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Strahlende Zukunft

Fakt oder Fiktion? Interview mit Drehbuchautor Christian Jeltsch

Erzählt der Krimi Science-Fiction oder ist er der Realität verpflichtet? Hat sich der Autor die Geschichte "nur" ausgedacht? Ist die Mörderin verrückt oder hat ihr Sohn Recht? Hat die Strahlung der Mobilfunkmasten ihre Tochter krank gemacht? Gibt es Mikrowellenterror?

Ein Interview mit dem Drehbuchautor des Tatorts Christian Jeltsch. Über Leukämie und Handymasten, Macht und Ohnmacht – sowie über Realität und Science-Fiction.

Herr Jeltsch, Sie haben sich mit einem sehr aktuellen Thema beschäftigt: Handystrahlung. Warum gerade dieses Thema?

Mich interessieren sozialpolitische Vorgänge, die Einwirkungen auf ein privates Leben haben. In den Siebzigerjahren war es mit dem Bau der Atomkraftwerke ähnlich. Dort tauchten verstärkt Leukämiefälle auf - und die Eltern kämpften, um zu beweisen, dass das mit den Atomkraftwerken zu tun hat. Eine ähnliche Situation ist es jetzt hier mit den Mobilfunkantennen und mit der Strahlung, die davon ausgeht. Es kann nicht eindeutig nachgewiesen werden, ob die Strahlen wirklich Schäden verursachen oder nicht. Eindeutig wissen werden wir das, laut Experten, in 10 bis 20 Jahren. Bis dahin gibt es einen Wettlauf der Gutachten.

Im Mittelpunkt des Films steht eine Frau, deren Kind an Leukämie gestorben ist. Sie glaubt, dass Mobilfunkstrahlung daran schuld ist. Diese Frau vermutet eine Verschwörung aus Mobilfunkindustrie und Staat und behauptet, dass sie selbst bestrahlt wird. Klingt das nicht ziemlich absurd?

Wenn ich es für absurd hielte, hätte ich es nicht so erzählt. Es gibt viele Fälle, in denen Menschen unter Elektrosmog leiden. Aber sie werden meist nicht wirklich ernst genommen. Ihre Zurechnungsfähigkeit wird infrage gestellt. Auch weil sie Fragen stellen, die der Industrie wehtun. Für mich geht es im Film aber nicht nur um Mobilfunkstrahlung. Das ganz zentrale Thema ist das von Macht und Ohnmacht. Die Macht hat in diesem Fall der Staat im Schulterschluss mit der Industrie – und der Einzelne steht dem ohnmächtig gegenüber.

Ihr Film verwebt das Thema Mobilfunkstrahlung mit dem Thema Strahlenwaffen. Was ist daran Tatsache und was Science-Fiction?

Nach meinen Recherchen weiß ich, dass das nicht so weit auseinander liegt. Es geht um Strahlen. Und die treten sowohl bei Handys als auch bei diesen Waffen auf. Auch deutsche Firmen entwickeln zum Beispiel Strahlenwaffen, die mit Mikrowellen arbeiten. Das kann jeder auf deren Internetseiten nachlesen. Sie werden da im wahrsten Sinne "gepriesen" als "nicht-tödlich". Im Irak wurden diese Waffen schon eingesetzt, um elektronische Systeme wie Funk lahm zu legen, heißt es offiziell. Es gibt eine Szene im Film, in der eine Strahlenwaffe als Handy getarnt wird. Das mag vielleicht nach Science-Fiction klingen, aber nach meinen Informationen wird auch schon an solchen Dingen geforscht.

Aber dass Mitarbeiter der Mobilfunkindustrie mit Strahlenwaffen Jagd auf Kritiker machen, klingt ziemlich abwegig.

Der Tatort ist ein Krimi - und im Krimi gibt es eben immer einen kriminellen Hintergrund, einen Täter. In diesem Fall schlagen Einzelpersonen über die Stränge und handeln illegal. Damit will ich nicht behaupten, dass alle Mobilfunkbetreiber in der Realität losgehen und Kritiker bestrahlen. Es ist einfach nur einen Schritt weitergedacht. Zu was sind Menschen bereit, um ihre Gegner auszuschalten oder in Misskredit zu bringen? Und wie gesagt, es soll vor allem ein spannender Krimi sein. Und ich denke, das ist er geworden.

Sie bringen Mobilfunkstrahlung mit Leukämie in Verbindung und Mobilfunkbetreiber mit Strahlenwaffen. Schüren Sie damit nicht unnötig Panik?

Es ging mir, wie gesagt, zuallererst darum, eine spannende, emotionale Geschichte zu schreiben, die vom scheinbar aussichtslosen Kampf des Einzelnen gegen eine starke Machtstruktur erzählt. Das Thema Mobilfunk und die Verbindung zu Leukämie und Waffen bot dabei ein perfektes Szenario. Und deshalb erzählt dieser Film die Geschichte einer Mobilfunkkritikerin. Ich finde es überhaupt wichtig, dass wir im Tatort aktuelle Themen aufgreifen und in der populären Form eines Krimis erzählen. Wenn wir eine Dokumentation gedreht hätten, dann hätten wir ausgewogen berichten müssen. Aber im Unterschied zum Dokumentarfilm ist der "Tatort" Fiktion. Und Fiktion darf subjektiv sein. Sonst ist sie auch nicht wirklich emotional. Außerdem setze ich darauf, dass die Zuschauer mündig genug sind, Fakt und Fiktion auseinander zu halten. Wenn sie dadurch selber zu recherchieren beginnen, umso schöner.

[Das Interview führte Steffen Hudemann]

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