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Bremen Eins Buntes

Warum Schach an Bremer Schulen gelehrt wird

20. Juni 2019

Eine Studie der Universität Trier belegt es: Schach spielen in jungen Jahren fördert Konzentration, Wahrnehmung und logisches Denken. Deshalb wird Schach in Bremen auch an Schulen unterrichtet. Heute haben etwa 1.000 Kinder auf dem Marktplatz eine flotte Partie gepielt, um zu demonstrieren, was sie können.

Schachbretter auf dem Marktplatz Bremen [Quelle: Radio Bremen, Frank-M. Wacket]
Schachbretter und Figuren – soweit das Auge auf dem Bremer Marktplatz reicht. [Quelle: Radio Bremen, Frank-M. Wacket]

Eine Unterrichtsstunde pro Woche

Schach ist Teil des Schachunterrichts an der Grundschule am Pastorenweg in Gröpelingen. 21 Kinder zwischen sieben und zehn Jahren üben einmal in der Woche gemeinsam Schachspielen. In einer Stunde lernen sie die Grundlagen des Denksports und trainieren anschließend die Züge in kleinen Turnieren. Die Schule nimmt an der Initiative "Schacht macht schlau" vom Bremer Verein "Das erste Buch" teil, der von Werder-Star Marco Bode mitgegründet wurde. Laut einer Studie der Universität Trier soll Schachspielen in jungen Jahren Konzentration, Wahrnehmungsvermögen und logisches Denken fördern.

"Ich bin der festen Überzeugung, dass Schach spielen bei Grundschulkindern das logische Denken fördert. Außerdem lernen die Kinder zu gewinnen, zu verlieren und sich an die Regeln zu halten. Oft haben sie zu Hause keine Regeln, aber hier, beim Schachspielen, müssen sie sie respektieren", sagt Lehrer Michel Ufen. Er fragt die Kinder, die in kleinen Gruppen an vier großen Tischen sitzen: "Wieso  Schachmatt?" "Weil der König nicht abhauen kann, er wird bewacht", antwortet ein blondes Kind selbstsicher. "Richtig", sagt der Lehrer. Alle applaudieren, einige lachen und scherzen miteinander. Neben ihnen stapeln sich im Raum Brettspiele und Bücher.

Bei den Kindern sieht Schachspielen sehr leicht aus. Sie üben jedoch schon seit zehn Monaten. Michel Ufen, der sie unterrichtet, sagt, dass etwa ein Viertel der Klasse schon richtig spielen kann. "Und Bauernkloppen können alle", fügt er hinzu. "Ich hatte am Anfang Angst, dass nicht alle mitgekommen wären." Doch die Angst erwies sich als unbegründet.

Einfache Wege finden, um die Regeln zu vermitteln

Ein Logo [Quelle: Radio Bremen, Frank-M. Wacket]
Die Initiative "Schach mach schlau" organisiert das öffentliche Schachspielen. [Quelle: Radio Bremen, Frank-M. Wacket]

Michel Ufen und Assistent Robby Sugara bringen den Kindern das Schachspielen bei. Wichtig sei, dass man einen Weg findet, um die Regeln in vielen kleinen, einzelnen Schritten zu vermitteln. Dass niemand dem König nahekommen dürfe, zum Beispiel, weil er wie ein Sumo-Ringer mit dickem Bäuchlein sei, der viel Platz um sich herum brauche. Auch ein Bild vom Olympia-Sprinter Usain Bolt kann helfen, die Rolle des Läufers zu erklären. Ufen sagt, er habe dabei nur gute Erfahrungen gemacht. Nicht nur in Bezug auf die Leistung der Kinder, sondern auch auf das Miteinander innerhalb der Klasse. Viele Kinder haben hier einen Migrationshintergrund, doch Schach bedient sich einer universellen Sprache. Schließlich wurde das Brettspiel in Indien erfunden und kam später über den Nahen Osten nach Süd- und Nordeuropa.

