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Rekordquote für Bremer Tatort

Wie viel Wirklichkeit steckt in "Brüder"?

Interview mit dem ehemaligen Staatsrat beim Senator für Inneres der Stadt Bremen, Holger Münch

23. Februar 2014

Der Bremer "Tatort" fertigte die Fernsehkonkurrenz am Sonntagabend in großem Stil ab. 10,18 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 27,4 Prozent) interessierten sich für den Krimi "Brüder", in dem es um einen kriminellen Clan geht. Viele Internetnutzer haben im Live-Blog gefragt, wie viel Bremer Wirklichkeit im Tatort steckt? Darüber haben wir mit Holger Münch gesprochen, dem ehemaligen Staatsrat beim Senator für Inneres der Stadt Bremen.

Radio Bremen: Waren die Bremer Mhallamiye-Kurden Vorbild für den Tatort?

Holger Münch: Ich denke, ja. Ich denke, dass der Drehbuchautor sich daran orientiert hat, um über die Geschichte der Mhallamiye einen Film zu drehen. Es bleibt natürlich ein Film, also eine fiktive Geschichte. Viele Bestandteil haben aber einen realen Bezug.

Radio Bremen: Muss man in Bremen Angst haben?

Holger Münch: Nein, das glaube ich nicht. Das Thema hat in unserer polizeilichen Arbeit Priorität. Allein 2012 haben wir 86 Haftbefehle in dieser Gruppe vollstreckt. Ich denke, dass wir die Auswüchse in Bremen in den vergangenen Jahren sehr gut in den Griff bekommen haben. Wir haben aber das grundsätzliche Problem noch nicht gelöst, nämlich: Wie integrieren wir diese Volksgruppe, so dass wir langfristig sagen können: die kommen hier an und machen ihren Weg in Deutschland.

Radio Bremen: Im Film gibt es von einem der Haupttäter die Aussage: "Ich bin das Gesetz." Hat es so etwas in Bremen gegeben?

Holger Münch, Polizeipräsident der Polizei Bremen [Quelle: Radio Bremen, Tammo Jans]
Holger Münch ist seit November 2011 Staatsrat und Stellvertreter des Innensenators. Vorher war er mehr als zwei Jahre Polizeipräsident. [Quelle: Radio Bremen, Tammo Jans]

Holger Münch: Es gibt eine handvoll Menschen aus dieser Gruppe, die tatsächlich glauben, sie könnten machen, was sie wollen. Denen muss man immer wieder zeigen, dass es nicht so ist, und wir in einem Rechtsstaat leben. Wenn Sie ein aktuelles Verfahren vor dem Landgericht nehmen, wo sich Angehörige erheben, wenn der Beschuldigte den Saal betritt, nicht aber, wenn der Richter in den Raum kommt, dann zeigt das, welche Geisteshaltung da immer noch besteht. Aber nochmal: Das betrifft nicht die ganze Volksgruppe, sondern einige Hochkriminelle aus dieser Gruppe.

Radio Bremen: Wie ist die Entwicklung der Straftaten?

Holger Münch: Bis 2010 hatten wir stetig einen Anstieg. Seitdem geht es aber kontinuierlich zurück. Insbesondere bei den Jugendlichen haben wir in den vergangenen Jahren extreme Rückgänge. Das macht uns Mut, dass wir da auf dem richtigen Weg sind.

Radio Bremen: Im Tatort "Brüder" sind die Täter sehr brutal. Gilt das auch für die Hochkriminellen, die sie erwähnt haben?

Holger Münch: Das ist im Film übersteigert. Szenen wie Schießereien auf den Straßen haben wir nicht. Trotzdem gilt: Diese Hochkriminellen sind mit Vorsicht zu genießen. Was der Film nicht zeigt, ist, dass wir mit dem Thema hoch professionell umgehen. Krimis verfälschen da leider häufig. Wir haben uns von der Einsatztaktik her darauf eingestellt und können die Situation beherrschen.

Radio Bremen: Im Film gibt es auch eine Wandtapete, auf der die verwandtschaftlichen Verhältnisse gezeigt werden. Die gibt es auch bei der Bremer Polizei, oder?

Holger Münch: Ja, da zeigt der "Tatort" schon sehr genau, wie wir arbeiten. Es ist eine Analysetechnik, nachzuzeichnen, wer mit wem wie im Zusammenhang steht. Solche Methoden setzen wir tatsächlich ein.

Radio Bremen: Sind die Familienstrukturen, die im Film gezeigt werden, auf die Bremer Situation übertragbar?

Niels Bruno Schmidt, Dar Salim [Quelle: Radio Bremen]
Szene aus dem Film: Hassen und sein Rechtsanwalt haben eigene Regeln. (v.l.: Rechtsanwalt Klaus Puvogel (Niels Bruno Schmidt), Hassan Nidal (Dar Salim))

Holger Münch: Wir haben etwa 30 Großfamilien, die im Schnitt jeweils sieben Kinder haben. Wenn man das über mehrere Generationen denkt, wird das eine sehr große Familie. Die Familien sind sehr kinderreich. Sie leben sehr abgeschottet in ihrer eigenen Welt. Das ist auch das Kernproblem, mit dem wir uns beschäftigen. Insofern ist das nah an der Realität. Unsere Aufgabe ist, dass diese Familien sich öffnen. Wir haben überhaupt nichts gegen Familienbande im positiven Sinne.

Radio Bremen: Im Film sind nur Männer als Akteure zu sehen. Ist das auch in Bremen so?

Holger Münch: Die, die bei uns auffallen, sind zu über 90 Prozent männlich. Bei Gewalt sind aber ohnehin Männer auffälliger als Frauen.

Radio Bremen: Kann es so einen "Tatort" in zehn Jahren noch einmal geben?

Holger Münch: Ich habe keine Kristallkugel auf dem Tisch. Ich glaube aber, dass man Jahre braucht, um das Problem zu lösen. Etwas, das in 30 Jahren entsteht, kann man nicht in zwei, drei Jahren lösen. Was wir schaffen müssen, ist, die nächsten Generationen hier abzuholen. Das ist unsere Doppelstrategie. Auf der einen Seite zu sagen, folgt nicht den großen Brüdern. Auf der anderen Seite, Chancen zu bieten. Den jungen Menschen ermöglichen, in der Leistungsgesellschaft Deutschland anzukommen. Wenn wir das schaffen, glaube ich, dass wir in zehn Jahren eine ganz andere Situation haben.

Radio Bremen: Der Berliner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky sagt: "Der Kampf ist verloren."

Holger Münch: So etwas würde ich nie sagen. Wenn man das behaupten würde, hätten wir ja aufgegeben. Wir haben hier in Bremen verschiedene Hinweise, dass wir Effekte haben: Die Gruppe wird nicht größer. Die Zahl der jungen Kriminellen geht deutlich zurück. Wir haben positive Vorbilder wie Ärzte und Unternehmer aus der Gruppe, die mehr und mehr bereit sind, sich zu engagieren. Dass wir da auf einem guten Weg sind, zeigt auch, dass die Berliner zu uns kommen und fragen, wie macht ihr das.

Das Interview führte Carola Schwirblat.

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