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Bremer Ärzte schlagen Alarm

Weniger Antibiotika, mehr Gefahren?

14. August 2016

In den vergangenen vier Jahren ist die Menge der an Tiere abgegebenen Antibiotika drastisch gesunken: 2011 wurden 1.706 Tonnen gemeldet, 2015 weniger als die Hälfte, nämlich 837. Diese Meldung des Berliner Verbraucherministeriums klingt für den tierzuchtintensiven Nordwesten gut. Doch für eine Bremer Ärzteinitiative ist das Problem eher größer geworden.

Die Menge der Antibiotika, die an Nutztiere vergeben werden, hat sich in den vergangenen Jahren halbiert. Das ist die gute Nachricht. Die Schlechte: Die Tiere werden immer häufiger mit sogenannten Reserveantibiotika behandelt. Medikamente, die gegen Bakterien wirken, bei denen herkömmliche Antibiotika wirkungslos geworden sind. Dazu im Studio: Schweinemäster Jörn Ehlers, Vorsitzender des Niedersächsischen Landvolks, Kreisverband Rotenburg-Verden.

Autor/-in: Marianne Strauch
Länge: 5:17 Minuten
Datum: Sonntag, 14. August 2016
Sendereihe: buten un binnen Magazin | RB TV

Der Verein "Ärzteinitiative gegen Massentierhaltung" hat sich nicht nur die Mengen angesehen. Er hat die Art der verabreichten Antibiotika analysiert. Das Fazit der Initiative: Bei den Antibiotika-Sorten, die auch für die menschliche Medizin wichtig sind, gab es einen großen Anstieg. Das ist eine besondere Gefahr, da die an Tiere verabreichten Antibiotika über resistente Keime im Nahrungskreislauf auch Wirkungen auf Menschen haben können.

Neue Antibiotika bis 70-fach konzentriert

Porträtfoto Mann [Quelle: Peter Sauer]
Peter Sauer [Quelle: Peter Sauer]

"Diese Antibiotika können deutlich niedriger dosiert eingesetzt werden", heißt es: Eine Tonne dieser Antibiotika ersetze bis zu 70 Tonnen herkömmlicher Mittel. Die Kritiker vermuten, dass auf die "neuen" Antibiotika ausgewichen wird, um die geforderte Mengenreduzierung zu erreichen.

Drei Fragen an die Initiative

Der Bremer Peter Sauer ist Naturwissenschaftler und Gründungsmitglied der "Ärzteinitiative gegen Massentierhaltung". Er ist seit vielen Jahren mit den medizinischen Folgeproblemen der Massentierhaltung befasst. Wir haben ihm drei Fragen gestellt:

Sind die neuen Zahlen mit den reduzierten Antibiotika-Mengen eine Mogelpackung?

Peter Sauer: Nein, eine Mogelpackung würde ich das nicht nennen. Die Tonnen-Angaben sind nicht geschönt, und sie sind plausibel. Aber eine reine Betrachtung dieser Tonnen-Mengen führt leicht in die Irre. Bei unterschiedlichen Antibiotika gibt es ganz verschiedene Mengen für die gleiche Wirkung. Die reine Menge vergleicht Äpfel mit Birnen. Die bessere Maßeinheit wäre sicher die "Defined daily dosis" (DDD), also die Zahl der pro Tag oder Tier vergebenen Wirkungsdosen.

Welche konkrete Gefahr geht von der Gabe dieser Antibiotika-Klassen an Tiere für Menschen aus?

Grundsätzlich ist es so: Überall, wo Antibiotika eingesetzt werden, egal ob bei Tier oder Mensch, entstehen auch Resistenzen. Das liegt in der Natur der Sache. In der Humanmedizin gibt es etliche Antibiotika , die ihre Wirksamkeit schon eingebüßt haben. Und es gibt die sogenannten Reserve-Antibiotika. Die gibt man ungern, auch wegen ihrer Nebenwirkungen. Sie sind oft trotzdem das einzige Mittel, das noch wirkt. Auch durch den erhöhten Einsatz in der Tierzucht werden diese Waffen langsam stumpf. Das ist eine große Gefahr.

Der Nordwesten ist in Deutschland das Gebiet mit den höchsten Antibiotika-Abgaben in der Tierzucht. Sind die Einwohner hier auch besonders gefährdet?

Die Hauptgefährdung läuft über den Konsum von Fleisch durch die Keimbelastung von Ware aus der Massentierhaltung, die über die Supermarkttheken geht. Aber es gibt auch Belastungen durch den direkten Kontakt zwischen Mensch und Tier. Erreger aus Ställen wehen bis zu einem Kilometer mit dem Wind. Besonders gefährdet sind natürlich die Bauern selbst. Bis zu 80 Prozent von ihnen sind mit MRSA (sogenannte Krankenhausbakterien; Anm. d. Red.) besiedelt. Diese Gefährdung führt langsam zu einem Umdenken bei den Landwirten. Einer sagte mir mal, ihm seien die Augen geöffnet worden, als er ins Krankenhaus ging und sofort auf die Isolierstation verlegt wurde.
Karte Nordwestdeutschlands mit Werten der Antibiotika-Gabe an Tiere. Die Region Oldenburg / Osnabrück liegt vorn. [Quelle: Bundesministerium für Verbraucherschutz / Radio Bremen]

Weitere Infos:

Das Bundesinstitut für Risikobewertung zu Antibiotika in der Tierzucht
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