Inklusion in Bremen

Schöne Theorie, harte Praxis

20. März 2017

Die Schulleitungen im Bremer Westen schlagen Alarm: Die Bedingungen für die Inklusion von Förderkindern haben sich weiter verschlechtert. Ähnlich geht es Schulen in ganz Bremen. Was bedeutet das für die Betroffenen? Ein Vater, eine Lehrerin, eine Sozialpädagogin und eine Inklusionsassistentin berichten.

Silhouetten Rollstuhlfahrer mit Assistent [Quelle: Created by Freepik]
Inklusionsfachkräfte betreuen Kinder im Unterricht. [Quelle: Created by Freepik]

Die Inklusionsfachkraft

Ich arbeite seit Jahren beim Martinsclub als Inklusionsfachkraft. Einige Zeit war ich persönliche Assistenz für ein Kind mit Autismus. Aktuell mache ich Klassenassistenz, das heißt ich betreue gemeinsam mit einer Sonderpädagogin geistig beeinträchtigte Kinder.

Unsere Aufgaben als Assistenzen sind sehr vielschichtig: Manche von uns setzen Spritzen, versorgen Kinder, die einen Katheter haben. Wir helfen beim Anziehen, Essen, der Körperhygiene. Und als Klassenassistenzen bringen wir zusammen mit den Sonderpädagogen den Lehrstoff näher. Das sind pädagogische Arbeiten.  Wir werden aber nicht entsprechend bezahlt.

Ich bekomme für 30 Stunden Arbeit pro Woche rund 1.600 Euro brutto.

Dabei ist die Arbeit anspruchsvoll: Kinder mit solchen Beeinträchtigungen sind sehr individuell. Manche sind aggressiv, ich kenne Kolleginnen, die haben schon Stühle um die Ohren gehauen bekommen, andere werden regelmäßig bespuckt. Gerade im Bereich persönliche Assistenz gehen viele meiner Kolleginnen auf dem Zahnfleisch.

Inklusionskräfte

Die Assistenzen für Förderkinder sind bei verschiedenen Trägern angestellt. Der größte ist der Martinsclub. Dieser entsendet die Mitarbeiter an die Schulen – abhängig davon, wie viele Förderklassen es dort gibt oder wie viel Förderbedarf bei einem Kind ermittelt wurde.

Jedes Jahr muss der Förderbedarf der Kinder neu beantragt werden. Das heißt für uns: Wir wissen oft bis zu den Sommerferien nicht, ob wir im neuen Schuljahr wieder bei den vertrauten Kindern eingesetzt werden, ob wir dieselbe Stundenanzahl haben. Dabei ist Stabilität für die Kinder extrem wichtig. Stattdessen werden wir oft versetzt, wechseln die Schulen, und müssen uns dann natürlich wieder neu in alles einarbeiten.

Immer wieder müssen persönliche Assistenzkräfte auch zwei Kinder gleichzeitig betreuen. Wenn dann eines etwa schreit und für eine Weile aus der Klasse heraus muss, um sich zu beruhigen, bleibt das andere Kind ohne Assistenz zurück. Das müssen dann die Sonderpädagogen oder die Regellehrer auffangen. Wenn alles gut läuft, kann das funktionieren. Aber wehe, es wird jemand krank: Es gibt kaum Springer, die Kinder kommen mit wechselnden Kräften oft auch nicht klar. Wir dürfen auch keine Vertretung für die Sonderpädagogen machen. Im schlimmsten Fall muss das Kind zuhause bleiben. Daher schleppen sich viele von uns auch krank zur Arbeit. Burnout ist ein ständiges Thema.

Viele meiner Kolleginnen gehen deshalb auch nach einiger Zeit wieder – gerade wenn sie Erzieherin oder Krankenschwester gelernt haben. Es ist wahnsinnig schade, denn ich glaube schon, dass Inklusion funktionieren kann. Nur nicht so.

Lesen Sie auf Seite 2: Der Vater

Wir sollen uns darauf einstellen, dass wir unsere Kinder auch mal früher abholen oder sie im Notfall ganz zu Hause bleiben müssen.
Silhouetten Vater mit Sohn [Quelle: Created by Freepik]
Eltern von förderungsbedürftigen Kindern müssen flexibel sein und die Kinder auch mal zu Hause behalten, wenn es zu wenig Personal gibt. [Quelle: Created by Freepik]

Der Vater

Mein Sohn hat Förderbedarf im Bereich Wahrnehmen und Entwickeln, er geht in die siebte Klasse einer Schwerpunktschule. In seiner Klasse sind fünf Förderkinder, zwei davon haben schwerere Behinderungen. In Fächern wie Religion oder Kunst werden alle gemeinsam unterrichtet. Sind Fächer wie Mathe oder Englisch an der Reihe, kommen die Förderkinder in einen separaten Raum und erhalten dann andere Aufgaben. Das macht die Sonderpädagogin zusammen mit einer Assistenz. Eigentlich.

