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Elke Spörkel

Seelsorgerin mit Transgender-Identität

10. April 2017, 13:05 Uhr

Sie hieß einmal Hans-Gerd. Dass sie im falschen Körper geboren wurde, wusste Elke Spörkel eigentlich schon immer. Seit sie sich erinnern kann, war das Thema nie richtig weg. 2010 wurde ihre Transgender-Identität öffentlich – ohne, dass sie es steuern konnte. Damals stand Spörkel als Pfarrer – als Mann – einer Gerüchtewelle in ihrer Gemeinde gegenüber.

Eine Frau sitzt in ihrem Büro [Quelle: Universum Bremen, Lukas Pastor]
Elke Spörkel [Quelle: Universum Bremen, Lukas Pastor]

Rollenspiele im Kaufmannsladen statt Rangelei auf dem Bolzplatz: Mit vier Jahren spielte Elke Spörkel viel lieber mit Mädchen. Zum Karneval wollte sie gern als Prinzessin und bekam stattdessen den Colt fürs Cowboy-Kostüm ausgehändigt. Je älter sie wurde, desto essentieller wurde das Thema der geschlechtlichen Identität, doch wo heute die Suchmaschine im Internet angeworfen wird, stand Elke Spörkel in den Sechziger Jahren erst einmal alleine da. Stattdessen kämpfte sie mit Scham und dem Gefühl, pervers zu sein.

Tarnung war alles. Nach außen hin sollte möglichst kein Mensch mitbekommen, wie man innerlich fühlt.

Elke Spörkel hat mitgemacht. Sie machte das Kräftemessen auf dem Jungen-Gymnasium mit, ließ sich einen Bart wachsen, spielte Fußball. Sie verliebte sich sogar in Mädchen, war aber gleichzeitig fasziniert davon, was das Weiblich-Sein alles ausmacht.

Traumberuf Pfarrerin

"Transidentität / Transsexualität und Kirche"

In einer Broschüre der "Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V." kommen anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 transsexuelle und transidente Menschen wie Elke Spörkel zu Wort, erzählen ihre Geschichte und sprechen über ihren Glauben. Mehr Informationen

Die Familie, in der Spörkel groß wurde, war evangelisch und durchschnittlich religiös. Bei Familienfeiern und zu Festtagen ging man in die Kirche, am normalen Sonntag eigentlich nicht. Den Weg zur Kirche fand Spörkel dann über den Kaplan einer katholischen Jugendgruppe. Mit ihm fuhr sie nach Taizé, was ein "erster religiöser Kick" für die heute 60-Jährige war. Als es um ein Studium ging, rang Spörkel darum, ob sie katholische oder evangelische Theologie studieren sollte – das Herz entschied sich für den evangelischen Weg.

Wie will ich leben und – wie will ich sterben?

Seit 1984 war Elke Spörkel – damals als Hans-Gerd Spörkel – Pfarrerin der Evangelischen Rheinischen Landeskirche. Zum Start übernahm sie damals eine kleine Dorfgemeinde und ergänzend die Polizei- und Notfallseelsorge. Eine spannende Aufgabe, erinnert sich Spörkel gern zurück. 2006, zu ihrem 50. Geburtstag, verändert ein wichtiger Traum das bisher so geregelte Leben. Am Abend davor hatte Spörkel Tagebuch geschrieben und noch einmal Bilanz gezogen.

Und dieses Tagebuchschreiben habe ich, glaube ich, mit in die Nacht hineingenommen, dass ich nachts sehr intensiv geträumt habe, ich stehe vor meinem eigenen Grabstein. Und auf dem Grabstein stand Hans-Gerd, und ich weinte wirklich jämmerlich. Und es dämmerte dann merkwürdigerweise aus dem Nebel heraus der Name Elke und legte sich über den Grabstein, und ich konnte anscheinend mit diesem Bild gut weiterschlafen.
Elke Spörkel [Quelle: Elke Spörkel privat]
Elke Spörkel zu Gast bie Radio Bremen [Quelle: Elke Spörkel privat]

Das Brodeln der Gerüchteküche

Während das Kissen noch feucht von Tränen war, setzte bei Elke Spörkel ein gewaltiger Denkprozess ein: Will ich als Mann und damit mit einer Lebenslüge aus dem Leben scheiden? Obwohl Spörkel nach außen hin ihr Bild wahrte, wurde ihre Transgender-Identität 2010 öffentlich – ohne, dass sie es steuern konnte. Damals stand Spörkel noch als Pfarrer – als Mann – einer Gerüchtewelle in ihrer Gemeinde gegenüber.

Diese Gerüchtewelle war wie ein Tsunami. Mit einer Welle kann man das nicht mehr vergleichen. Ich bin innerhalb kürzester Zeit in einem Umkreis von 80 bis 100 Kilometern angesprochen worden, und es führte erst einmal zu einem generellen Zusammenbruch, wo ich nicht mehr Herr oder Herrin meiner Kräfte war.

Wie Elke Spörkel mit Ächtung und Zurückweisung umging, wie sie 2011 zurück in den Alltag und auf die Kanzel fand und wie sie bald im Brautkleid heiraten wird, erzählt die Seelsorgerin, die sieben Kinder hat, in "2 nach 1".

Das Gespräch zum Anhören:
Seelsorgerin mit Transgender-Identität: Elke Spörkel [38:00 Minuten]

Moderation: Kristin Hunfeld

Mehr Informationen:

Broschüre "Transidentität / Transsexualität und Kirche"
Mehr zur Sendereihe "Gesprächszeit"