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Kritik an Schiffahrtsmuseum

"Zustand der Hansekogge ist alarmierend"

Per Hoffmann war maßgeblich an der Konservierung der historischen Hansekogge beteiligt. Im Interview mit buten un binnen äußert er nun Kritik am Bremerhavener Schiffahrtsmuseum. Seine Vorwurf: Die Kogge drohe zu zerfallen, und das Schiff werde von den Verantwortlichen vernachlässigt.

Die Hansekogge im Schiffahrtsmuseum [Quelle: Radio Bremen]
Erst vor wenigen Monaten wurde die neue Kogge-Halle des Schiffahrtsmuseums eröffnet.

Radio Bremen: Sie machen sich Sorgen, dass Ihr Lebenswerk in Gefahr ist?

Per Hoffmann: Ich habe wirklich Angst, dass die Kogge zusammenbricht. Sie steht jetzt seit fast zehn Jahren in einem ganz provisorischen und zum Teil demontierten Zustand. Ursprünglich ist sie in einer Sandwichbauweise gebaut worden. Es gibt eine Außenschale, dann kommen die Spanten und dann die Innenschale, die ausgebaut wurde. Das war provisorisch, damit man an die Spanten rankommen und dort bleibende Stahlspanten reinziehen kann. Dadurch sollte das Schiff dauerhaft stabilisiert werden, damit es für lange Zeit stehen kann, ohne sich zu verändern.

Radio Bremen: Und dieses Provisorium ist dauerhaft geblieben?

Per Hoffmann: Ja. Es war für höchstens ein bis zwei Jahre gedacht und nun steht das schon seit fast zehn Jahren so. Die ausgebauten Planken liegen zum Teil auf der Erde, verformen sich, werden platt, reißen und schrumpfen etwas, weil das Klima im Museum zumindest in den vergangenen Jahren zu trocken war. Die Planken der Außenhaut beginnen ebenfalls zu schrumpfen, lösen sich und reißen aus den Verbänden. Mit der Zeit – und das tut es bereits – wird das Schiff immer mehr zusammensacken, und wenn sich die Planken aus den Verbänden lösen, dann zerfällt es.
Ich finde den Zustand der Hansekogge alarmierend, und ich habe das ziemlich bald nach meiner Pensionierung bemerkt. Ich habe mit den Verantwortlichen gesprochen, aber nichts ist passiert. Damals war es ein Prozess, die Kogge mit einem dauerhaften Stahlkorsett zu versehen, damit in der Zukunft nichts passiert, und dieser Prozess wurde aus mir völlig unverständlichen Gründen angehalten.

Ehemaliger Konservator der Kogge, Per Hoffmann [Quelle: Radio Bremen]
Ehemaliger Konservator der Kogge, Per Hoffmann

Radio Bremen: Haben Sie eine Idee, warum man das macht? Das klingt nämlich erstmal nicht plausibel.

Per Hoffmann: Ich habe den Verdacht, dass dem aktuellen Direktorium des Museums dieses Projekt zu groß ist. Sie haben nicht die Entscheidung fällen können, die Aufgabe an ein Ingenieursbüro mit den Bedingungen von Zeit, Geld und Technik abzugeben. Mein Eindruck ist außerdem, dass sich niemand richtig für das Schiff, und was da passiert, interessiert. Es gibt auch keine Fachkraft für Holz. Ich habe damals für eine Nachfolgerin, eine Holzchemikerin, gesorgt. Sie wurde auch eingestellt, aber ihr wurde gesagt, dass sie nichts an der Kogge zu suchen habe und sich nicht darum kümmern dürfe. Da denke ich mir: „Moment. Dafür war sie eingestellt.“  
Zudem gibt es außer mir eigentlich auch niemanden mehr, der über das Schiff Bescheid weiß. Schon gar nicht über die technologischen Eigenschaften von konserviertem Eichenholz, die anders als die von frischem sind. Es erschreckt mich, dass von Seiten des Museums kein Interesse besteht, dieses Knowhow und somit das ganze Schiff zu retten.
Das sind 30 Millionen Euro, die den Bach runtergehen. 50 Jahre lang haben mindestens drei Generationen von Wissenschaftlern versucht das Schiff zu retten und dauerhaft zu erhalten, und nun wird das einfach durch Nachlässigkeit verspielt.

