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Experte zur neuen Pisa-Studie

"Schon in der Grundschule wird gemobbt"

20. April 2017

Jeder sechste 15-Jährige wird in der Schule Opfer von Mobbing. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Pisa-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Mobbing ist Alltag in der Schule. Warum und was man dagegen tun kann, weiß Markus Gerstmann vom Bremer Arbeitskreis gegen Mobbing.

Mädchen wird von anderen ausgestoßen [Quelle: imago, blickwinkel]
Mobbing auf dem Schulhof ist bitterer Alltag. Jeder sechste 15-jährige Schüler oder Schülerin war bereits betroffen. (Symbolfoto) [Quelle: imago, blickwinkel]

Radio Bremen: Wenn jeder sechste Fünfzehnjährige sagt, dass er schon einmal gemobbt wurde, in welchem Alter geht es dann schon los?

Markus Gerstmann: Wir haben schon erste Erfahrungen aus der Grundschule. Bereits dort gibt es die ersten Angriffe gegen Personen, weil man jemanden nicht mag, mit ihm nicht mehr spielen möchte, weil er komisch geworden ist oder weil etwas passiert ist, man nicht die gleichen Kleider trägt oder die gleichen Interessen hat. Und dann gibt es Konflikte und die ersten Angriffe gehen los. Wir haben auch schon Angriffe über das Internet in der 2. Klasse erlebt.

Radio Bremen: Wo geht denn Mobbing los und was kann man auch als alberne Lästerei abtun?

Gerstmann: Das ist genau die Schwierigkeit: Es wird heutzutage immer viel von Mobbing geredet, aber hänseln, jemanden ärgern oder mal die Federmappe klauen, das ist ja eigentlich untereinander normal. Das ist kein Mobbing. Mobbing bedeutet über drei Monate jemanden gezielt anzugreifen. Das ist natürlich eine lange Zeit und bis das durchgegangen ist, da hätten die Schule, die Eltern und die Kinder schon längst darauf reagieren müssen.

Radio Bremen: Es ist also erst dann Mobbing, wenn wirklich immer wieder dieselben Personen über einen längeren Zeitraum geärgert oder gehänselt werden?

Gerstmann: Genau, wir erleben das ja immer wieder: Es gibt in der Klasse jemanden, den man nicht mag, neben dem man nicht sitzen möchte, den man nicht berühren mag, weil man dann etwas an sich hat, was man nicht wieder weg bekommt. Das sind so alte Beispiele, die aber immer noch aktuell sind. Und da müssen wir als Erwachsene und Pädagogen natürlich hingucken und einschreiten, um das Klassenklima zu verbessern.

Radio Bremen: Wie genau wird denn gemobbt?

Gerstmann: Das erste ist natürlich immer, den anderen zu erzählen, dass man jemanden nicht mag und damit baut man ja schon eine Stimmung gegen denjenigen auf, oder holt andere mit ins Boot, indem man sagt: "Der ist doof". Oft geht es dabei um Verweise auf äußerliche Merkmale oder den Charakter, manchmal auch um Dinge, die jemand auf bestimmte Art und Weise tut. Und die werden dann immer weiter herauskristallisiert, so dass sie auf einmal immer auffälliger werden, dabei ist das ganz normales Verhalten, denn jeder Mensch hat eine Eigenheit.

Radio Bremen: Warum gibt es Menschen, die sich jemanden herausnehmen und ihn immer wieder ärgern?

Gerstmann: Ich glaube, das hat etwas mit der eigenen Selbstzufriedenheit zu tun. Wenn ich mit mir selbst zufrieden bin, dann brauche ich niemanden zu mobben, denn dann bin ich im Einklang mit mir. Vielleicht schmunzle ich dann einfach nur über die Eigenheit des Anderen und dabei ist es belassen.

Beim Mobbing geht es darum zu sagen: Weil derjenige doof ist, bin ich besser und habe eine bessere Position in der Klasse.

