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Plattdeutscher Vorlesewettbewerb eingestellt

Stirbt das Plattdeutsche jetzt aus?

29. April 2014

Seit Jahrzehnten gibt es in verschiedenen Bundesländern für Schülerinnen und Schüler den plattdeutschen Vorlesewettbewerb. Doch in Bremen ist das nun vorbei. Den Schulen fehlen die finanziellen und personellen Voraussetzungen für die Plattdeutsch-AGs. Stirbt die Minderheitensprache jetzt aus? Dazu der Geschäftsführer des Instituts für niederdeutsche Sprache, Reinhard Goltz, im Interview.

Kinder beim plattdeutschen Vorlesewettbewerb [Quelle: Radio Bremen]
So sah es noch im letzten Jahr beim plattdeutschen Vorlesewettbewerb aus

Radio Bremen: Woran liegt es, dass es in Bremen nach 35 Jahren keinen plattdeutschen Lesewettbewerb mehr gibt? Sind die Anmeldezahlen so schwach?

Reinhard Goltz: Die Anmeldezahlen lagen in einem mittleren, einstelligen Bereich. Damit kann man keinen Wettbewerb durchführen. Die Hintergründe sind sicherlich vielfältig. Ich habe den Eindruck, dass man sich in Bremen zu lange darauf verlassen hat, dass Lehrer die Organisation dieses Wettbewerbs freiwillig übernehmen.

Diese Lehrer sind in den vergangenen Jahren aus dem Dienst ausgeschieden und all das, was vorher mit viel Engagement ehrenamtlich gemacht worden ist, das wird jetzt plötzlich nicht mehr gemacht. Und nun hat die Schulbehörde dieses Manko erkannt und war dann nicht mehr in der Lage, diese Lücke zu füllen. Wenn man sich den Wettbewerb in Schleswig-Holstein anguckt, dann ist das selbstverständlich, dass die Ministerin die Schirmherrschaft hat.

Das heißt, der politische Stellenwert muss auch von den Verantwortlichen mitgetragen werden. Hier gibt es in Bremen noch einiges zu tun. Das hat auch mit dem Ansehen des Wettbewerbs und mit dem Ansehen des Plattdeutschen in der Stadt zu tun.

Radio Bremen: Hat denn das Plattdeutsche in der Stadt ein Imageproblem?

Reinhard Goltz [Quelle: Radio Bremen]
Reinhard Goltz vom Institut für niederdeutsche Sprache sieht die Schulbehörde in der Pflicht

Reinhard Goltz: Ich hoffe nicht. Allerdings habe ich den Eindruck, dass in Bremen die Sprache als folkloristisches Beiwerk gehandelt wird. Wir sind in den anderen Bundesländern längst soweit, dass wir mit den Kindern den Umgang pflegen über die Freude an Sprache und Mehrsprachigkeit. Die Kinder haben überhaupt keine Probleme damit, sich in die Sprache hineinzuarbeiten. Die Schüler lernen die Sprache mit größtem Vergnügen. Das trifft auch auf die Schüler mit türkischem, russischem und indonesischem Hintergrund zu.

Gerade bei den Lesewettbewerben schneiden viele dieser Schüler gut ab. Das Problem findet in den Lehrerzimmern statt. Viele Lehrer halten das Plattdeutsche für eine gestrige, überholte, hässliche Sprache. Gerade in den Bildungsschichten habe ich den Eindruck, dass man über diese Sprache lächelt, anstatt die Vorteile zu sehen. Da habe ich den Eindruck, dass weder in der Schulbehörde noch in der Lehrerschaft eine breite Unterstützung vorhanden ist.

Radio Bremen: Ist die Notwendigkeit, dagegen etwas zu unternehmen, in den Städten größer, als auf dem Land?

Reinhard Goltz: Das denken wir immer. Und tatsächlich ist in den Städten der Rückgang der Sprache enorm. Aber wir haben zum Beispiel Erhebungen aus Ostfriesland, wo wir immer denken, das Plattdeutsche sei noch ganz stark. Da stellen wir fest, dass bei den Kindern, die in die Schule kommen, die Zahl der Plattsprecher auch nur bei knapp über fünf Prozent liegt. Das heißt, der Sprachverlust ist dort ähnlich groß.

Kinder beim plattdeutschen Vorlesewettbewerb [Quelle: Radio Bremen]
Kinder beim plattdeutschen Vorlesewettbewerb - in Bremen ist das nun vorbei

Wir sehen aber auch, dass in anderen Bundesländern die Anstrengungen erheblich sind: In Hamburg beispielsweise haben wir seit vier Jahren für die Grundschulen ein Schulfach Niederdeutsch mit zwei Stunden in der Woche. In Niedersachsen gibt es eine ausgezeichnete Lehrerfortbildung, an die die Bremer Kollegen sich ranhängen könnten.

Bremen hat vor 15 Jahren die europäische Sprachencharta unterschrieben, und da steht drin "Niederdeutsch ist als eigenständiges Schulfach zu unterrichten". Dieser Verpflichtung ist Bremen nie nachgekommen.

Radio Bremen: Stirbt das Plattdeutsche in Bremen mit dem Wegfall des Lesewettbewerbs aus?

Reinhard Goltz: Das Plattdeutsche ist bedroht, das ist ganz klar. Der Vorlesewettbewerb war jahrzehntelang das einzige Mittel, um plattdeutsch an die Schulen zu bringen. Wenn dieser wichtige Eckpfeiler jetzt ausfällt, dann gibt es noch weniger Berührung mit plattdeutsch für die Schüler. Das ist bedauerlich und ich kann die Landesregierung nur auffordern, hier entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, dass dieses kleine Pünktchen an Sprachberührung wieder hergestellt werden kann. Klar ist, dass plattdeutsch unbedingt in die Bremer Schulen hineingehört.

Das Interview führten Anke Wiebersiek und Martin Busch

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