Doch wie bewerten die Schüler den neuen Unterricht? Ravza Nur, die in einem Monat zehn Jahre alt wird, sagt: "Es macht Spaß – und man kann vom Verlieren auch was lernen." Vom Gewinnen offenbar auch: Sie habe beim Spielen schon mal den ersten Platz erreicht, erzählt sie mit einem gewissen Stolz in der Stimme. Eine Lieblingsfigur hat sie ebenfalls: den Bauer. Ihr pflichtet Selin, neun Jahre alt, bei: Der Bauer sei der Beste, weil er ganz vorne stehe. "Und wenn man den Bauer bewegt, kann man auch die hinteren Figuren weiter bewegen", führt Ravza Nur hinzu. Ist doch logisch.

Ex-Werder-Star Marco Bode als Initiator

Das Projekt hat einen prominenten Initiator: Ex-Nationalspieler Marco Bode. Er sei selbst schach-affin, erzählt er im Interview. Ihm ist die Grundidee zu verdanken. "Unser Verein engagiert sich schon lange für Bildung. Wir wollten uns ein neues Thema überlegen. Ich persönlich mag Schach und habe erfahren, dass es in anderen Städten im Unterricht benutzt wurde. Eine Studie der Universität Trier gibt Hinweise, dass es die Bildungschancen verbessern kann. So entstand die Idee, das Projekt in Bremen größer aufzuziehen."

Eine kuriose Anekdote hat das Vorhaben begünstigt – zumindest indirekt. Bode hat das Schachspielen in der Schule gelernt, und zwar mit zehn. Der damals angehende Fußballspieler wollte eigentlich in die schulische Fußball-Arbeitsgemeinschaft, doch alle Plätze waren bereits belegt. Also wich Bode auf die Schach AG aus – und blieb dort zwei Jahre. Danach hat ihn die Leidenschaft für das Brettspiel nicht mehr verlassen.

Schachbretter auf dem Marktplatz Bremen [Quelle: Radio Bremen, Frank-M. Wacket]
Viele Bretter und Figuren warten auf den Spielbeginn.... [Quelle: Radio Bremen, Frank-M. Wacket]

Jetzt hofft Bode, im nächsten Jahr weitere Schüler für Schach zu begeistern. Momentan machen 73 Klassen mit knapp 1.500 Schülern mit. Neue Klassen hätten sich fürs kommende Schuljahr bereits gemeldet. Doch dem ehemaligen Fußballspieler geht es nicht nur um den Denksport an sich: "Wir möchten durch Schach das Bildungsniveau in Bremen verbessern." Ob das Spiel tatsächlich Schüler zu besseren Noten verhelfen kann, ist zwar wissenschaftlich noch nicht zweifelsfrei bewiesen. Eine Rolle spielen anscheinend auch das Alter sowie das eigene Leistungsniveau. Doch Studien belegen zumindest Verbesserungen der kognitiven Fähigkeiten, vor allem bei leistungsschwächeren Kindern.

Schüler sind begeistert

Der "größte Pilotversuch dieser Art in Deutschland", wie Bode ihn bezeichnet, ist jedenfalls an der Schule am Pastorenweg gut angenommen worden. "Die Schüler sind begeistert. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es Schritt für Schritt ausgebaut wird, vielleicht sogar auf alle Klassen ausgeweitet. Das ist aber noch nicht entschieden. Darüber sollten eventuell die pädagogische Konferenz und der Elternbeirat beschließen", sagt der Schulleiter Karl-Holger Meyer.

Momentan spielen die Kinder jedenfalls weiter. Nsrin übt am Tisch das Bauernkloppen. Sie beschreibt mit dem Zeigefinger die möglichen Züge, bewegt dann den Bauer. Der Junge am Tisch nebenan ruft plötzlich "Schach", doch das Wort klingt mehr wie eine Frage als ein Siegesruf. Er blickt zögerlich auf das Brett – zu Recht, denn sein Gegner schlägt den Bauern mit der schwarzen Dame. Das Matt schafft er vielleicht doch beim nächsten Zug – oder spätestens im nächsten Unterricht.

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