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Ärztemangel auf dem Land

"Eingeborene suchen Medizinmann"

Einwohner suchen mit kreativen Methoden nach Nachfolger

22. Juli 2019

Ärztemangel auf dem Land ist bei Allgemeinmedizinern deutschlandweit ein Problem. Es gibt zwar viele Medizinstudenten, aber immer weniger wollen sich mit einer Praxis niederlassen. In Wremen bei Bremerhaven werden die Einwohner jetzt selbst aktiv. Dort geht die Hausärztin nämlich bald in Rente. Bremen-Zwei-Reporterin Dörthe Schmidt war in dem Ort an der Wurster Nordseeküste zu Besuch.

Ärztemangel auf dem Land ist bei Allgemeinmedizinern deutschlandweit ein Problem. Eine Gruppe Wremer Einwohner sucht einen Nachfolger für ihre Ärztin, die Ende 2020 in Rente geht.

Autor/-in: Dörthe Schmidt
Länge: 2:47 Minuten
Datum: Montag, 22. Juli 2019
Sendereihe: Der Morgen | Bremen Eins

Renate Grützner liest die Aufschrift auf ihrem T-Shirt vor: "Eingeborene suchen Medizinmann." Diese vorne und hinten bedruckten T-Shirts werden von einigen Wremern gerne in der Öffentlichkeit getragen. Denn: Die Einwohner von Wremen suchen damit öffentlich einen Nachfolger für die Hausarztpraxis. Renate Grützner und ihre Arbeitsgruppe stecken hinter dieser Aktion. Sie selbst ist pensionierte Kinderärztin und hat auf diese Weise vor fünf Jahren einen Nachfolger gefunden. Und: Sie ist die Vermieterin der Praxis.

Wenn die Praxis wegbricht, dann bricht noch mehr weg und das wäre sehr schade für den Ort. Dann kann sich die Apotheke nicht halten, dann kriegt das Seniorenheim Pprobleme. Wenn das alles Probleme kriegt und sich einschränken muss, dann ist das auch für den Tourismus schlecht. Wir sind ein Nordseebad und da erwarten die Besucher schon eine Apotheke, einen Arzt, eine Physiotherapie.

Akteure machen mobil

Damit all das erhalten bleibt, hat Renate Grützner eine Arbeitsgruppe zusammen getrommelt. Vor allem Akteure, die es direkt betrifft wenn die Praxis schließt: Zum Beispiel die Chefin vom Seniorenheim oder den Inhaber der Apotheke. Auch der Ortsbürgermeister Hanke Pakusch ist dabei. Er sorgt sich vor allem auch um die älteren Einwohner.

Das wäre für die Bürger natürlich ganz schlecht. Unsereiner wird sich zu helfen wissen, aber die älteren Bürger haben Angst davor, das ist so.

Wremen ist ein kleiner Ort mit rund 2.000 Einwohnern, aber eben auch Touristen. Denn das Nordseebad liegt direkt an der Küste mit eigenem kleinen Kutterhafen und Leuchtturm. Zu Fuß kann man über den Deich gehen.

Nur wenige hundert Meter von der Praxis entfernt liegt das Seniorenheim. Die Hausärztin macht einmal in der Woche eine persönliche Visite und kommt mit dem Fahrrad vorbei. Leiterin Nina Schnakenberg weiß nicht, was sie machen soll, wenn das wegfällt.

Letztendlich ist es so, unser Klientel ist mittlerweile so weit pflegebedürftig, dass wir halt nicht mit den Bewohnern zu den Ärzten gehen können. Fachärzte werden schon angefahren. Aber dies einmal die Woche, dieses Ritual, das ist schon wichtig für uns.

Die noch praktizierende Ärztin Frauke Maylahn ist seit fast 30 Jahren die Allgemeinmedizinerin in Wremen. Sie beobachtet schon länger, dass sich in der Branche einiges verändert.

Die Medizin ist wirklich weiblich geworden. Es gibt mehr Frauen im Abschluss als Männer und viele wollen auch nicht selbstständig sein, sondern Teilzeit arbeiten. Familie, Kinder und so weiter. Und das lässt unser Kassensystem in der Form wenn man alleine bleibt, nicht zu.

Nachteil von medizinischen Versorgungszentren

In größeren Orten gibt es immer mehr so genannte Medizinische Versorgungszentren. Da sind die Ärzte dann angestellt. Sie müssen also auch keine Miete oder Mitarbeiterlöhne zahlen und haben flexiblerer Arbeitszeiten. Wremen ist für so ein Zentrum aber vermutlich zu klein. Renate Grützner ist der Meinung, dieses Konzept habe Nachteile.

Insgesamt bleibt auch dabei viel auf der Strecke. Ich war hier 32 Jahre niedergelassen. Ich kannte die Familien, die Verhältnisse. Das bleibt bei angestellten Ärzten, die dann vielleicht mal zwei Jahre da sind, ganz auf der Strecke.

Wenn sich tatsächlich kein Nachfolger finden lässt, müssen die Einwohner in Zukunft ein paar Kilometer mit dem Auto fahren. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung ist der Bezirk eher schlecht abgedeckt mit Ärzten – fünf bis acht Allgemeinmediziner fehlen für eine gute Versorgung. Frauke Maylahn hat gerne hier gearbeitet und wäre auch bereit, die Praxis ein paar Monate mit dem Nachfolger zu teilen.

Es ist ein schöner Beruf und man kriegt von den Bürgern eigentlich die Anerkennung die man in der Klinik ja nicht einmal vom Chef kriegt. Also man kann nur empfehlen, dass sich jemand in Wremen niederlässt. Es ist auch ausbaufähig, weil ich aufgrund einer Erkrankung alles zurückgefahren hab. Aber man könnte hier ganz gut zurechtkommen.
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