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Bill Pritchard "Midland Lullabies"

11. März 2019, 16:40 Uhr

13 neue Songs, mit denen der im englischen Newcastle-under-Lyme lebende Singer-Songwriter Bill Pritchard sich wieder einmal ins geneigte Ohr einschmeichelt. Dafür arbeitet der feinsinnige Musiker mit kleinem Besteck: Für die "Midland Lullabies" genügen seine sanfte Stimme, ein Klavier und "The Burslem Quartet" als zarte Streicher-Unterstützung.

Es gibt natürlich auch Gitarren, Bass und Schlagzeug zu hören. Aber Bill Pritchard braucht generell nicht mehr als seine tiefgründigen Texte, schöne Melodien und das einfühlsame Feeling seines Produzenten und Pianisten Tim Bradshaw. In der ungefähren Mitte seiner Lebensreise als Erwachsener hat  der Sänger mit dem schwarzen Hut ganz bewusst eine Sammlung zärtlicher Lieder für die nächste Generation zusammengestellt:

Zärtliche Klavierlieder

Seit dem 8. März ist "Midland Lullabies" auf dem Markt – eigentlich ein schiefes Bild. Denn wenn Bill Pritchard eines nicht ist, dann marktschreierisch. Er setzt überwiegend auf die leisen Töne zärtlicher Klavierlieder, und wenn er einmal richtig in Fahrt gerät wie in "The Last Temptation Of Brussels", dann vermeint man fast ein entschuldigendes Lächeln auf seinen Lippen zu sehen. Gegenüber dem Vorgängeralbum "Mother Town Hall" vom Februar 2016 empfindet Pritchard seine aktuelle Platte als viel strukturierter. Hier ist er mit sich und seiner Musik im Reinen:

Momente gelegentlicher Melancholie

Von seiner Warte der Lebensmitte aus lässt Bill Pritchard seinen forschenden Blick über die Welt schweifen. Er blickt nach vorn, aber auch zurück, ohne jedoch in Sentimentalität zu versinken. Aber eine leichte Wehmut gesteht er sich dann doch zu. Das ist nur zu verständlich, da Pritchard sich in diesen aufgeputschten Zeiten doch auch als Europäer versteht:

Bill Pritchard ist zwar kein Paradiesvogel, aber so wirklich dem Mainstream zuzuordnen ist er auch nicht. Veröffentlichte er doch seine erste Songzusammenstellung 1986 unter dem Titel "Berlin 1935" als Audio-Kassette bei dem experimentellen französischen Kassetten-Label "Fraction Studio". Als aufmerksamer Beobachter auf der Suche nach Songideen geht Pritchard jedoch so planmäßig wie viele seiner Songwriting-Kollegen vor:

Tim Bradshaw hat die Songs verfeinert

Alle Songs auf seinem neuen Album hat Bill Pritchard wie schon bei "Mother Town Hall" zusammen mit seinem Pianisten Tim Bradshaw geschrieben. Bradshaw ist auch der ideale Sachwalter für die Klangvorstellungen Pritchards. Da wird kein großes Besteck aufgefahren, sondern es werden ganz einfach die wenigen beteiligten Instrumente klanglich perfekt eingefangen. Es ist eben auch einfach gutes Handwerk, welches Bill Pritchards  Musik von Anfang bis Ende prägt:

Die Aufnahmen dauerten nicht sonderlich lange, da ja vorher bereits alles ausgearbeitet worden war. Es ging im Studio also schnell voran, denn Tim Bradshaw besitzt ein gutes Händchen für Bill Pritchards Ohrenschmeichler. Pritchard, der  2016 bei der Breminale im Baronesse-Zelt auf der Bremen-Eins-Bühne zu erleben war, kommt auf unterschiedlichen Wegen zu seinen Songideen. Das kann durchaus auch in der Luft sein:

Von den Beatles bis zu Erik Satie

In der Musik dieses detailversessenen Songwriters aus Staffordshire gibt es ganz klar einen Nachhall der Beatles. Das kommt Bill Pritchard fast schon einem Naturgesetz gleich:

Dass Bill Pritchard seine musikalischen Inspirationen weit streut, merkt man den Songs auf "Midland Lullabies" an. Denn der bekennende Frankreich-Liebhaber hat genau in der Mitte der Songfolge ein kleines Klavierzwischenspiel eingezogen, welches schon an französische Klaviermusik das ausgehenden 19. Jahrhunderts erinnern kann. "Piano Sunstrokes" nennt er es und greift dieses dann als Songminiatur, mit welcher er sein Album abschließt, noch einmal auf.  Und so erwähnt Pritchard auch direkt den französischen Komponisten Erik Satie (1866 – 1925), in dessen Vorliebe für Schlichtheit, Klarheit und Humor er vielleicht so etwas wie einen Seelenverwandten entdeckt hat:

Ein Crooner im verbeulten Anzug

Auf dem Cover der "Midland Lullabies" steht Bill Pritchard auf einem Bahnsteig und schaut dem an ihm vorbeirasenden Zug mit dem Schriftzug seines Albums hinterher. Jetzt ist er, ein Crooner im verbeulten Anzug, ausgestiegen und hat lediglich einen Koffer dabei. Viel geht dort sicherlich nicht hinein, doch dass man mit wenigem auskommt, stellt der musikalische Reisende aus der Lebensmitte mit seinen neuen Songs schließlich gerade wieder unter Beweis:

Bill Pritchard möchte den frisch geschliffenen Gleisen seines Musikzugs unbedingt weiter folgen. Die von ihm angesprochene Lebensmitte scheint jedenfalls die ideale Zwischenstation auf seiner Reise zum perfekten Songwriting zu sein. Zu viele Ideen schlummern einfach noch in ihm:

Auf der Durchreise zum perfekten Popsong?

Und wieder einmal ist es Bill Pritchard gelungen, eine musikalisch zwar zurückhaltende, aber dafür umso nachhaltigere Duftmarke zu setzen. Sein Motor ist die ständige Suche nach dem perfekten Popsong. Ein hoher Anspruch, wie er verschmitzt einräumt. Denn meistens würde man ja denken, ihn nie zu finden. Manchmal aber sage ihm eine innere Stimme: "Vielleicht?". Bill Pritchards Suche wird sicher weitergehen. Aber immerhin haben wir mit den "Midland Lullabies" schon 13 Songs gefunden, die dem Popideal dieses feinsinnigen Singer-Songwriters doch schon sehr nahe kommen.

Christian Höltge

Bill Pritchard: "Midland Lullabies"
Tapete Records
EAN: 4015698023534
VÖ: 08. März 2019

Die Songs
TitelDauer
Iolanda2:59
Lullaby3:00
The Last Temptation Of Brussels2:30
Thanks2:42
Tricksey2:57
Lanterns3:12
Piano Sunstrokes (Interlude)00:45
Garibaldi3:08
Grow2:32
Tuesday Morning3:22
Mother Town2:14
Forever2:56
Piano Sunstrokes (Outro)1:56

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 11. März 2019, 16:40 Uhr

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