Radio Bremen: Was kann ich denn machen, wenn ich gemobbt werde?

Gerstmann: Es ist wichtig sich Leute ins Boot zu holen: Erst einmal sollte man mit einem Freund oder einer Freundin darüber reden, um sich zu solidarisieren und nicht alleine zu bleiben. Wenn ich trotzdem nicht stark genug bin, aus der Situation heraus zu kommen, weil ich mich ja auch selbst anders verhalten müsste, gilt es weitere Personen anzusprechen. Irgendwann sollte ich dann auch die Lehrkräfte oder Eltern miteinbeziehen, denn sie sind die Personen, die mich am meisten stärken können. Da ist es mir aber auch immer ganz wichtig zu sagen, dass die Eltern und die Lehrer die Betroffenen auf dem Weg der Lösung mit ins Boot holen, denn wenn ich als Erwachsener handle, weil mein Kind angegriffen wird, und ich etwas tue, dann ist das Kind schon wieder hilflos. Und deshalb ist es wichtig, die Kinder mitzunehmen und eine gemeinsame Lösung zu finden.

Radio Bremen: Da gibt es aber ja noch die Hürde, dass man gleich als Petze gilt, wenn man zu den Eltern läuft – oder?

Gerstmann: Genau das ist das große Problem. Viele Kinder wollen deshalb gar nicht zu ihren Eltern gehen. Gerade deshalb ist es wichtig die Lösung mit den Kindern zusammen zu erarbeiten. Wenn Lehrer in der Schule sagen: "Ich habe gehört, ihr macht jemanden fertig", dann haben wir eine Situation, in der die Betroffenen schon wieder in eine besondere Situation geraten. Und das ist nicht das Ziel. Wir wollen ein gutes Klassenklima entwickeln. Das bedeutet, dass wir gute Konzepte brauchen, und dass wir die Täter und die Betroffenen nicht aus der Klasse herausnehmen.

Radio Bremen: Wir haben ja bisher aus Sicht der Betroffenen gesprochen. Was mache ich denn als Elternteil, wenn ich merke, dass mit meinem Kind irgendwas nicht stimmt? Direkt ansprechen?

Gerstmann: Das ist total schwer als Elternteil. Gerade in der Pubertät. In der Zeit finden die meisten Angriffe statt. Kinder ziehen sich von den Eltern zurück. Vielleicht sind sie unglücklich verliebt. Vielleicht ist es auch etwas Anderes, aber das Kind möchte mit den Eltern nicht reden. Deshalb geht es von Anfang an darum ein gutes und faires Verhältnis zu seinem Kind zu haben. Und es wissen zu lassen: Bei mir steht immer eine Tür auf. Man muss Zeit mit seinem Kind verbringen, zum Beispiel gemeinsam zu essen. Da können dann gemeinsame Gespräche geführt werden, denn man braucht ein gutes Dialog-Klima in der Familie.

Radio Bremen: Das Kind muss sich tatsächlich selber öffnen?

Gerstmann: Ja anders geht’s nicht.

Radio Bremen: Welche Tipps würden Sie denn den Lehrern an die Hand geben?

Gerstmann: Auch für die ist es wichtig, ein gutes Klassenklima zu entwickeln, Zeit für die Klasse zu haben und nicht nur immer den Unterricht im Vordergrund zu sehen. Die Kinder sind acht Stunden in der Schule und müssen miteinander klarkommen. Da muss man am Team-Klima arbeiten. Und die Lehrer sollten Mobbing-Fälle nicht so groß aufhängen. Wir haben oft erlebt, dass Lehrer über einen Fall sprechen und das geht dann durch die ganze Lehrerschaft. Lehrer sollten den direkten Weg zur Schulleitung suchen und zunächst den Lösungsweg abklären und dann Hilfe holen. Es gibt zum Beispiel das Mädchenhaus, das Jungenbüro oder uns als Servicebüro, die Hilfe anbieten und in die Schule kommen können.

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, 20. April, 10:10 Uhr

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