Denn bei uns in der Schule gibt es gerade massive Ausfälle: Mehrere der Sonderpädagoginnen sind schwanger, eine Assistenz hat gekündigt. Und die Schule findet keinen Ersatz. Das ist ja auch kein Wunder: In anderen Bundesländern wird soweit ich weiß deutlich besser bezahlt. Und Bremen hat den Studiengang für Sonderpädagogik geschlossen. Wo sollen die Leute da herkommen?

Noch konnte das Lehrpersonal die Situation bei uns in der Schule auffangen, aber wir haben schon Post bekommen:

Wir sollen uns darauf einstellen, dass wir unsere Kinder auch mal früher abholen oder sie im Notfall ganz zu Hause bleiben müssen.

Inklusionsschüler

Kinder mit geistigen Behinderungen, also Förderbedarf bei Wahrnehmen und Entwickeln, gehen in sogenannte W&-E-Förderschulen. Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen, Schwierigkeiten beim Lernen, der Sprache sowie Verhaltensauffälligkeiten können in allen Regelschulen lernen.

Das ist ein Desaster. Als erstes für die Kinder, die dann ja wieder ausgeschlossen werden aus dem Klassenverband. Aber auch für uns Eltern: Das sieht beim Chef nicht gut aus, wenn man andauernd kurzfristig ankommt, weil das Kind nicht in die Schule kann. Wir haben das Glück, dass meine Frau derzeit zu Hause ist. Aber das kann ja nicht die Lösung sein.

Die Situation ist für uns Eltern frustrierend. Bremen war ja mal Vorreiter in Sachen Inklusion. Und eigentlich ist das eine gute Idee. In seiner Klasse sind mein Sohn und die anderen Förderkinder gut integriert. Auf der Klassenfahrt zum Beispiel haben sich die anderen Kinder super um sie gekümmert. Es ist viel Verständnis da und ein guter Zusammenhalt. Aber wenn das Personal nicht da ist, kann der Schulstoff nicht vermittelt werden. Dann leiden alle Kinder darunter.

Lesen Sie auf Seite 3: Die Lehrerin

Ich bin aus Überzeugung Lehrerin und ich liebe meinen Beruf. Aber mittlerweile komme ich an meine Grenzen. Das inklusive System ist einfach nicht gut genug ausgestattet.
Silhouetten Lehrerin an der Tafel [Quelle: Created by Kjpargeter - Freepik.com]
Lehrer fühlen sich oft allein gelassen mit der schwierigen Situation. [Quelle: Created by Kjpargeter - Freepik.com]

Die Lehrerin

In meiner Klasse an einer Oberschule sind vier Kinder mit einem besonderen Förderbedarf. Sie wurden aber nicht darauf getestet und lernen jetzt in einer Regelklasse, also keiner speziellen Inklusionsklasse. Das bedeutet für mich als Lehrerin, dass ich im Unterricht gesondert auf sie eingehe. Natürlich. Ihre Beeinträchtigungen sind vielfältig. Zwei meiner Schüler fallen immer wieder durch aggressives Verhalten auf. Einer von ihnen droht den Mitschülern schlimme Sachen an. Es vergeht kaum ein Tag, an dem Kollegen mir nicht von einem Fehlverhalten berichten. Eine Versetzung in eine andere Klasse würde ihn noch mehr überfordern. Der Schüler kann sich nur sehr kurz konzentrieren. Es fällt ihm schwer, mitzuarbeiten, er hat praktisch nie Material dabei.

Ein anderer Schüler schwänzt bereits seit der Grundschule den Unterricht. Er kommt vielleicht zweimal in der Woche zur Schule. Ich habe schon mehrere Gespräche mit ihm und den Eltern geführt, halte das Rebuz (Regionales Beratungs- und Unterstützungszentrum) und das Jugendamt mit regelmäßigen Berichten auf dem Laufenden. Doch das Kind fehlt immer häufiger.

Förderbedarf

In der dritten Klasse wird in der Regel getestet, ob ein Kind Förderung braucht. Kinder, die erst später in die Klassen stoßen oder erst später auffällig werden, fallen oft durch das Rost. Wird eine Förderung bewilligt, folgt eine jährliche Überprüfung. An den Förderbedarf ist auch der Umfang der Assistenzen gekoppelt.

Wieder ein anderer Schüler ist motiviert und fühlt sich wohl in der Klasse, kommt aber kaum mit. Wenn ich mal Zeit habe, mich eine Viertelstunde im Unterricht neben ihn zu setzen, versteht er ein wenig, muss aber bald aufgeben. Unter diesen Misserfolgen leidet er sehr.

