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Inklusion im Bremer Westen

Situation der Schulen verschlechtert sich weiter

20. März 2017

Was läuft schief bei der Inklusion von Kindern mit Förderbedarf an den Schulen im Bremer Westen? Das wollen die drei Ortsbeiräte von Gröpelingen, Findorff und Walle jetzt genau wissen. Am Abend gibt es eine gemeinsame Sitzung der Beiräte mit Bildungssenatorin Bogedan. Schulleiter klagen über schlechte Lernbedingungen für die Schüler.

Menschen auf dem Schulhof [Quelle: Radio Bremen]
2009 startete Bremen die Inklusion, als Vorreiter in Deutschland. Heute häufen sich die Klagen. Die Ortsbeiräte von Gröpelingen, Findorff und Walle wollen klären, was schief läuft.

Die Leitungen der Grund- und Oberschulen hatten schon im Februar 2016 einen "Brandbrief" an die Politik geschickt: Weil massiv Sonderpädagogen fehlten, würden nicht nur Kinder mit Förderbedarf benachteiligt, sondern im Endeffekt alle Schüler schlechter lernen. Ein Jahr später hat sich die Situation an den Schulen im Bremer West kaum verbessert, zum Teil sogar verschlechtert, heißt es in dem vor Kurzem durchgesickerten Entwurf einer erneuten Bestandsaufnahme, der Radio Bremen vorliegt. Eingefordert hatten diese die drei Ortsbeiräte für eine gemeinsame Sitzung in Sachen Bildung. Die Senatorin für Bildung, Claudia Bogedan, will selbst kommen und erklären, ob und wie sie die Probleme lösen kann.

Lage hat sich zugespitzt

Vor allem die Grundschulen im Bremer Westen leiden der Bestandsaufnahme zufolge unter dem bremenweiten Mangel an Sonderpädagogen, die speziell ausgebildet sind für die Förderung von beeinträchtigten Kindern. In den Schulen für die Kleinsten sind derzeit nur 3 von 11 leitenden Stellen in den für Inklusion zuständigen "Zentren für unterstützende Pädagogik" (ZuP) besetzt.  Im Vergleich zum Vorjahr ist damit noch eine weitere Stelle unbesetzt. Diese große Lücke können die Klassenlehrer nicht auffangen, auch weil ihnen die fachliche Kompetenz dazu fehlt. Hinzu kommt, dass auch nicht alle Lehrerstellen voll besetzt sind. Die Personalsituation habe sich an einigen Schulen extrem verschlechtert, heißt es in dem Lagebericht.

Schöne Theorie, harte Praxis

Um die Lage zu entschärfen, hatten die Ortsbeiräte vor einem Jahr gefordert, die Bezahlung der Sonderpädagogen an den Grundschulen zu erhöhen. Sie sollen genauso viel verdienen wie ihre Kollegen an den Oberschulen. Denn: Die wenigen Sonderpädagogen, die es in Bremen gibt, wählten natürlich den besser bezahlten Job an den weiterführenden Schulen, so die Erfahrung der Grundschulen. Die Bildungssenatorin hat die Forderung bisher nicht umgesetzt. "Das Problem ist, dass dieses Geld dann woanders eingespart werden muss", so Annette Kemp, Sprecherin der Bildungsbehörde.

Autor/-in: Marissa Kimmel / Tanja Krämer
Länge: 1:32 Minuten
Datum:
Sendereihe: Online | Radio Bremen

"Die Lage im Bremer Westen ist schwierig", räumt Kemp ein. Die Senatorin arbeite daran, die Situation zu ändern. Wie genau, wolle man aber erst in der Beiratssitzung verkünden. Dort werden sich auch Eltern zu Wort melden, die ihr Kind immer wieder Zuhause lassen müssen, weil Assistenzen fehlen. Sie sind speziell ausgebildet und mit in der Klasse, wenn beeinträchtigte Kinder besondere pädagogische, pflegerische oder medizinische Hilfe brauchen. Doch auch hierfür gibt es seit Jahren nicht genügend Personal.

Eklatanter Mangel bei Assistenzen

Zu spüren bekommt das zum Beispiel die Grundschule an der Augsburger Straße in Findorff. Seit November vergangenen Jahres fehlt dort eine Assistenzkraft. Wenn dann noch die zweite Assistenz dieser Klasse wegen Krankheit ausfällt, muss der 8-jährige Lion zu Hause bleiben oder kommt in die Notbetreuung. Dann ist Spielen statt Lernen angesagt.

Gerade Inklusionskinder brauchen ja mehr Förderung und nicht weniger, weil sie länger brauchen um etwas zu lernen und zu begreifen.

Tina Rath, Mutter von Lion

Die Bildungsbehörde verhandelt schon lange mit dem Martinsclub und anderen Anbietern, wie mehr Menschen in diese Assistenztätigkeiten an den Schulen gebracht werden können. Doch auch hier herrsche "eklatanter Fachkräftemangel" wie der Martinsclub den Findorffer Eltern erklärte.

"Der Martinsclub hatte schon vor mehreren Jahren vorgeschlagen, in Bremen einen Ausbildungsgang für Heilerziehungspfleger aufzubauen. Die Bildungsbehörde hatte das ausgeschlagen. Diese Kräfte fehlen jetzt."

Thomas Bretschneider, Vorstand des Martinsclubs

Pierre Hansen vom Zentralelternbeirat fordert die Behörde auf, auch hier endlich zu handeln: "Sonst führt das dazu, dass der Unterricht für alle Kinder massiv gestört wird und zusammenbricht."

Autorin: Heike Zeigler

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