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Dark Matter

Der amerikanische Altmeister meldet sich zurück.

4. August 2017

Er ist einer der Altmeister des amerikanischen Songwriting – Randy Newman. Seit Ende der Sechziger singt der Spross einer Hollywood-Filmkomponistenfamilie seine satirischen Songs. Das ist nicht selten kontrovers, denn Randy Newman singt in Rollen und lässt auch Figuren zu Wort kommen, die Unangenehmes aussprechen.

Cover: Dark Matter [Quelle: Nonesuch]
Randy Newman: Dark Matter [Quelle: Nonesuch]

Musikalische Weltdebatte

Es beginnt mit Karacho und mit einer Novität: Satte acht Minuten lässt Randy Newman auf dem ersten Song seines Albums in einer Art Wettstreit Vertreter von Wissenschaft und Religion gegeneinander antreten. "The Great Debate" – die große Debatte der Menschheitsgeschicke, in einer imaginären Arena und mit allerlei tiefen Themen: Kosmische Dunkelmaterie, Evolution, Klimawandel. Es gewinnt am Ende die Religion. Sie hat die einfachere Botschaft und die bessere Musik. Randy Newman ist erklärter Atheist, und er liebt Gospel Music. Ambivalenzen eines Künstlerlebens.

Historische Protagonisten

Es ist ein anstrengender, ein recht überfrachteter Einstieg in dieses Album. Randy Newman, der Meister der Songminiatur, führt darin vieles von dem vor, was er mit einem Orchester so anstellen kann als geschulter Komponist. Es ist nicht leicht, ihm inhaltlich dabei zu folgen. Im zweiten Song dann sprechen realhistorische Figuren: Die Brüder Kennedy zur Zeit der Kubakrise. Der Präsident macht seinem Bruder ein Geständnis: Er ist verrückt nach der kubanischen Salsa-Sängerin Celia Cruz. In Song drei dann ein Hieb für ein politisches Schwergewicht der Gegenwart: Vladimir Putin bekommt von Newman einen Song verabreicht, in dem der russische Präsident Atomkraftwerke nur mit der linken Gehirnhälfte lenkt, dann mit Ludmilla am Schwarzen Meer spazieren geht mit der Erkenntnis: So schön ist es hier gar nicht – das Mittelmeer wäre besser gewesen. Die Musik dazu: Überbordend russisch, mit einem Touch wuchtigem Hollywood.

"Dark Matter" ist ein Albumtitel mit Doppelsinn. Zum einen gemeint die kosmische Dunkelmaterie aus der Weltdebatte zu Beginn des Albums, zum anderen sind es die dunklen Themen und Tragödien aus individuellen Lebensläufen: Der traurig alternde Surfer am südkalifornischen Strand, der historische Blues-Sänger Sonny Boy Williamson, dem zu Lebzeiten sein Name von einem Epigonen gestohlen wurde. Nicht zuletzt das paranoide schlichte Gemüt, das auf die Welt blickt und findet: Sie ist ein einziger Dschungel. Aus dieser Haltung spricht der Populisten-Wähler. Den 45. Präsidenten selbst hat Newman noch verschont – er wäre ein zu einfaches Ziel gewesen.

Randy Newman, Großmeister der Songsatire, hat seit neun Jahren kein neues Album mehr herausgebracht. Musik-Redakteur Harald Mönkedieck hat sich sogar schon mal wissenschaftlich mit Randy Newman und seinen Songtexten auseinandergestzt. Mit ihm sprechen wir über das neue Album "Dark Matter".

Autor/-in: Jörn Albrecht im Gespräch mit Musikredakteur Harald Mönkedieck
Länge: 5:24 Minuten
Datum: Freitag, 4. August 2017
Sendereihe: Der gute Morgen

Meisterliche Balladen

Das Album ist ein etwas zerklüftetes, ein musikalisch fragmentiertes Alterswerk von Randy Newman. Nichts für den beiläufigen Konsum, doch lohnend in der eingehenderen Beschäftigung. Highlights des Albums sind drei orchestrale Klavier-Balladen. Einem alten Paar graut es in "Lost Without You" vor dem Verlust des Gegenübers, ein unscheinbarer Mann wundert sich in "She Chose Me" darüber erwählt zu werden – nach einem Leben voller Enttäuschungen. Und ein Vater denkt gutgläubig an einen abwesenden, offenbar verschollenen Sohn. "Where Is My Wandering Boy Tonight?" Songs wie diese schreibt nur Randy Newman, der Großmeister des amerikanischen Songwriting. Immer noch.

Randy Newman: Dark Matter [4:21 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Nordwestradio, 4. August, 11:40 Uhr.

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