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Fragen an den Drehbuchautor

"Die Brisanz liegt im Verdrängen des Themas"

1. Februar 2011

Er ist einer der renommiertesten Drehbuchautoren Deutschlands. Christian Jeltsch hat seit über zehn Jahren seine eigene Handschrift in Krimi-Filme eingebracht und wurde dafür mehrfach preisgekrönt. Seine Ermittler sind häufig seltsame Originale, seine Krimifälle kommen manchmal ohne Täter aus. Auch sein achter Tatort "Der illegale Tod" ist ungewöhnlich.

 [Quelle: ]

Radio Bremen Online: Wie sind Sie darauf gekommen, einen Tatort über Flucht und "illegale Einwanderung" zu schreiben?

Christian Jeltsch: Das Thema begleitet mich schon seit einigen Jahren. Als ich von den Zuständen in den Flüchtlingslagern am Mittelmeer und in Nordafrika hörte, war ich überzeugt, dass in diesem Thema auch ein spannender Tatort steckt.

Radio Bremen Online: Worin lag für Sie beim Schreiben die größte Herausforderung?

Christian Jeltsch: Größer als bei rein erfundenen Geschichten war bei diesem Tatort die Aufgabe, dem Thema wirklich gerecht zu werden. Was bei einem so vielschichtigen Problem mit so vielen Ursachen schwierig ist. Zudem war es wichtig, nicht einseitig zu erzählen, das heißt, auch den Figuren, die in dem Film als Verantwortliche der aktuellen europäischen Flüchtlingspolitik auftreten, Argumente zu geben, denen man sich als Zuschauer nicht so leicht entziehen kann.

Radio Bremen Online: In diesem Fall ist es unter anderem die "Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen", kurz Frontex. Warum haben Sie die Organisation konkret benannt und keinen erfunden Namen gewählt?

Christian Jeltsch: Ich glaube nicht, dass Frontex und die Aufgabe dieser Agentur den Zuschauern bekannt ist. Auf diese Weise besteht die Chance, diesem Tatort eine besondere Brisanz zu geben. Und es wäre schön, wenn die Fragen, die der Film dazu aufwirft, von den Zuschauern auch gestellt würden. Insofern bin ich sehr froh darüber, dass Radio Bremen diesen anderen Weg geprüft hat und mitgegangen ist.

Radio Bremen Online: Worin liegt vor allem die Brisanz dieses Themas?

Christian Jeltsch: Die Brisanz liegt für mich im "Verdrängen" dieses Themas in unserem Land. Was durch die europäische Politik auch ganz gut gelingt. Aber auch durch das Desinteresse der Medien und damit unser aller Desinteresse. Nur ist damit das Problem nicht aus der Welt. Im Gegenteil. Es wird sich nach meinen Recherchen noch mehr verschärfen.

Radio Bremen Online: Wodurch?

Christian Jeltsch: Durch lokale Konflikte in der Welt, durch Hunger, durch die weltweite Rohstoffgier und durch verfehlte Agrar- und Entwicklungspolitik der Industriestaaten. Die Industriestaaten verhalten sich wie kleine Kinder beim Versteckenspielen: Hand vor die Augen und glauben, man sieht sie nicht. Aber sie haben durch ihre einseitige Politik nun einmal für mich eine klare Verantwortung für diese Entwicklung des Flüchtlingsproblems.

Radio Bremen Online: Haben Sie sich durch die Wahl Ihrer Themen schon einmal selbst in Gefahr gebracht?

Christian Jeltsch: Da ich meine Recherchen immer offen führe und meine Gesprächspartner informiere, was ich vorhabe und für wen ich arbeite, ist es mir bisher – bis auf zwei eher "eigentümliche" Situationen – immer gelungen, die notwendigen Informationen ohne Gefahr zu erhalten. Allerdings wurde mir während der Recherche über Waffenexporte die Post geöffnet und bei der Recherche zu dem Radio-Bremen-Tatort "Strahlende Zukunft" ging ich einer Spur nach, die eine Verbindung von Handy- und Waffentechnik aufzeigte. Kurz darauf erhielt ich einen anonymen Anruf, der mir freundlich klarmachte, man wisse woran ich arbeite und ich solle es doch lassen. Das interessiere doch keinen ... Acht Millionen Zuschauer hat es dann doch interessiert.

Das Interview führte Anna Tollkötter.

Der illegale Tod