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Tatort-Produktion "Hochzeitsnacht"

"Was mich daran gereizt hat, ist die Umkehrung des Normalen"

Interview mit dem Drehbuchautor Jochen Greve

27. August 2012

Radio Bremen: Herr Greve, Sie haben das Drehbuch für den Radio Bremen-Tatort "Hochzeitsnacht" geschrieben. Darin geht es um den Überfall auf eine Hochzeitsgesellschaft, bei dem die Täter einen zurückliegenden Mord durch die Aussagen der Hochzeitsgäste aufzuklären versuchen. Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Tatort gekommen?

Jochen Greve: Wie kommt man auf eine Idee? Nicht leicht zu beantworten. So was entsteht meist über längere Zeit, bis es sich irgendwann so verdichtet, dass ich das Gefühl habe, mit der Idee oder der Geschichte möchte ich mich die nächsten Monate intensiver auseinandersetzen. Man muss da einen langen Atem haben. Die Entwicklung eines Tatort-Drehbuches dauert seine Zeit. In unserem Fall mit Pausen fast zwei Jahre von der Idee bis zum drehfertigen Buch. Was mich dabei besonders gereizt hat, war die Umkehrung des Normalen. Normalerweise ist bei einer Geiselnahme doch alles klipp und klar: Der Geiselnehmer ist der Täter und die Geiseln sind die Opfer. Das umzudrehen fand ich spannend. Langsam herauszuarbeiten, dass einer der Verbrecher eigentlich ein Opfer ist und die Geiseln oder zumindest einige der Geiseln die wahren Täter der Geschichte.

Radio Bremen: Was war Ihnen beim Schreiben besonders wichtig?

Jochen Greve: Wichtig ist, dass die Figuren leben. Und dann natürlich – es ist ja ein Tatort – dass es spannend ist! Die Zuschauer haben ein Recht darauf, sich anderthalb Stunden zu unterhalten. Das ist immer wieder eine Herausforderung, besonders bei einem Kammerspiel wie unserer Geschichte, bei der große Teile der Handlung nur an einem Ort spielen und man nur auf wenige Personen zurückgreifen kann. Am Ende soll der Zuschauer diese Personen verstehen und sich von ihren Problemen anrühren lassen. Oder etwas dramatischer gesagt: Letztendlich soll er das Gefühl haben, wirklichen Menschen zugesehen zu haben. Das zu schaffen, ist die große Herausforderung.

Radio Bremen: Radio Bremen feiert mit dem Tatort "Hochzeitsnacht" ein Jubiläum: Vor genau 15 Jahren erfolgten die Dreharbeiten für den ersten Radio Bremen-Tatort. Sie waren fast von Anfang an beteiligt, denn die Figur des Kommissars Stedefreund, der seit 2001 an der Seite von Hauptkommissarin Inga Lürsen ermittelt, stammt von Ihnen. Wie ist diese Figur entstanden?

Jochen Greve: Bei der Entwicklung einer so wichtigen Figur wie Stedefreund gibt es immer mehrere Geburtshelfer. Da ist natürlich erstmal die Redakteurin Annette Strelow. Die ursprüngliche Idee war, Inga Lürsen eine Art Spießer, einen Bürohengst, einen echten "Von-acht-bissechzehn- Uhr"-Beamten an die Seite zu stellen. Aber schon beim Schreiben der ersten Szenen habe ich gemerkt, dass da mehr in der Figur steckt – und besonders in dem wunderbaren Oliver Mommsen. Da war auch Irrwitz und Kantigkeit, Unkonventionalität und – ganz wichtig – Humor, der immer wieder durchblitzte. Interessanterweise eigentlich genaue Gegenteile des klassischen Beamten. Wenn man als Autor spürt, dass die Figuren so anfangen zu leben, darf man ihnen nicht im Weg stehen, dann muss man ihnen folgen – und dann entstehen daraus, wenn man Glück hat, so wundervolle Figuren wie Stedefreund. Eine kleine Anekdote am Rande: Als es darum ging, dem "Kind" einen Namen zu geben, fiel mir ziemlich bald "Stedefreund" ein. Weil er, wie Oliver Mommsen später mal vermutet hat, Inga stets ein Freund ist. Aber in Wahrheit heißt ein kleiner Vorort so an der Straße, an der ich geboren wurde und an der meine Mutter noch heute lebt. (grinst) Stedefreund ist eben ein kleines bisschen auch ein "Baby" von mir.

