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Norddeutscher Lloyd

Mythos Norddeutscher Lloyd

Von Bremerhaven in die ganze Welt

Mitte des 19. Jahrhunderts fassten Bremer Kaufleute einen kühnen Plan: 1857 gründeten sie eine Schifffahrtsgesellschaft, um den Schiffsverkehr über den Atlantik zu betreiben. Der Norddeutsche Lloyd wurde zur größten deutschen Reederei mit Ozeanriesen, die aus Bremerhaven in die ganze Welt reisten. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts war es mit diesem gloriosen Teil bremischer Geschichte vorbei: Der Norddeutsche Lloyd fusionierte mit der Hamburger Konkurrenz Hapag.

Wer war eigentlich H. H. Meier? [3:15 Minuten]

Portrait von Hermann Henrich Meier. [Quelle: Radio Bremen]
Hermann Henrich Meier (1809-1898), Gründer des Norddeutschen Lloyd und erster Vorsitzender der DGzRS.

Dampfschiffe für den Überseeverkehr

Der Norddeutsche Lloyd setzte von Anfang an ausschließlich Dampfschiffe für den Überseeverkehr ein und betrieb eine aktive Anwerbungspolitik von Auswanderungswilligen in verschiedenen europäischen Ländern. 1863 wurde ein regelmäßiger Linienverkehr zwischen Bremerhaven und New York eingerichtet. Ende der 1860er Jahre war der Norddeutsche Lloyd bereits zur führenden Reederei in der bremischen Schifffahrt aufgestiegen. Der Sitz der Reederei blieb Bremen, die Abfertigung der Passagierschiffe erfolgte jedoch ausschließlich in Bremerhaven. Bremerhaven entwickelte sich zur "Lloydstadt", in der zeitweise rund die Hälfte der Bevölkerung von der Arbeit beim Norddeutschen Lloyd abhängig war. Generationen von Bremerhavenern arbeiteten in der Agentur, den Abfertigungsanlagen, beim technischen Betrieb oder als Schiffspersonal des Lloyd.

Durch Auswanderergeschäft zu Ruhm gelangt

Die Passagiere reisten ab 1862 per Bahn an. Die Gleise führten direkt an die Kaje. Hier eröffnete der NDL 1871 seine erste Wartehalle, damit die Auswanderer nicht mehr stundenlang im Freien auf ihre Abfertigung warten mussten.

Im Jahr 1897 wurden in Bremerhaven neue Häfen und eine neue Abfertigungsanlage für Passagiere in Betrieb genommen. Mit der gleichzeitigen Zunahme der osteuropäischen Auswanderung wurde Bremerhaven in der Folgezeit der größte europäische Auswandererhafen. Mehr als 200.000 Auswanderer jährlich verließen über Bremerhaven Europa.

Ein Auswandererschiff des Norddeutschen Lloyd mit dem Blick auf das mit Menschen gefüllte Schiffsdeck. [Quelle: Radio Bremen]
50 Tage dauerte die Passage nach Amerika auf den Auswandererschiffen des Lloyd im 19. Jahrhundert.

Vor allem der Norddeutsche Lloyd Bremen war für den Höhepunkt des Auswanderergeschäfts zwischen 1897 und 1914 verantwortlich. Mit dem Anstieg des Auswanderer- und Tourismusverkehrs entwickelte sich die Bremer Reederei, die in Bremerhaven ihr operatives Geschäft abwickelte, zur weltweit größten Reederei. Die berühmten Vierschornsteindampfer des Lloyd setzten neue Maßstäbe in der Passagierschifffahrt.

In Bremerhaven befanden sich für damalige Verhältnisse die modernsten Hafenanlagen sowie die größten Schleusen und Docks der Welt. Der Fortschrittsglaube an die Weiterentwicklung des Überseeverkehrs war ungebremst. Der Beginn des Ersten Weltkriegs (1914-1918) setzte dieser Glanzzeit ein Ende.

Berühmte Passagiere [3:34 Minuten]

Von Krieg zu Krieg

Die "Bremen" an der Bremerhavener Columbuskaje. Auf dem Ausleger ist "Norddeutscher Lloyd Bremen" zu lesen. [Quelle: Radio Bremen]
Die "Bremen" liegt an der Bremerhavener Columbuskaje.

