Livestream

Bremen Eins Musik Album der Woche

Album der Woche

Stone Temple Pilots – "Perdida"

14. Februar 2020

Wenn man sie an ihrer überaus bewegten Bandgeschichte misst, dann müssten die Stone Temple Pilots schon längst in den Abgrund der verlorenen Rockmusiker gestürzt sein. Doch weit gefehlt, denn getrieben von ihrem unbändigen Willen zu wiederholter Neuerfindung haben die aus San Diego stammenden US-Rocker mit ihrem Album "Perdida" erneut einen anderen Kurs eingeschlagen.

Hörprobe aus dem Song "I Didn't Know The Time" vom Album Perdida von den Stone Temple Pilots.

Autor/-in: Stone Temple Pilots
Länge: 30 Sekunden
Datum: Montag, 17. Februar 2020
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Perdida - Hörprobe [30 Sekunden] Years - Hörprobe [30 Sekunden] She's My Queen - Hörprobe [30 Sekunden] Miles Away - Hörprobe [30 Sekunden] You Found Yourself While Losing Your Heart - Hörprobe [30 Sekunden] Sunburst - Hörprobe [30 Sekunden] Three Wishes - Hörprobe [27 Sekunden]

Stone Temple Pilots [Quelle: Warner Media, Windy Bird]
Stone Temple Pilots [Quelle: Warner Media, Windy Bird]

Seit dem 7. Februar warten die Stone Temple Pilots auf "Perdida" anstelle von peitschendem Grunge nun mit zehn rein akustischen Tracks auf. In ihrem veränderten filigranen, aber auch ungemein dichten Soundgewebe sind aber immer noch die rockige Energie und die melodische Intensität spürbar, durch welche sich dieses Rockquartett von der US-Westküste schon immer ausgezeichnet hat. Insofern kann "Perdida" als konsequenter, wenn auch mutiger Schritt bezeichnet werden.

Die Stone Temple Pilots mit einem Album zum Träumen

Ihr mittlerweile achtes Studioalbum haben Gitarrist Dean DeLeo, sein jüngerer Bruder, der Bassist Robert DeLeo, Drummer Eric Kretz und Sänger Jeff Gutt in Eigenregie produziert und größtenteils in South Pasadena in den Bomb Shelter Studios von Eric Kretz aufgenommen. Dabei herausgekommen ist ein wehmütig unterfüttertes, aber ungemein intensives Album voller für eine Rockband überraschender Sounds und außergewöhnlicher Harmoniefolgen. Wer hätte gedacht, dass diese durch turbulente Grunge-Zeiten gebretterten Musiker quasi ein Album zum Träumen vorlegen würden. Schon der Albumtitel "Perdida", was so viel wie ‚Verlust‘ bedeutet, gibt die neue musikalische Marschroute der Stone Temple Pilots vor. Der Titel ihres neuen Albums solle laut Dean DeLeo die emotional aufgeladene Atmosphäre widerspiegeln, die sich zwischen den Polen Loslassen und Neubeginn aufbaut:

Du musst es durchleben, um es schreiben zu können, und dieses Album ist eine Reflexion darüber, wo wir in der letzten Zeit standen.

Eine tragische Bandgeschichte

Um Verlust und Neuanfang geht es also in den zehn neuen Songs der Stone Temple Pilots. Neustarts sind für die Band fast schon gewohnte Szenarien. Schließlich waren die Stone Temple Pilots 2003 über einer Auseinandersetzung mit ihrem damaligen Sänger Scott Weiland schon einmal auseinandergebrochen. Fünf Jahre später kam es zur Wiedervereinigung, wiederum fünf Jahre darauf trennten sich die Stone Temple Pilots offiziell von ihrem Frontmann und zogen wegen Vertragsverletzung und finanzieller Verluste gegen ihn vor Gericht. Das sei eine wirklich tragische Geschichte gewesen, stellt Dean DeLeo rückblickend fest. Denn das letzte Zusammentreffen mit Scott Weiland sei eben vor Gericht gewesen. Weiland starb am 3. Dezember 2015 während einer Tournee an einem tödlichen Cocktail aus Alkohol und Drogen. Sein Nachfolger ab 2013, der als Frontmann von Linkin Park bekannte Chester Bennington, verließ die Stone Temple Pilots bereits im November 2015 wieder. Bennington beging am 20. Juli 2017 in seiner Villa im kalifornischen Palos Verdes Estates Selbstmord. Während Linkin Park seitdem in einer Pause verharrt, ist es für die Stone Temple Pilots weitergegangen.

Stone Temple Pilots [Quelle: Warner Media, Windy Bird]
Stone Temple Pilots [Quelle: Warner Media, Windy Bird]

Die Wogen haben sich geglättet

Mit ihrem neuen Sänger Jeff Gutt, der 2016 erfolgreich bei ihnen vorgesungen und sich dabei gegen Tausende Mitbewerber durchgesetzt hatte, begannen sich die Wogen für die Stone Temple Pilots zu glätten. Zunächst einmal veröffentlichten sie 2018 zum zweiten Mal einen Longplayer unter ihrem eigenen Namen und legen jetzt mit "Perdida" ihr erstes rein akustisches Album vor. Worauf die Stone Temple Pilots sich damit eingelassen haben, war Jeff Gutt bereits im Vorfeld klar:

Ich musste mich selbst verwundbar machen, um die Texte zu schreiben, so wie Dean und Robert es taten, als sie die Musik schrieben.

