Mediabox

Fernsehen Tatort Die Fälle

Jetzt neu: butenunbinnen.de, alles wichtige aus der Region

Tatort "Scheherazade"

"Man hat die Chance, ganz schnell ins Fettnäpfchen zu treten..."

Interview mit dem Autor Christian Jeltsch

5. Juni 2005

"Scheherazade", die Märchenerzählerin aus 1001 Nacht, ist der Titel dieses Tatorts. Wie sind Sie darauf gekommen?

Das war von Anfang an der Titel. Es geht ja um das Thema Verschwörungstheorien, da ist in gewisser Weise eine Verbindungslinie zu Märchen zu ziehen und da die Hauptfigur eine junge Frau ist, die der Geschichte nach sowieso schon mal in einen Fall verwickelt war, wo sie eben der Polizei viele Märchen erzählt hat, war ziemlich naheliegend, dann auch diesen Titel zu wählen.

Welche Sichtweise haben Sie als Drehbuchautor beim Erzählen eingenommen?

Für mich war die Position dieser Märchenerzählerin schon sehr interessant, weil mich einerseits Verschwörungstheorien an sich interessieren. Auf der anderen Seite, was mich aber weitaus mehr interessiert hat, sind die Menschen, die sie dann vertreten. Das heißt also, Menschen, die, wie ich sie dann in der Recherche auch kennen gelernt habe, zum großen Teil sehr viele Probleme im privaten Leben haben und sich dann in solche Theorien flüchten. Das muss gar nicht jetzt um diesen 11. September gehen. Das kann sich auch um ganz andere Geschichten handeln, Menschen, die sich dann eine Theorie zusammenzimmern, wie Leben funktioniert und das dann eben sehr schnell in Richtung Verschwörung ansiedeln, weil sie selber mit dem Leben nicht klarkommen. Und da hat mich einfach interessiert, das von so einer Position her zu erzählen.

Haben Sie gedanklich jedes Mal die Position gewechselt, wenn Sie zum Beispiel auf die Seite der Kommissare gewechselt sind? Vor allem natürlich auf die Seite von Mommsen, sprich Stedefreund?

Man muss natürlich die Seiten wechseln. Man muss als Drehbuchautor in jede Figur reinschlüpfen, das ist auch das Reizvolle. Und gerade bei dem Thema 11. September und Verschwörungstheorie ist es spannend, diese einzelnen Positionen zu vertreten. Also die der Verschwörungstheoretiker und die, die jetzt hier zum Beispiel Inga Lürsen vertritt, nämlich die Theorie, dass alles so ist, wie es eben auch offiziell verkündet wird.

Das passt ja auch zu ihrem Charakter. Sie ist nun mal die nüchterne, klare und sehr logisch denkende oder analytisch vorgehende Ermittlerin.

Richtig, genau.

Ist Stedefreund da anders?

Stedefreund ist anders und das war natürlich reizvoll, auch mal dieser Figur einen größeren Spielraum zu geben und das einzubinden in eine beginnende Liebesgeschichte oder Zuneigung zu dieser Figur Manu, und so, über Emotionen Stedefreund auf die Seite, bzw. die Argumen-tationsseite von Manu zu ziehen und dadurch hat er natürlich eigentlich einen Raum in dieser Geschichte, die er vorher so in den Fällen noch nicht gehabt hat.

Gleichzeitig ist es aber auch ein bisschen die Position des Zuschauers, er als Stellvertreter des Publikums...

Richtig. Genau, also das ist der neugierige Zuschauer, der einfach wissen will, was steckt jetzt da wirklich dahinter, hinter dieser Theorie und hinter der Figur natürlich.

Gut, dann kommen wir mal auf diese angesprochene Verschwörungstheorie in Zusammenhang mit dem 11. September. Ein heikles Thema. Haben Sie sich ohne Vorbehalte daran getraut oder haben Sie sich so manches mal Gedanken gemacht, damit ins Fettnäpfchen zu treten?

Das war von Anfang an einerseits ein großer Reiz, natürlich hat man da die Chance, ganz schnell in Fettnäpfchen zu treten. Auf der anderen Seite bot eben auch die Zusammenarbeit mit der Redaktion die große Chance, ein Thema mal über die Figur politisch unkorrekt zu erzählen. Durch die Figur von Manu hatte ich eben auch die Möglichkeit, einen Aspekt, hier also ein Weltereignis mit anderen Augen zu sehen.

Es wird am Ende dieses Films sicher offene Fragen beim Zuschauer geben. Können Sie sich vorstellen, welche das sind?

Das kann ich mir sicher vorstellen. Aber ich hoffe, dass sich über diese Emotionen, die von Esther Zimmering gespielt werden und denen man auch meiner Meinung nach gerne folgt, ein Bild ergibt, bei dem im Grunde genommen zwei Positionen übrig bleiben. Und man am Schluss bestenfalls in die Diskussion gerät: "Ist er es jetzt, hat sie jetzt gelogen oder hat sie die Wahrheit gesagt?" Das wäre ein spannender Ausgang, wenn das als Ergebnis bleibt, auch vielleicht bei den Zuschauern die den Film gemeinsam gesehen haben und daraus genau diese Diskussion entsteht.

Wie gefällt Ihnen Ihre Geschichte als Film?

Ich bin sehr zufrieden damit, weil ich auch über die Arbeit mit Peter Henning und Claudia Prietzel sehr glücklich bin. Da hat sich wirklich ein Verständnis ergeben für die Geschichte, das auf einer Ebene liegt, es sind noch viele Kleinigkeiten dazugekommen, die im Buch so gar nicht drin waren und die alles noch stimmiger gemacht haben.

Das Interview führte Norbert Kuntze.

Tatort