Ab 1920 nahmen die Auswandererzahlen wieder zu und sorgten kurzzeitig in Bremerhaven für neuen Auftrieb. Der NDL stellte neue große Schnelldampfer in Dienst, für die eine neue Anlegekaje geschaffen wurde. Sie entstand direkt am "Strom", also am befestigten Ufer der Weser. 1926 konnte der Schnelldampfer Columbus zum ersten Mal dort anlegen – er gab der Kaje auch ihren Namen. Außerdem wurde ein neuer Bahnhof mit Abfertigungsgebäude errichtet, der Columbusbahnhof. Doch die Hoffnungen auf einen großen Aufschwung erfüllten sich nicht: der "Schwarze Freitag" von 1929 in den USA und die Einwanderungsbeschränkungen ließen die Auswandererzahlen in Bremerhaven in den 30er Jahren auf durchschnittlich 5.000 im Jahr sinken.

Von den circa 530.000 Juden, die 1933 in Deutschland lebten, wanderten bis 1941 rund 278.500 aus. Nach 1941 war die Auswanderung verboten, und auch vorher war das Verfahren schwierig und entwürdigend. Nur wenige der jüdischen Flüchtlinge wählten den Weg über Bremerhaven. Sie versuchten, Passagen von Hamburg zu buchen, weil dort Schiffe ausländischer Reedereien verkehrten und jüdische Passagiere auf den Dampfern des NDL Schikanen fürchteten. Einige Flüchtlinge, die über Bremerhaven auf NDL-Schiffen ausgewandert waren, berichteten von demütigenden Erlebnissen an Bord.

Bremer Hauptbahnhof aus der Luftperspektive in den 1980er Jahren [Quelle: Radio Bremen]
Bis in die 1980er Jahre standen die alten Lloyd-Abfertigungsgebäude hinter dem Bremer Hauptbahnhof (hinten im Bild).

Das Ende der Passagierschifffahrt

Der Zweite Weltkrieg bedeutete für die deutschen Reedereien erneut einen Totalverlust der Flotte, und der NDL musste Schiffe mieten, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. In der Nachkriegszeit konzentrierte sich die Hamburger Reederei Hapag (Hamburgisch-Amerikanisch-Paketfahrt-Aktiengesellschaft) auf den Frachtverkehr während der NDL 1954 den Passagierverkehr wieder aufnahm. Am 1. September 1970 erfolgte die Fusion von Hapag und Norddeutscher Lloyd zur Hapag-Lloyd AG rückwirkend zum 1. Januar 1970.

Hapag und Norddeutscher Lloyd [4:38 Minuten]

Lloyd-Werft hat überlebt

Der beschädigte Tanker "Oljaren" wird in der Lloyd-Werft einer Großreperatur unterzogen. [Quelle: Koehlers Verlagsgesellschaft]
Der havarierte Tanker "Oljaren" wird in der Lloyd-Werft einer Großreperatur unterzogen. [Quelle: Koehlers Verlagsgesellschaft]

Mit dem Norddeutschen Lloyd konnte auch die Bremerhavener Lloydwerft in 2007 ihren 150. Geburtstag feiern. Los ging es 1857 als technischer Betrieb der Reederei am Neuen Hafen, bevor es gegen 1900 in den Kaiserhafen ging. Dort hat sich die Werft zu dem Umbaubetrieb überhaupt im Passagierschiffbereich entwickelt. Heute ist sie die älteste noch existierende Werft in der Region und beschäftigt über 530 Menschen.

Blick über die Lloyd-Werft. Die "Vistafjord" (vorn), "Royal Viking Sun" (mitte) und die "Queen Elizabeth 2" hinten im Dock. [Quelle: Koehlers Verlagsgesellschaft]
Blick über die Lloyd-Werft. Die "Vistafjord" (vorn), "Royal Viking Sun" (mitte) und die "Queen Elizabeth 2" hinten im Dock. [Quelle: Koehlers Verlagsgesellschaft]

Einen enormen Prestigeschub brachte der Umbau des britischen Transatlantik-Kreuzfahrtschiffs "Queen Elizabeth 2" im Jahre 1986. Die Lloyd-Werft setzte sich im Wettbewerb gegen acht weitere Werften weltweit durch und bekam einen Auftrag über 300 Millionen Mark – der bisher größte jemals vergebene Umbau-Auftrag für ein Passagierschiff. Bis zu 1.000 Mitarbeiter tummelten sich Tag und Nacht für 179 Tage auf dem Schiff. Nach zwei Insolvenzen nach der Trennung von der Bremer Vulkan und zwei Unfällen sind die Docks heute wieder voll.

Quellenangaben

Fotos: Hans Jürgen Witthöft: Lloyd Werft – 150 Jahre Schiffbaugeschichte. Koehlers Verlagsgesellschaft.

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