be More Kind“ vorgezogen habe, weil er damit auf die immer mehr durchdrehende Welt reagieren wollte. Nun seien aber seine klingenden Frauenporträts an der Reihe:

Frank Turner über sein Konzept & "Jinny Bingham's Ghost" [1:18 Minuten]

Auf faszinierende Frauenpersönlichkeiten gestoßen

Frank Turner hat an der London School of Economics and Political Science einen Abschluss in Europäischer Geschichte gemacht und insofern überrascht seine Hinwendung zu Biografien aus der Vergangenheit nicht wirklich. Einerseits ist er wie bei Jinny Bingham, einer der Hexerei beschuldigten Schankwirtin im quirligen Camden, eher zufällig auf eine ihn faszinierende Frauenpersönlichkeit gestoßen. Andere Frauenbiografien wiederum wählte er bewusst aufgrund ihrer außergewöhnlichen Verläufe aus. Seine Single “Sister Rosetta“ etwa widmete Turner der Sängerin und Gitarristin Sister Rosetta Tharpe (1915 – 1973). Diese charismatische Musikerin setzte mit ihren Gospelsongs Maßstäbe. Tharpe trat in Cab Calloways legendärer Cotton-Club-Revue in Harlem auf und beeinflusste unter anderem mit ihrem Gitarrenstil nachfolgende Größen wie Elvis Presley, Johnny Cash und Tina Turner. Auch die ägyptischen Frauenrechtlerin und Gründerin der Ägyptischen Feministischen Union, Hudā Šaʿrāwī“ (1879 – 1947), hat Frank Turner neben anderen bemerkenswerten Frauenpersönlichkeiten zum Thema eines seiner neuen Songs gemacht:

Frank Turner über Songinhalte [1:11 Minuten]

Ein umtriebiger Songwriter

Sein aktuelles Projekt begleitet Frank Turner mit seinem Podcast “Tales From No Man’s Land“, für welchen er Orte aufsuchte, die für die auf seinem Album versammelten Frauen von Bedeutung waren. Darunter das Boot Hill Museum von Dodge City, jener Stadt in Kansas, in welcher die Vaudeville-Sängerin Dora Hand 1878 erschossen worden war. Frank Turner ist also ein umtriebiger Songwriter, der sich aber auch Zeit lassen kann, wenn er sich einmal festgefahren haben sollte:

Autor/-in: Christian Höltge/Frank Turner
Länge: 43 Sekunden
Datum: Montag, 19. August 2019
Sendereihe: Online | Radio Bremen

In seinen auf ”No Man’s Land” versammelten Songs möchte Frank Turner nicht einfach nur die Geschichten der von ihm besungenen Frauenpersönlichkeiten erzählen. Ihm geht es vielmehr um die hinter diesen Biografien verborgenen grundlegenden Momente menschlichen Lebens: “Eye Of The Day“, ein Song über Mata Hari, dreht sich im Kern um Verkleidung als Selbstschutz. Hinter "Nica" verbirgt sich die der Rothschild-Familie entstammende große Jazz-Förderin Baroness Kathleen Annie Pannonica de Koenigswarter. Diese mutige Frau bekämpfte als Angehörige der Forces françaises libres die Nationalsozialisten und deren Verbündete. In diesem Song geht es um das Verlassen eines vorgegebenen Lebenswegs. Dass er gerade mit solch einem Konzeptalbum wie “No Man’s Land“ auch deutlich Position bezieht, ist Turner klar:  

Frank Turner über den Stellenwert des Albums [1:40 Minuten]

Serienmörderin trifft auf Weltraumheldin

Im Laufe der Arbeit an seiner Songsammlung überkam den Songwriter jedoch das Gefühl, vielleicht etwas zu einseitig vorzugehen. Also begab er sich auf die Suche nach den dunklen Seiten von Frauenbiografien:

Frank Turner über Nannie Doss [1:08 Minuten]

Die von ihm ausgewählten Geschichten besitzen laut Frank Turner bisweilen sogar dramatische Dimensionen wie bei Shakespeare. Sein Song “Silent Key“ bietet ein Beispiel dafür: Christa McAuliffe sollte im Rahmen des NASA Teacher in Space Project als erste Lehrerin im Weltraum in die Geschichte eingehen. Ihren Platz in den Geschichtsbüchern fand sie dann als eines von sieben Opfern unter der Besatzung des Space Shuttles “Challenger“, welches am 28. Januar 1986 kurz nach dem Start explodiert war.

