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Wahl in Frankreich

Die Jugend wählt extrem

Kommentar

21. April 2017, 8:40 Uhr

Die Franzosen geben am Sonntag in der ersten Runde ihre Stimme für die künftige Präsidentschaft ab. Es ist zu erwarten, dass die Jungen die Extreme suchen: Ein Drittel der 18 bis 25-Jährigen ist für die rechtsextreme Marine le Pen. Und auch der linke Kandidat Jean Luc Mélenchon kommt bei jungen Wählern gut an. Was hat dazu geführt? Tinia Würfel kommentiert.

Frankreichs Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Melenchon steht auf einem Schiff und spricht zu potenziellen Wählern. Ein Jugendliche im Vordergrund hält eine Frankreich-Flagge in der Hand.  [Quelle: Imago, IP Press]
Rechte und Linke und Frankreich bauen Feindbilder auf. [Quelle: Imago, IP Press]

Der Kommentar von Tinia Würfel zum Nachhören:
Die Jugend in Frankreich wählt extrem [2:50 Minuten]

"Marine Présidente!", rufen die Rechten. "Résistance!", die Linken. Die jungen Franzosen wählen mehrheitlich extrem. Warum? Die aktuelle Regierung unter Staatspräsident Francois Hollande hat versagt. Das war einfach nix, was er die letzten Jahre erreicht hat. Finden auch viele Franzosen. Als Sozialist an den Start gegangen, politisch immer mehr in die Mitte gerückt und finalement als unbeliebtester Präsident aller Zeiten ans Ende der Legislaturperiode gekrochen.

Arbeitsverträge für wenige Wochen

Die Arbeitsmarktzahlen hat Hollande nicht in den Griff bekommen. Frankreich hat ein Problem mit der Jugendarbeitslosigkeit. Seit Jahren. Nicht erst seit Hollande. Auch sein Vorgänger Nicolas Sarkozy hatte damit zu kämpfen. Gut jeder vierte hat keinen Job, und wenn er einen hat: dann nur für ein paar Wochen und Monate. 90 Prozent der jungen Generation bekommt Kurzzeitverträge. Die Unternehmen wollen flexibler sein, niemand lang binden: Unbefristete Angestellte könnten ja eine Gehaltserhöhung fordern. Oh non!

Komm Sie, wir versetzen uns mal in die Lage eines jungen Franzosen: Anfang, Mitte zwanzig: gerade fertig mit dem Studium, in das man viel Geld gesteckt hat, weil die Studiengebühren steigen. Weil man wegen der prallen Lehrpläne aber keine Zeit hat zu jobben, hat man sich da so durchgeschlagen. Auf 15 Quadratmetern am Stadtrand gelebt, weil die Mieten: Oh la la. Man startet ins Berufsleben und dann das: Keiner will einen länger als acht Wochen anstellen. Da kann man schon mal die Schnauze voll haben vom System. Denn die Altparteien sind für viele keine Option mehr.

Vertrauen verspielt

Francois Fillon, der Konservative, hat mit seinen Skandalen und Skandälchen das Vertrauen verspielt: Er hat Frau und Familie zum Schein angestellt auf Kosten der Steuerzahler. "Geht’s noch?", denken sich viele Franzosen. Dann eben die Extreme: Also entweder ganz links oder ganz rechts wählen. Marine Le Pen verspricht günstige Wohnungen für Studierende, will Chefs von Kosten für junge Mitarbeiter befreien. Wer in dieser Welt nur an sich denkt, der fühlt sich davon abgeholt.

Eine Mauer mit Wahlplakaten von der Partei Front National mit dem Kopf der rechtsextremen Kandidatin Marine Le Pen. Dahint überklebte Plakate des linken Kandidaten Jean Luc Melenchon. [Quelle: Imago, Winfried Rothermel]
Le Pen und Melenchon – die Rechtextremistin und der Linke kommen bei jungen Wählern an. [Quelle: Imago, Winfried Rothermel]

Abgrenzung nach Außen

Aber die Le Pen Anhänger: Sie rufen eben auch: "On est chez nous!" "Wir sind hier bei uns". Der Subtext: "Ausländer raus". Denn eine andere Angst macht sich breit: Nehmen uns die Einwanderer uns die Arbeit, unsere Kultur, unser Frankreich weg?! "Frankreich first" – die Idee des Front National: Raus aus der EU, weg mit dem Euro, Ausländer leichter abschieben. Der Front National verbreitet damit ein Gefühl von Abgrenzung, von Fremdenhass.

Spaltung im Inneren

Der linke Kandidat Mélenchon provoziert auch Spaltung. Allerdings die innere: die Reichen, gegen die Armen. Will die Reichensteuer einführen und eine gerechtere EU für die Franzosen verhandeln. Wie die aussehen soll, wird nicht klar. Egal ob links oder rechts: Sie geben sich beide anders als die bisherigen Politiker. Aber sie schüren Hass. Und der vergeht nicht so schnell. Der bleibt in den Köpfen. Soll sich der Hass auf einen anderen Teil der Gesellschaft durch diese Wahl wirklich in den jungen Köpfen verankern? Ich fände es gefährlich: Für Frankreich, Deutschland und Europa.

Das Thema im Programm: Nordwestradio, 21. April 2017, 08:40 Uhr

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