Mediabox

Fernsehen Tatort Die Fälle Der illegale Tod

Jetzt neu: butenunbinnen.de, alles wichtige aus der Region

Fragen an den Regisseur

"Ein guter Tatort ist mehr als die Aufklärung eines Mordes"

1. Februar 2011

Für Radio Bremen hatte Florian Baxmeyer bislang bei zwei Tatort-Filmen Regie geführt. Am Drehbuch des dritten Films interessierte ihn die "fast schon philosophische Dimension der Geschichte".

Baxmeyer ist Jahrgang 1974 und einer der jüngsten deutschen Regisseure. Aufmerksamkeit hat schon sein Abschlussfilm an der Hamburger Medienschule erregt: Für "Die rote Jacke" hat er den Oscar in der Kategorie "Short Film" erhalten. Sein bisher größtes Regieprojekt war die sieben Millionen Euro teure Produktion der "Drei Fragezeichen".

 [Quelle: ]

Radio Bremen Online: Welche Szene war am schwierigsten im Tatort "Der illegale Tod"?

Florian Baxmeyer: Angesichts unseres Budgets war gleich die erste Szene eine Herausforderung: Ein Handyvideo, auf dem eine panische Menge afrikanischer Flüchtlinge auf einem überfüllten Flüchtlingsboot zu sehen ist. Zunächst war es gar nicht so einfach in Bremen überhaupt genug afrikanische Komparsen zu finden. Nach einigen Castings und unter Mithilfe diverser Kulturvereine hatte unser Regieassistent Walter Bednarik schließlich eine gute Gruppe zusammen.

Dann stellte sich heraus, dass eine Fahrt auf offener See mit unserem Zeitkontingent nicht vereinbar war und dort die Sicherheit der Komparsen auch nicht gewährleistet werden konnte, weil wir ihnen aus inhaltlichen Gründen keine Schwimmwesten anlegen wollten. Am Ende haben wir das an einer Kaimauer in Bremerhaven gedreht. Trotzdem gab es Bedenken: Was passiert, wenn auf dem kleinen, schaukelnden Boot aus der gespielten Panik eine echte wird? Was, wenn jemand über Bord geht? Wir hatten Rettungsschwimmer und DLRG-Boote dabei.

Tatsächlich war es dann so, dass unsere Komparsen sich als sehr talentiert heraus stellten und uns auf Kommando eine Panik nach der anderen hinlegten, das Boot extrem zum Schaukeln brachten und das Ganze so spaßig fanden, dass sie richtig traurig waren, als es vorbei war. 

Radio Bremen Online: Worin genau lag der Reiz des Drehbuches für den Radio-Bremen-Tatort "Der illegale Tod"?

Florian Baxmeyer: Dem Autor Christian Jeltsch ist es hervorragend gelungen, die Konflikte dieses globalen Themas – Flucht auf der einen Seite und die Abschottung der europäischen Grenzen auf der anderen – in seinem Figurenensemble zu spiegeln. Das ist eine Gruppe von ganz normalen Menschen, die durch einen tragischen Vorfall – verursacht durch menschliches Versagen – zu einer Schicksalsgemeinschaft wird. Je nach Persönlichkeit versuchen die einzelnen Figuren sich auf unterschiedliche Art aus der Situation zu befreien, obwohl es eigentlich kein Entkommen geben kann. Je mehr sie sich verstricken, desto irrelevanter werden Werte wie Moral, Freundschaft und Rechtschaffenheit für sie und am Ende gehen sie im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen.

Radio Bremen Online: Wie war die Arbeit mit den Schauspielerinnen und Schauspielern am Set?

Florian Baxmeyer: Als Regisseur muss man mit jedem eine Kommunikation etablieren und sicherstellen, dass man überhaupt versteht, wovon die oder der andere jeweils redet. In künstlerischen Fragen kann man ganz wunderbar aneinander vorbeireden ohne es zu merken. Dann ist die Zusammenarbeit mit den einzelnen Schauspielern zum Teil sehr unterschiedlich.

Daniel Lommatzsch zum Beispiel, der den Klaus Kastner spielt, dreht selten Filme, weil er hauptsächlich Theater spielt. Ich war fasziniert davon wie rhythmisch er seinen Text verstand und gelernt hatte. Als wir kurz vorm Dreh noch ein bisschen gekürzt haben, wollte er alle seine gestrichenen Wörter doch lieber behalten, weil für ihn sonst die Satzmelodie nicht mehr funktionierte. Arndt Klawitter will immer noch ein bisschen mehr aus seiner Rolle raus holen und macht beim Drehen sehr schöne Vorschläge. Dass seine Figur Robert Böhm ein kleines Alkoholproblem zu haben scheint, ist zum Beispiel so eine Idee gewesen. Ulrike Tscharre war im ersten Take immer schon so auf dem Punkt, dass ich Gründe erfinden musste, um noch einen Take zu drehen.

Radio Bremen Online: Es entsteht der Eindruck, dass Sie eine besondere Vorliebe für politische Themen haben. Vorher ging es bei den Bremer Tatorten "Schiffe versenken" um Manipulationen an deutschen Containerschiffen und in "Schlafende Hunde" um die Existenz der Stasi heute.

Florian Baxmeyer: Ich finde, in einem guten Tatort sollte es um mehr gehen als einfach nur um die Aufklärung eines Mordes. Wer den Bremer Tatort über die Jahre verfolgt hat, weiß, dass die Filme aus Bremen immer wieder politische Themen behandelt haben. Das geht zurück auf die Arbeit unserer Redakteurin Annette Strelow, die immer wieder versucht, unverbrauchte und relevante Themen für den Bremer Tatort zu erschließen.

Das Interview führte Anna Tollkötter.

Der illegale Tod