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Polizei eröffnet virtuelle Wachen

Mit vielen Klicks zur Online-Anzeige

20. März 2017

In Bremen und Bremerhaven sind virtuelle Polizeiwachen eröffnet worden: In beiden Städten können Bürger ab sofort online Strafanzeigen erstatten. In den Nachbarländern ist das seit Jahren ein Erfolgsmodell.

Statt zum Revier können Bestohlene in Bremen jetzt auch einfach ins Netz gehen, um eine Anzeige aufzugeben. Allerdings beschränkt sich die digitale Wache bislang auf die Delikte Fahrraddiebstahl und Sachbeschädigung.

Autor/-in: Anke Kültür
Länge: 2:38 Minuten
Datum: Montag, 20. März 2017
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Mit vielen Klicks zur Online-Anzeige

Mit der Eröffnung des Online-Portals löst sich das Land Bremen aus der Schlusslicht-Gruppe der Bundesländer. 11 der 16 Länder bieten die Online-Wache teils seit über zehn Jahren an. Nun sind nur noch Bayern, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Thüringen ohne das Angebot. "Wir wollen unseren Bürgerinnen und Bürgern eine moderne und zeitgemäße Verwaltung und modernen Bürgerservice bieten", sagte Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) vor dem offiziellen Start des Web-Angebots.

Kein Ersatz für 110

Die Polizei weist mit Nachdruck darauf hin, dass die neuen Online-Wachen kein Angebot für Notrufe sind. Diese müssen unbedingt weiter über die Nummer 110 durchgegeben werden.

Niedrigere Hemmschwelle

Bremerhavens Polizei-Chef Harry Götze ist sich sicher: "Dieses Angebot wird helfen, Berührungsängste und Hemmschwellen abzubauen und erleichtert den Erstkontakt mit der Polizei." Doch auch für die Polizei erhoffen sich die Verantwortlichen positive Effekte. Polizeireviere sollen entlastet werden, wie Mäurer erläuterte. Jährlich würden in der Stadt Bremen knapp 80.000 Anzeigen erstattet. Davon würden 75 Prozent von Streifenwagenbesatzungen vor Ort aufgenommen. In 25 Prozent gingen die Anzeigenerstatter aber zu einer Wache. Vor allem bei den rund 6.000 Fahrraddiebstählen im Jahr sieht die Polizei Potenzial für Online-Anzeigen.

Erste Anzeige schon am Vormittag

Eine Hand auf einem Laptop. [Quelle: Radio Bremen]
Ab sofort können Bremer und Bremerhavener online Anzeige bei der Polizei erstatten.

Und so erschien am Montag um elf Uhr bereits die erste online-Anzeige zu Diesem Thema: Ein Fahrrad war gestohlen worden. Der Besitzer hatte das Anzeigenformular ausgefüllt: von der Rahmennummer über den Tathergang bis zu Namen und Anschrift.

Aufwändige Prozedur zwischen Off- und Online

Beide Städte starten mit einem kleinen Angebot. Die Online-Abgabe ist zunächst auf die häufigen Delikte Fahrraddiebstahl und Sachbeschädigung beschränkt – und mit ein paar Mausklicks ist es nicht getan. Auszufüllen sind jeweils mehrere umfangreiche Web-Formulare.

Die Bremer Online-Wache erfordert zudem ziemlich viel Offline-Aktivität: Die Anzeige wird nicht angenommen, wenn nicht gleichzeitig ein PDF-Strafantrag mit eingereicht wird. Diesen muss man herunterladen, ausdrucken, ausfüllen, einscannen und dann wieder hochladen. So ein aufwändiges Prozedere kennt die Online-Wache in Bremerhaven nicht. Auch in Hamburg und Niedersachsen gibt es dieses Verfahren nicht.

Digitale Signatur nicht vorgesehen

Was in beiden Städten nicht möglich ist, ist die Nutzung der digitalen Unterschrift – obwohl der neue Personalausweis seit Jahren dafür bereit ist. Mit ihr wären die Anzeigeerstatter eindeutig identifizierbar, so wären unterschriebene Papierdokumente verzichtbar.

Online-Wache macht Anzeigen trotzdem einfacher

Doch einfacher als vorher ist das Anzeigen von Straftaten nun trotzdem. Alle Daten hätte man vorher persönlich auf der Wache abliefern müssen, diesen Behördengang kann man sich nun sparen. Außerdem ist das Angebot barrierearm. So stehen in Bremen Anleitungen in Gebärdensprache und in leichter Sprache zur Verfügung. Die Bremer wollen ihr Angebot außerdem noch um eine Online-Terminvergabe erweitern, beide Städte planen eine Ausweitung auf weitere Deliktarten.

Screenshot Online-Anzeige [Quelle: Polizei Bremen]
So startet die Online-Anzeige auf der Webseite der Bremer Polizei. [Quelle: Polizei Bremen]

Rege Online-Nutzung in Hamburg

Nun hofft die Polizei auf einen Erfolg des neuen Angebots. Ein Blick in die Nachbarschaft zeigt, wie gut Online-Wachen ankommen. Schon seit Anfang 2006 bietet Hamburg eine Online-Wache an – und die wird auch rege genutzt. 2012 wurden fast 6.500 Strafanzeigen und Mitteilungen per Online-Wache übermittelt, 2013 schon knapp 9.300. An der Elbe werden vor allem Sachbeschädigungen, Diebstähle, Betrugs- und Beleidigungsdelikte online angezeigt, wie Polizeisprecher Florian Abbenseth sagt. Einen Missbrauch oder Fehlmeldungen gebe es nur in Einzelfällen.

32.000 Internet-Anzeigen in Niedersachsen

Nennenswerte Missbrauchs-Fälle der Online-Wache seien in den letzten zehn Jahren auch in Niedersachsen nicht aufgetreten, sagt Bastian Lückfeldt vom Innenministerium in Hannover. Dort seien allein im letzten Jahr 32.000 Strafanzeigen online eingegangen, zu den Top-Delikten gehörten hier Fahrraddiebstahl und Online-Auktionsbetrug. Außerdem könne die niedersächsische Online-Wache für Hinweise zu Korruption und Wirtschaftskriminalität genutzt werden.

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Überwiegend positive Reaktionen

Polizeipräsident Lutz Müller sieht in dem Online-Angebot vor allem einen neuen Bürgerservice. Mehr Strafanzeigen seien nicht zu erwarten. Auch werde es wohl kaum Missbrauch geben, sagte die Gewerkschaft der Polizei. Die GdP weist aber darauf hin, dass durch die Online-Wache weder Personal, noch Ressourcen bei der Polizei gespart werden können und zusätzliche Belastungen der Fall sein werden. Das habe sich in Niedersachsen gezeigt, wo es die Web-Anzeige bereits seit zehn Jahren gibt.

Autor: Boris Hellmers-Spethmann (Studio Bremenhaven)

Dieses Thema in den Hörfunknachrichten: unter anderem Bremen Eins, 20. März 2017, 6 Uhr.

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