Grunge-Rocker auf Samtpfoten

"Verwundbar" ist ja nicht unbedingt das erste Attribut, welches man mit einer Rockband in Verbindung bringt. Aber das Konzept, welches die Stone Temple Pilots mit "Perdida" musikalisch und handwerklich beeindruckend konsequent umgesetzt haben, geht auf. Hartgesottene Rockfans mögen irritiert sein, aber Songs wie die von zartem Licht durchflutete Single "Fare Thee Well" oder der düstere Walzer "Miles Away" mit seiner schmachtenden Geige sind mit fein dosiertem Akustik-Druck auf den Punkt gebracht. Schließlich wissen diese in den USA mit Albumverkäufen im zweistelligen Millionenbereich sowie sechs Nummer-Eins-Platzierungen verwöhnten Grunge-Rocker, was sie sich selbst schuldig sind. Nur sind sie jetzt eben musikalisch auf Samtpfoten unterwegs. Es sind allerdings nicht die eines schnurrenden Kätzchens, sondern eher die eines satten Tigers.

Aus dem Stone Temple ist ein luftiges Zelt geworden

"Perdida" ist ein ruhiges, aber dennoch pulsierend kraftvolles Album wie aus einem Guss geworden. Die Stone Temple Pilots haben ihren Dezibeldruck bewusst heruntergefahren und genießen die sich dadurch öffnenden musikalischen Freiräume in vollen Zügen. Geradezu magische Klänge etwa entwickeln sie in einem schwebenden Song wie "She’s My Queen". Aus ihrem Stone Tempel ist ein von luftigen Sounds durchwehtes Zelt geworden. Zu hören sind die für eine Rockband eher ungewöhnlichen Instrumente Flöte, Altsaxofon, Bratsche, die mexikanische Bassgitarre Guitarrón, und mit dem "Marxophone" sogar ein Instrument aus der Zither-Familie. Das ist in der Tat eine für Rockmusik exotische Instrumentenmischung und entsprechend bunt klingt das Album "Perdida" auch. Bunt, aber nicht beliebig, denn die Stone Temple Pilots haben den veränderten Blick auf ihre Songs zutiefst genossen, stellt Bassist Robert DeLeo klar:

Ich habe es immer geliebt, wie verschiedene Instrumente einen Song auf ganz unerwartete Weise akzentuieren können. Es machte zudem große Freude, mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten, denn es gab uns die seltene Gelegenheit, unsere Songs mit den Ohren Anderer zu hören.

Ein beeindruckender Schwenk

Die neuen Songs auf "Perdida" mussten einfach raus, betont Robert DeLeo, denn solch ein Akustikalbum hatten sie schon lange einmal machen wollen. Dieser beeindruckende musikalische Schwenk ist den Stone Temple Pilots spürbar gelungen. Sänger Jeff Gutt sieht "Perdida" als eine persönliche und emotionale Reise, deren Auftakt und Schlusstitel die Stone Temple Pilots ganz bewusst platziert haben:

 Sie bringen die emotionale Reise, die auf diesem Album vorgenommen wird, auf den Punkt. Es beginnt mit einem Lebewohl auf "Fare The Well" und endet mit einem neuen Anfang auf "Sunburst". Es ist ein melancholisches Album, aber es schließt mit einer hoffnungsvollen Note.
Stone Temple Pilots [Quelle: Warner Media, Windy Bird]
Stone Temple Pilots [Quelle: Warner Media, Windy Bird]

Grunge goes romantic

"Sunburst", der plötzliche Durchbruch von Sonnenschein, setzt also den optimistisch aufgehellten Schlusspunkt dieses hörenswerten Albums. Leider hat dieser hoffnungsvolle Aufbruch der Stone Temple Pilots einen unerwarteten Dämpfer bekommen. Wegen eines sofort zu behandelnden Bandscheibenvorfalls von Frontmann Jeff Gutt musste das von neuem romantischem Geist beseelte Rockquartett seine Perdida-Akustik-Tour durch Nordamerika kurzfristig absagen. Da bleibt nur zu hoffen, dass sich die Stone Temple Pilots ihre neu entdeckte Leidenschaft für lyrische Momente und ihre Balance zwischen federleichtem West-Coast-Feeling und unterschwellig pulsierendem Rock bis auf Weiteres bewahren können.

Christian Höltge

Albumdaten

Stone Temple Pilots "Perdida”
Rhino (Warner)
EAN: 0603497853519
VÖ: 7. Februar 2020
Die Songs
TitelDauer
Fare Three Well4:21
Three Wishes4:51
Perdida3:28
I Didn't Know The Time5:31
Years3:30
She's My Queen4:41
Miles Away4:56
You Found Yourself While Losing Your Heart5:42
I Once Sat At Your Table1:56
Sunburst6:28

Tourdaten

Die Stone Temple Pilots werden vorraussichtlich nur in Australien zu sehen sein. Konzerte in Europa sind uns nicht bekannt.

Weitere Informationen auf der Homepage der Band

Offizielle Homepage der Stone Temple Pilots

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 17. Februar 2020, 16:40 Uhr

Album der Woche