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Qualifizierte Leichenschau

Wie in Bremen mehr Morde aufgedeckt werden sollen

19. April 2017

In Bremen wird die sogenannte qualifizierte Leichenschau wohl bald zur Pflicht. Sie soll helfen, die Zahl der unentdeckten unnatürlichen Todesfälle zu senken. Experten zweifeln, ob dieses Ziel gelingt. Die Angehörigen müssen die Untersuchung trotzdem zahlen.

Nach Schätzungen bleibt jeder zweite Mordfall in Bremen unentdeckt! Um das zu ändern, will und wird Bremen die qualifizierte Leichenschau einführen, per Gesetz. Statt jedoch Leichen am Fundort direkt zu untersuchen, weil dort unter Umständen wichtige Spuren zu finden sind, sieht der Gesetzesgeber nur noch eine abgespeckte Variante der qualifizierten Leichenschau vor.

Autor/-in: Uwe Wichert
Länge: 6:46 Minuten
Datum: Mittwoch, 19. April 2017
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Wie in Bremen mehr Morde aufgedeckt werden sollen

Studien gehen davon aus, dass bundesweit bis zu jeder zweite Mord nicht entdeckt wird. Ganz einfach, weil kein Arzt feststellt, dass es sich um einen unnatürlichen Todesfall handelt. Wenn die Polizei erst einmal die Ermittlungen aufnimmt, liegt die Aufklärungsquote bei mehr als 90 Prozent. Genau deshalb fordern viele Gerichtsmediziner, Kriminalbeamte und Staatsanwälte seit Jahren, dass jede Leiche untersucht werden muss. Sie verweisen auf die USA, wo das gang und gäbe ist.

Bremen ist Vorreiter

Bremen will nun die Zahl der unentdeckten, unnatürlichen Todesfälle (Unfall, Selbsttötung oder Verbrechen) senken – und hat als erstes Bundesland ein neues Gesetz auf den Weg gebracht. Die Gesundheitsdeputation der Bremischen Bürgerschaft hat dem Entwurf bereits zugestimmt. Zum 1. August soll das Gesetz in Kraft treten. Dem Entwurf zufolge muss in Zukunft jeder der jährlich etwa 8.000 Toten im Land Bremen im Rahmen einer qualifizierten Leichenschau untersucht werden.

Künftig gilt dann: Stirbt ein Mensch, muss ein Arzt den Tod feststellen. In einer ersten Begutachtung soll der Mediziner feststellen, ob eine unnatürliche oder natürliche Todesursache vorliegt. Hat er den Verdacht, dass eine unnatürliche Ursache vorliegt, muss er Polizei und Gerichtsmediziner hinzuziehen. Dann soll die qualifizierte Leichenschau vor Ort stattfinden. Kreuzt der Arzt aber "natürliche Todesursache" auf dem Totenschein an, muss die Leiche binnen 36 Stunden in eine Leichenhalle gebracht werden. Erst dort wird dann die qualifizierte Leichenschau vorgenommen.

Experten fordern Untersuchung immer am Fundort

An diesem Punkt entzündet sich Kritik. Experten fordern, dass die qualifizierte Leichenschau direkt am Fundort der Leiche durchgeführt werden muss. Lüder Fasche von der Gewerkschaft der Polizei in Bremen befürchtet, dass andernfalls Spuren verloren gehen könnten.

Es ist geradezu kriminalistisch verpflichtend, die Leichenschau am Leichenfundort vorzunehmen – und zwar eine echte qualifizierte Leichenschau.

Lüder Fasche, Gewerkschaft der Polizei in Bremen

Kriminalisten seien auf die Spuren vor Ort angewiesen und die befänden sich unter Umständen gar nicht direkt am Leichnam.

Umstände am Fundort sind wichtig

Der Leiter des Bremer Instituts für Rechtsmedizin, Olaf Cordes, ist skeptisch, ob jeder Arzt unmittelbar über eine natürliche oder unnatürliche Todesursache entscheiden könne. "In der Praxis ist das leider ein Wunschtraum." Auffindesituation, Umgebung und Befragung der Angehörigen seien wichtig, um ein besseres Bild zu bekommen. Wenn ein Rechtsmediziner vor Ort anhand der Leichenschau beispielsweise den Verdacht habe, dass eine Medikamentenvergiftung vorliege, könne er direkt die Umgebung nach Verpackungen absuchen. "Wenn ich die Leiche nicht mehr am Fundort sehe, sondern nur beim Bestatter, müsste ich dann regelrecht recherchieren. Und das kann zeitaufwändig sein."

Leichenkühlkammern im Rechtsmedizinischen Institut in Bremen [Quelle: Radio Bremen]
In der Gerichtsmedizin werden unnatürliche Todesfälle untersucht.

Kürzlich hat Cordes einen Toten untersucht, der im Sterben in eine Rumpelkammer stürzte und unter einem Regal begraben wurde. Am Hals hatte der Tote vertrocknete Schürfungen. "Wenn ich den einfach nur beim Bestatter gesehen hätte, hätte ich mutmaßen müssen, dass da jemand Hand angelegt hat", sagt Cordes. Der Fundort der Leiche ist für den Rechtsmediziner also ungemein wichtig, um die Todesursache feststellen zu können.

Das Gesundheitsressort will sich zur Kritik nicht äußern und verweist auf den Beschluss der Gesundheitsdeputation. Nun muss der Gesetzesentwurf noch durch die Bürgerschaft. Nimmt er auch diese Hürde, könnte er im August in Kraft treten.

Tod wird für die Hinterbliebenen teurer

Ob das neue Gesetz tatsächlich mehr Verbrechen zutage fördert, soll zwei Jahre nach Inkrafttreten beurteilt werden. Fest steht jetzt aber schon, dass das Gesetz für die Angehörigen mehr Kosten bedeutet.

Mit Eintritt des Todes enden seit jeher die Leistungen der Krankenkasse. Konkret bedeutet das, Anfahrt und Todesfeststellung durch einen Arzt müssen aus eigener Tasche bezahlt werden – so wie bislang auch. Neu ist, dass die qualifizierte Leichenschau – egal ob in der Leichenhalle oder anderswo – künftig mit bis zu 200 Euro berechnet wird und auch das von den Angehörigen bezahlt werden muss.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass vor einer Einäscherung auch jetzt schon eine Leichenschau vorgeschrieben ist und die kostet 114 Euro. Mehr als 70 Prozent aller Verstorbenen in Bremen werden eingeäschert.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. April 2017, 19:30 Uhr

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