Ein echter Storyteller

Als Songwriter für “No Man’s Land“ geht Frank Turner sehr unterschiedlich vor und präsentiert sich damit als echter Storyteller. Er verbindet Pop-Rock mit Folk, vermeidet dabei jegliches Soundgeklingel und stellt sich damit in die Tradition eines Bob Dylan. Mit welcher Meisterschaft Turner seine Songthemen umsetzt und den Bogen von der Historie in die Gegenwart schlägt, lässt sich besonders gut an “The Graveyard Of The Outcast Dead“ ablesen. Obwohl Weihnachten in diesem Song als emotionales Zeitfenster eine Rolle spiele, handele es sich dabei aber nicht um ein Weihnachtslied, betont Turner. Es gehe vielmehr um verzerrte zwischenmenschliche Beziehungen. Und mit diesen weiß sich der ehemalige Eton-Stipendiat tiefgründig auseinanderzusetzen:

Frank Turner über "The Graveyard Of The Outcast Dead" [52 Sekunden]

Musikalisch ist Frank Turner für sein aktuelles Album ungemein kreativ vorgegangen. Er kann dabei schnörkellos geradeaus musizieren, um damit “Sister Rosetta“ als afroamerikanischer Wegbereiterin des Rock’n’Roll gerecht zu werden. Er kann aber ebenso etliche Jahrhunderte im Notenheft der Geschichte zurückblättern und sich dabei an der byzantinischen Äbtissin und Dichterin Kassia (ca. 810 – 865) orientieren, die als früheste Komponistin des Abendlandes gilt. Als selbstbewusste Frau hatte Kassia sich damals mit einer scharfsinnigen Bemerkung der kaiserlichen Brautschau  in Konstantinopel entzogen:

Frank Turner über den Musikstil des Albums [50 Sekunden]

Bewusst andere Wege gegangen

Um sein Konzept eines Albums über Frauenbiografien konsequent bis ins letzte Detail umzusetzen, arbeitete Frank Turner nicht mit seiner angestammten Band “The Sleeping Souls“, sondern holte sich bewusst Musikerinnen ins Studio. Auch seine Produzentin, die für ihre Arbeit bereits mit Preisen ausgezeichnete Australierin Catherine Marks, hat seinem aktuellen Album ihren Stempel aufgedrückt:

Frank Turner über seine Band und seine Produzentin [1:19 Minuten]

Frank Turner hat auf seinem neuen Album seine beiden großen Leidenschaften – Geschichte und Musik – kongenial in Einklang gebracht. Dazu kommen dann noch die emotionalen Momente. Etwa wenn er der mythenumwobenen „Unbekannten aus der Seine“, einer vermutlichen Selbstmörderin, deren Totenmaske als Vorlage für die Reanimations-Übungspuppe “Rescue Annie“ diente, eine musikalische Identität gibt. Die unglaublichen Geschichten, die Frank Turner auf “No Man’s Land“ inhaltlich und musikalisch vielfältig aufblättert, sind es auf jeden Fall wert, gehört zu werden.

Christian Höltge

Albumdaten

Frank Turner: “No Man’s Land”
UMI/ Polydor
EAN: 9705800106532
VÖ: 16. August 2019

Die Songs

TitelDauer
Jinny Bingham's Ghost2:55
Sister Rosetta3:48
I Believed You, William Blake3:35
Nica4:35
A Perfect Wife2:56
Silent Key3:57
Eye Of The Day5:14
The Death Of Dora Hand4:16
The Graveyard Of The Outcast Dead3:39
The Lioness3:10
The Hymn Of Kassiani3:30
Rescue Annie4:14
Rosemary Jane3:45

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 19. August 2019, 16:40 Uhr

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