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ARD-Themenwoche Heimat

Was bedeutet "Deutschsein" heute?

Gespräch mit dem Migrationsforscher Wolfgang Kaschuba

5. Oktober 2015

"Heimat" als Rechtsbegriff, im 19. Jahrhundert dann das "Heimatgefühl", im 20. die Vereinnahmung des Begriffs durch die Nazis. Und heute? Müssen wir den Begriff "Deutschsein" neu definieren? Ein Gespräch mit dem Migrationsforscher Wolfgang Kaschuba.

Viele verschiedene Menschen auf einer Tribüne in einem Fußballstadion. [Quelle: DPA]
Mehr als die Hälfte aller Deutschen hat Vorfahren aus anderen Ländern. [Quelle: DPA]

Heimat war ursprünglich kein Gefühl, sondern ein Rechtsbegriff, erläutert der Migrationsforscher Wolfgang Kaschube. Bis in das 19. Jahrhundert gab es das Heimatrecht: Jedem Menschen wurde eine Gemeinde zugeordnet – und dort hatte er das Recht, ein Gewerbe auszuüben, zu heiraten und im Notfall auch versorgt zu werden. Das Heimatrecht war eine materielle Absicherung – "aber keine Regelung, bei der Flüchtlinge oder Fremde ein Chance gehabt hätten".

Auswanderung und Heimatgefühl

Erst in dem Moment, als etwas verloren ging, wurde "Heimat" ein Begriff, der mit Gefühlen verknüpft ist. Während der Industrialisierung zogen viele Menschen von den Dörfern in die Städte, und Tausende wanderten aus Not nach Amerika aus. Die Heimat war verloren; und dieser Verlust drückte sich auch in der Kunst aus, in der Literatur, der Malerei und in den Volksliedern. Mit der Gründung des deutschen Reiches Ende des 19. Jahrhunderts bekam der Begriff eine nationale Komponente.

Müssen wir "Deutschsein" neu definieren?

Heute leben wir in einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat, denn es gehören auch die Nachfahren der Millionen Flüchtlinge dazu, die nach 1945 kamen. "Und wenn man das mitbedenkt – dann haben wir uns weit entwickelt."

Was bedeutet das für den Begriff "Deutschsein"?

Wir sollten nicht mehr "bio-deutsch" darunter verstehen. Was wir essen, welche Musik wir hören oder wohin wir reisen – das sind längst europäische oder globale Vorlieben....Die Gemeinsamkeiten im Tun sind manchmal viel größer als die Unterschiede, die wir immer in den Vordergrund stellen.

Heimat: ein moderner Begriff [5:13 Minuten]

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