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GAK in Bremen

Sibylle Springer: Gift

17. März 2017

Die Bremer Gesellschaft für aktuelle Kunst kümmert sich gewöhnlich um junge Künstler, die eher im Bereich Installation, Projekt, Avantgarde unterwegs sind, und zeigt neue Entwicklungen in der Kunstszene. Jetzt hat sie sich die gute alte Malerei in ihre lichtdurchflutete Galerie auf dem Teerhof geholt. Die Bremer Künstlerin Sibylle Springer zeigt neue Arbeiten.

Blick in die Ausstellungsräume [Quelle: GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Franziska von den Driesch]
Blick in die Ausstellung [Quelle: GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Franziska von den Driesch]

Inken Steen, Kunstkritikerin, hat sich die Ausstellung angesehen.

Wie passt Sibylle Springer ins Konzept der GAK?

Blick in die Ausstellungsräume [Quelle: GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Franziska von den Driesch]

Ziemlich gut, denn die Bremer Künstlerin zeigt, wie Malerei mit der reichen, dafür aber auch ballast-reichen Tradition umgehen und zugleich zeitgenössisch sein kann. Auf den ersten Blick sehen ihre meist sehr großen Leinwände ziemlich monochrom aus, diffuses Schwarz, wolkiges Grau, sanfte Beigetöne, pinke Farbexplosionen. Wenn man dann aber vor der Leinwand steht, entdeckt man Figuren: eine Frau auf der Schaukel, der ein Kerl unter das Rokoko-Rüschenkleid schaut, ein nackter Mann von Pfeilen durchbohrt, ein anderer, dem gerade die Haut abgezogen wird. Und plötzlich wird einem klar: Das sind Motive aus dem 16. oder 17. Jahrhundert. Aber Springer hat die nicht einfach abgemalt, sondern transformiert mit all ihrem Grauen und ihrer Obszönität.

Wie kam Sibylle Springer dazu, sich mit alten Gemälden zu beschäftigen und sie in ihrer eigenen Malerei gewissermaßen zu bewahren?

Das ist eine ganz witzige Geschichte. Sibylle Springer war 2005 mit einem Stipendium in New York und lief die Fifth Avenue herunter, mitten im Hochsommer:

Es stank bestialisch, weil der ganze Müll da draußen stand, und das war die reichste Stelle der Stadt. Und ich habe gedacht, irgendwie möchte ich diesen ganzen Dreck, den Gestank, das Abwegige, die Gewalt, die Sexualität in meine Bilder einbauen. Nur wie ich das mache, das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Damals hat sie Regenbilder gemalt, ganz minutiös mit dem Bleistift, tausende Tropfen und ihre Spiegelungen im Scheinwerferlicht der Autos, auf der Straße – intensive Malerei war das.

Die Ausstellung in der GAK heißt "Gift" – ist das doppeldeutig gemeint?

Genau, englisch "gift", das ist das Geschenk, das die Malerin uns macht, und dann natürlich das Toxische, das Bedrohliche, das Doppeldeutige, das sich langsam aus dem Bildgrund schält. Die Wirkung ist erstaunlich. Da wird dem Heiligen Erasmus von Rotterdam mit einer Winde der Darm herausgedreht. Aber er blickt ganz gelassen, weil er ja heilig und schmerzfrei ist, und auch die Folterer beobachten ihn nur verhalten interessiert. Also eine unglaublich gewaltsame Szene, die aber, wie viele andere Folterszenen aus der mittelalterlichen Malerei, uns eher kalt lässt, und eher das Interesse daran weckt, mit welchen Methoden der Mensch da gefoltert wird. Bei den Bildern der Bremer Malerin ist das völlig anders, da wird einem die Grausamkeit langsam bewusst,und ich als Betrachterin stelle die Zeitbezüge her. Sibylle Springer ist den umgekehrten Weg gegangen:

Wenn ich die Zeitung aufschlage, was lese ich? Es geht um Gewalt, um Folter, um Ungerechtigkeit, es geht um Sexualität, um Widersprüchlichkeit. Und ich finde es interessant, mit so einem alten Medium wie der Malerei so etwas aufzugreifen, was auch in diese politische Situation passt, in der wir uns heute befinden, ohne dass ich deswegen Bilder male, die irgendwas aus dem Syrienkrieg zeigen oder die Greueltaten des IS.

Sibylle Springer beweist eine sehr eigene Handschrift. Ist die Künstlerin noch ein Geheimtipp?

Blick in die Ausstellungsräume [Quelle: GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Franziska von den Driesch]

Unter Sammlern nicht. Sie ist eine der wenigen Bremer Künstlerinnen, die von ihrer Arbeit leben kann, so gut, dass sie jetzt auch ein Atelier in Berlin hat. Bremen ist für junge Künstler eigentlich ein hartes Pflaster. Anfangs ist es toll, es gibt viel Förderung, Ausstellungen, gute Netzwerke. Aber dann stellen sie fest, es gibt viel zu wenig Käufer, kaum Sammler, nicht so wie im Rheinland, in Berlin, München oder Hamburg. Ich glaube, die Menschen hier im Nordwesten trauen sich nicht, sie rechnen gleich, wie viel I-Phones bekomme ich für ein Gemälde. Sie sind nicht stolze Besitzer, sondern eher ängstliche.

Sibylle Springer: Gift

Die Ausstellung ist vom 18.März bis zum 30 April 2017 zu sehen.
GAK, Teerhof 21, Bremen
Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr


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