Dann sind da noch zwei Kinder, die eine sogenannte Vorklasse besucht haben. In diesen Klassen wird Kindern, die nach Deutschland geflohen sind, Deutsch beigebracht. Allerdings nur ein Jahr lang. Meine beiden Schüler waren schon vorher in ihrer Muttersprache kaum alphabetisiert. Entsprechend schwer fällt es ihnen, im Unterricht mitzukommen. Für sie fertige ich gesondertes Material an, vereinfache die Aufgabenstellung, damit sie auch mal ein Erfolgserlebnis haben. Doch oft verstehen sie schon meine Arbeitsanweisungen nicht.

Ich bin aus Überzeugung Lehrerin und ich liebe meinen Beruf. Aber mittlerweile komme ich an meine Grenzen. Das inklusive System ist einfach nicht gut genug ausgestattet.

Es führt auch dazu, dass viele Grundschüler nicht mehr auf Förderbedarf getestet werden und dann in Regelklassen sitzen. So haben sich die Eltern der leistungsstarken Kinder die Lernumgebung in einer Oberschule bestimmt auch nicht vorgestellt.

Ich verbringe viele Stunden mit der Korrespondenz mit Rebuz, Jugendamt oder Eltern. Schon beim Frühstück beantworte ich Mails.

Lesen Sie auf Seite 4: Die Sonderpädagogin

Ich kenne Kinder, die halten nur zwei Stunden Beschulung aus, andere sind aggressiv und stören massiv den Unterricht.
Silhouetten Erzieherin mit Kindern [Quelle: Created by Freepik]
Sonderpädagogen unterstützen die Lehrer von Inklusionsklassen. [Quelle: Created by Freepik]

Die Sonderpädagogin

Ich arbeite in einer Oberschule als Sonderpädagogin. Von der Idee der Inklusion bin ich völlig überzeugt. Ich will nicht mehr zurück und finde auch, dass vieles in Bremen eigentlich gut angelegt ist. Dass Sonderpädagogen zum Beispiel fest an den Schulen verankert sind und nicht wie in anderen Bundesländern nur hier und da stundenweise hinzugezogen werden, ist eine gute Lösung. Ich erlebe täglich, wie toll sich Kinder in den inklusiven Klassen entwickeln. Wir reden auch mit den Kindern oft über das Anderssein. Davon profitieren alle.

Als Sonderpädagogin bin ich pro Woche 15 Stunden in einer Klasse mit Kindern mit Förderbedarf. Ich gebe zum Beispiel Matheunterricht. Wenn ich nicht da bin, sollen die Kinder ihre Aufgaben alleine bewältigen. Das klappt bei vielen Kindern, aber nicht bei allen.

Die Zahl verhaltensauffälliger Kinder etwa nimmt zu. Damit werden die Schulen komplett allein gelassen. Das hat nicht nur mit der Inklusion zu tun, sondern ist ein gesellschaftlicher Trend. Kinder, die bei der Einschulung nicht rückwärts laufen können, die sich nicht konzentrieren können, erleben wir sehr häufig.

Ich kenne Kinder, die halten nur zwei Stunden Beschulung aus, andere sind aggressiv und stören massiv den Unterricht.

Oft ist für diese Kinder noch gar kein Förderbedarf festgestellt worden. Wenn wir diesen aber beantragen, dauert es viel zu lange, bis die Maßnahmen genehmigt sind – manchmal bis zu einem Jahr. Das ist kein tragbarer Zustand.

Zentrum für unterstützende Pädagogik

Sie helfen den Schulen bei der Umsetzung der Inklusion. Sie beraten zum Beispiel die Lehrer, organisieren besondere Fördermaßnahmen, testen aber auch auf Förderbedarf. Pro Schule soll ein Sonderpädagoge hierfür abgestellt werden.

Fakt ist: Inklusion ist harte Arbeit. Der Unterricht muss komplett umgestellt werden, und hier hakt es noch gewaltig. Die Anforderungen sind stark gestiegen, denn sowohl Lehrer als auch Sonderpädagogen müssen ja nun alles für mehrere Lernniveaus aufbereiten. Die Räumlichkeiten an meiner Schule sind für die neue Form der Beschulung auch gar nicht geeignet. Wir haben bei 500 Schülern nur drei winzige Förderräume, in die wir uns reinquetschen müssen. Eigentlich sollte es an jedem Klassenraum ein solcher Raum angeschlossen sein.

Oft muss ich auch Vertretungsstunden leisten, weil ein Lehrer erkrankt ist. Bei Krankheiten im Kollegium fehlt es häufig an Ersatz, so dass alle noch mehr leisten müssen. So entsteht ein Teufelskreis: Der Krankenstand bei uns ist stark erhöht, Burnout bei vielen ein Thema, ein Großteil der Kollegen arbeitet nur Teilzeit. Ich finde: Die Politik muss mehr in die Bildung investieren, wir brauchen eine bessere personelle Ausstattung. Und mehr Hilfe für verhaltensauffällige Kinder.

Alle Gesprächspartner berichteten uns anonym von ihren Erlebnissen.

Autorinnen: Tanja Krämer, Verena Patel

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