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Auftragsboom für Bremer Handwerk

Darum müssen Sie lange warten, bis der Klempner kommt

20. April 2017

Wer derzeit einen Handwerker sucht, kann unter Umständen verzweifeln. Viele Betriebe sind ausgelastet und Bremer Kunden müssen lange warten. Die vollen Auftragsbücher freuen die Handwerker zwar einerseits, stellen sie aber auch vor Probleme.

Handwerker bei Installationsarbeiten [Quelle: Imago, Newscast]
Es dauert derzeit oftmals lange, bis der Klempner im Haus ist. [Quelle: Imago, Newscast]

Viele Bremer klagen derzeit, dass sie keinen Handwerker erreichen: Manche E-Mail bleibt ungelesen und es scheint ewig zu dauern, bis Telefonanrufe auch zu Ergebnissen führen. Wer einen Auftrag für ein neues Bad, Dach oder Heizung vergeben will, muss viel Geduld mitbringen. "Im Moment gibt es eine erheblich größere Nachfrage", sagt Jan-Gerd Kröger, Präses der Bremer Handwerkskammer. Das gilt insbesondere für den das Baugewerbe als auch für den Ausbau wie beispielsweise Klempner. Seit etwa zwei bis drei Jahren beobachtet Kröger, der eine eigene Baufirma hat, einen deutlichen Aufschwung im Handwerk. "Und jetzt da die Sonne rauskommt, wird es jahreszeitenbedingt noch einmal mehr." Gerade in den begehrten Bremer Stadtgebieten wie Oberneuland, Borgfeld und im Viertel würden viele Altbauten instand gesetzt.

Nachfrage bei Bau, Lebensmitteln und Kfz

Es boomt aber nicht nur rund ums Haus. "Wir haben drei Bereiche, die momentan brummen", ergänzt Stefan Schiebe, Geschäftsführer der Kreishandwerkschaft. Neben Bau und Ausbau hätten Lebensmittel- sowie Kfz-Gewerbe derzeit volle Auftragsbücher. Im Bau würden wegen niedriger Zinsen viele Wohnungen renoviert. Wegen hoher Steuereinnahmen hätten Kommunen jetzt Geld und holten Investitionen nach, sagt Schiebe.

Im Lebensmittelbereich profitieren Bäckereien, Konditoreien und Fleischereien vom Trend hin zu regionalen Qualitätsprodukten. "Es gibt eine Konsumlust. Viele sagen sich, ich stecke mein Geld in gute Lebensmittel", ist Schiebe überzeugt.

Die Bremer Autohändler können sich derzeit ebenfalls freuen. "Es scheint etwas wie eine neue Lust am Auto zu geben." Auch hier vermutet Schiebe einen Effekt durch die derzeit niedrigen Zinsen. Viele Autos sowie Nutzfahrzeuge würden zurzeit verkauft und damit floriere auch das Service-Geschäft.

Der Kunde, der jetzt etwas beauftragt, muss mehrere Wochen bis zur Ausführung einplanen.

Stefan Schiebe, Geschäftsführer der Kreishandwerkschaft

Es gibt eben auch die Kehrseite der Medaille: Wegen der vollen Auftragsbücher müssen die Kunden lange warten. Wie lange das konkret ist, hängt von den einzelnen Betrieben ab. Auch Kröger kennt die Problematik, ist sich aber sicher, dass Stammkunden nicht so lange warten müssten wie Neukunden.

Geduld auch bei Angeboten und Material

Geduld müssen Kunden nicht nur aufbringen, bis der Handwerker wirklich kommt. Häufig ist es derzeit schwierig, von kleinen Betrieben überhaupt ein Angebot zu bekommen. "Der klassische Handwerker ist jetzt sehr viel auf den Baustellen unterwegs und dann muss er zusätzlich Angebote schreiben", sagt Schiebe.

Bau eines Mietshauses [Quelle: Radio Bremen]
Bremer Bauunternehmer freuen sich über volle Auftragsbücher.

Ein weiterer Zeitfaktor sind die Materiallieferungen. Es gebe Engpässe bei Spezialwaren und Dämmstoffen, weiß Bauunternehmer Kröger. "Die Industrie hat ihre Lagerkapazitäten abgebaut und kommt mit der Produktion nicht schnell genug nach."

Es fehlt Personal

Eigentlich wäre die Lösung vieler Probleme, einfach mehr Handwerker einzustellen. Aber davon gebe es zu wenige, sagt Kröger. Viele Facharbeiter seien in den vergangenen Jahren in die Industrie abgewandert, weil es dort vermeintlich bessere Jobs gebe. "Das ist nach wie vor so. Die guten Handwerker werden von der Industrie gerne angestellt." Zudem treiben Handwerkskammer-Präses Kröger Nachwuchssorgen um: "Es gibt einen allgemeinen Trend in Richtung Studium."

Handwerk müsse für Berufsanfänger wieder attraktiver werden, da sind sich Kröger und Schiebe einig. Anders könne man den Nachwuchproblemen nicht begegnen. Es gebe 130 Ausbildungsberufe und sehr gute Jobaussichten in den rund 5.000 Bremer Handwerksbetrieben. In den kommenden Jahren stünde in vielen Betrieben ein Generationswechsel an, weil die Chefs in den Ruhestand gehen – eine Chance für die Jungen.

Handwerk hat goldenen Boden und ist attraktiv für die Zukunft

Stefan Schiebe, Geschäftsführer der Kreishandwerkschaft

Er weiß aber auch, dass viel mehr als eine Imagekampagne notwendig ist, um qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen. "Das hat auch etwas damit zu tun, dass wir Schulabgänger haben, die nicht ausbildungsfähig sind." Handwerk sei komplexer geworden, erfordere Verständnis für komplizierte Maschinen, Computer sowie technisches und mathematisches Verständnis. "Das fällt vielen jungen Leuten schwer."

Autor: Alexander Drechsel

Dieses Thema im Programm: Nordwestradio, 20. April 2017, 15:40 Uhr

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