Radio Bremen: Was ist grundsätzlich bei der Entwicklung einer Filmfigur zu bedenken?

Jochen Greve: Der Zuschauer muss sich in den Problemen der Figuren wiederfinden oder sie zumindest nachvollziehen können – auf jeden Fall muss er sie interessant finden. Das ist, wie bereits gesagt, die Herausforderung für mich und anschließend den Regisseur, die Schauspieler und 3 das Team, die den Film drehen. Im besten Fall nehmen die Filmfiguren den Zuschauer an die Hand, um ihn in ihre Geschichten hineinzuziehen. Wobei in diesen Geschichten natürlich immer auch etwas vom Autor, dem Regisseur und den Schauspielern steckt, die die Geschichte letztendlich umsetzen.

Radio Bremen: Sie haben schon einige Folgen der Reihe Tatort geschrieben. Was ist beim Schreiben eines Tatorts zu beachten?

Jochen Greve: Ein Tatort ist ein Krimi. Und ein Krimi muss spannend sein. Das ist das Wichtigste. Es muss ein Mord am Anfang passieren und am Ende sollte er gelöst sein, klar. Aber ansonsten ist man als Autor bei der Entwicklung eines Tatortes manchmal freier als bei anderen Formaten oder Fernsehspielen. Seit Beginn gehört zum Tatort, dass man immer wieder die erzählerischen Grenzen austestet. Dass man gesellschaftliche oder psychologische Probleme in einer Deutlichkeit und Tiefe herausarbeitet, die in anderen Formaten und Fernsehfilmen oftmals nicht erzählt werden können. Zum Tatort gehört das dazu – und es sehen trotzdem oder wahrscheinlich gerade deshalb Millionen Zuschauer zu.

Radio Bremen: Was ist dabei für Sie besonders reizvoll?

Jochen Greve: Ich schreibe seit über zehn Jahren für den Tatort von Radio Bremen. Die Redakteurin Annette Strelow und ich haben immer wieder versucht, anders als in anderen Krimiformaten zu erzählen. So haben wir uns zum Beispiel von Anfang an mehr Zeit für die Opfer und Täter genommen. In manchen Filmen fast die Hälfte der Zeit, in der keine Kommissare auftauchen, stattdessen sieht man dem Tod beziehungsweise dem Schicksal bei der Arbeit zu. Das hat damals – soweit ich weiß – kein Tatort gemacht. Heute sieht man das öfter, aber üblich ist es immer noch nicht. Dabei ist das in meinen Augen das wirklich Spannende an einer Kriminalgeschichte: Wie gehen Opfer und Täter mit einer Tat um? Die Polizei macht doch eigentlich nur ihre Arbeit.

Radio Bremen: Sie sind im Vorstand der "Deutschen Akademie für Fernsehen" vertreten. Wie werden sich Ihrer Ansicht nach Krimiformate im deutschen Fernsehen in den kommenden Jahren entwickeln?

Jochen Greve: Ich denke, es wird unter anderem dahin gehen, dass man die Figuren noch gebrochener erzählt. In Amerika ist das in den besten Formaten bereits der Fall. Da wird nicht mehr so "heldisch" erzählt wie hier. Das heißt, der Held hat deutliche Macken und ist oft das genaue Gegenteil von "gut", und wir identifizieren uns als Zuschauer trotzdem mit ihm. Wir wissen doch, dass die wirklich Guten in Wahrheit nur gegen die Dunkelheit in ihrer Seele kämpfen. Bei uns spürt man in vielen Kommissaren noch immer den guten deutschen Beamten á la Derrick. Aber man spürt gleichzeitig auch, dass immer mehr Kollegen und Redaktionen auf der Suche nach neuen Wegen sind.

Das Gespräch führte Anna Tollkötter.

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