Radio Bremen: Sie sagen, dass das Projekt möglicherweise zu groß ist. Würde da nicht ein anderer Verdacht näher liegen? Dass es zu teuer ist und andere Prioritäten gesetzt werden?

Per Hoffmann: Geld war ja da, als das Projekt angefangen wurde. Auch für das nächste Jahr, und das alles hält sich im Rahmen. Im letzten Jahr ist vom Bremerhavener Ingenieursbüro KSF ein Update des Projektes abgeschätzt worden. Die haben großzügig gerechnet und sind auf zwei Millionen Euro über fünf Jahre verteilt gekommen. Das Schiffahrtsmuseum hat jetzt 42 Millionen Euro zugesagt bekommen, um die Hälfte des Gebäudekomplexes zu renovieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass für so ein weltweit einmaliges Schiff – ein mittelalterliches Schiff von 1380, das es in dieser Vollständigkeit kein zweites Mal gibt – kein Geld besorgt werden kann.

Was sagt die Museumsleitung zu den Vorwürfen?

Per Hoffmann kritisiert den Zustand der Kogge und die Verantwortlichen des Schiffahrtsmuseums in Bremerhaven. Mit welchen Argumenten die Museumsleitung auf die Vorwürfe reagiert, erfahren Sie heute Abend bei buten un binnen, um 19.30 Uhr.

Radio Bremen: Würden Sie sagen, dass die Kogge das Herz des Deutschen Schiffahrtsmuseums ist?

Per Hoffmann: Ja, sicher. Das Schiffahrtsmuseum wurde gebaut wegen der Kogge, und ich bin deswegen dort angestellt gewesen. Es ist das einzige große Objekt des Museums, das es sonst nirgends in anderen Museen gibt. Es hat wirklich ein Alleinstellungsmerkmal. Früher wurde das von allen anerkannt. Von den Museumsleuten, von internationalen Kollegen, von anderen großen Schifffahrtsmuseen der Welt. Die sind hergekommen, um die Kogge anzugucken. Heute wird da nicht einmal ein privater Gast hingeführt, um es zu zeigen, weil es so elend aussieht. Weil man sieht, dass es zerbricht.

Radio Bremen: Wenn man nichts dran macht, was wird dann aus der Kogge?

Per Hofmann: Wenn man jetzt nichts macht, dann wird die Kogge mit der Zeit – und das ziemlich bald – sich in seine Einzelteile auflösen. Es werden Hölzer brechen. Man darf nicht vergessen, dass die Planken der Außenhaut aus sehr vielen Bruchstücken zusammengesetzt sind. Die sind wieder zu einer langen Planke gemacht worden, die dann an das Schiff angebracht wurden. Diese ganzen verleimten Stellen, an denen die Brüche unsichtbar an der Rückseite geschient sind, sind natürlich die Schwachstellen.
Ein Schiff wie die Kogge, das in Klinkerbauweise entstand, hält nur die gesamte Form, wenn alle einzelnen Planken miteinander fest verbunden bleiben. Wenn das nicht der Fall ist und sie sich lösen, denn die Spannung löst sich dadurch, dass dann Holzdübel abplatzen, dann wird das Schiff in dem derzeitigen provisorischen Gestell runtersacken. Nach und nach werden immer mehr Planken aus dem Verband rausspringen, weil die drückende Last von oben zu groß wird.
Ein archäologisches Großobjekt aus Holz wie dieses Schiff ist ein sehr fragiles Bauwerk, das immer gepflegt werden muss. An so einem Museum brauchen sie einen Konservator, der Jahr für Jahr an diesem Schiff bastelt, es repariert und pflegt. Aber die Vorstellung, dass ein Schiff, nachdem es einmal konserviert wurde, jetzt einfach stehenbleiben kann, ist verkehrt.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Mai 2017, 19:30 Uhr

Verfällt die Kogge im Bremerhavener Schifffahrtsmuseum?
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