Mediabox

Fernsehen Tatort Die Fälle

Jetzt neu: butenunbinnen.de, alles wichtige aus der Region

Tatort "Abschaum"

"Ungläubigkeit in der Gesellschaft ist der beste Schutz der Täter"

Der Titel ist ein Zitat aus: Guido und Michael Grandt, Satanismus - die unterschätzte Gefahr

Kleinkinder, die in einem Ritual von mehreren Erwachsenen gequält, gefoltert und vielfach missbraucht werden, gibt es das tatsächlich?
Sind solche Perversionen überhaupt vorstellbar?
Und wenn dem so wäre, warum ist es bisher nie aufgeklärt, nicht bewiesen worden?

Das sind Fragen, die man sich stellt und die einem gestellt werden, sobald man sich auf dieses unfassbare Thema einlässt. Sarkastisch könnte man antworten: Dank Dutroux muss man wohl die perversesten Perversionen glauben. Mit Glück werden sie widerlegt. Die Mädchen aus Charleroi hatten dieses Glück nicht. Wie viele außer Melissa, Julie, An und Eefje noch tot sind, ist nicht bekannt. Der Prozess gegen Marc Dutroux beginnt erst sieben Jahre später. Die Hintermänner befinden sich in Freiheit.

Wenn das Unvorstellbare nicht bewiesen, dennoch vorstellbar ist, woher wissen wir das? Sind es lediglich Wunschphantasien aus dem Reich des Bösen? Sadomasochistische Gerüchte? Überzogene Vorstellungen von dem, was Kinderschänder tun? Verängstigte Szenarien Allmachtsgläubiger?

Sektenpfarrer, einige Journalisten und sehr viele Psychotherapeuten wissen von diesen Dingen. Es sind die Opfer, die uns die jahrelang erlittenen Qualen anvertrauen, sog. Kult-Aussteiger, die irgendwann als Erwachsene den gefahrvollen Weg aus der Sekte geschafft haben und nun angstvoll Hilfe suchen. Dabei haben sie Vertrauen nie gelernt. Jeder Versuch, sich jemandem gefühlsmäßig zu nähern, und sei es nur einem Tier, wurde bestraft, mit Schlägen, Stromstößen, oder der Tötung dieses Tieres. Konditionierung nennt man das, Programmierung, Gehirnwäsche. So macht man Kinder willenlos. Sie werden dressiert, sollen nicht jammern, nicht schreien, sollen sich wehren nur dann, wenn es gerade in das Wunschprogramm der Kinderschänder passt. Der Deckmantel des Satanismus ist ein passabler Helfer bei diesem Dressurakt. Das Böse lässt sich im Teufel, im Gehörnten gut darstellen und fährt den Kindern als Dauerschreck in alle Glieder und Gehirnwindungen. Die Täter haben Decknamen und sind hinter Masken und Kutten verborgen. Die Rituale mit gebetsgleichem Singsang, schwarzen Kerzen, bedeutsamen Zeichen vermitteln dem Kind das Gefühl, dass das alles so und nicht anders sein muss. Es ist der Allmacht des Geschehens ausgeliefert.

Wenn die Kinder alt genug sind, brav gelernt haben, was sie tun müssen und was sie nicht dürfen, niemals, dann bringt man ihnen bei, wie sie anderen Kindern Schmerzen, und wiederum das Schweigen darüber zufügen. Man lobt sie für diese Tat, und wehe, wenn sie es nicht tun! So macht man über Jahre die Opfer zu Tätern. Und später, wenn sie den Ausstieg aus der Sekte geschafft haben, wirkt das oft unter Todesandrohung eingetrichterte Schweigegebot. Wenn sie trotzdem aussagen, belasten sie sich selbst. Neben all den kinderpornographischen Videos, die auf diese Weise entstehen und einer der Hauptverdienstquellen für die Täter sind, werden auch Aufnahmen gemacht, die jeden in der Sekte, und damit jeden möglichen Verräter, belasten.

Dies ist ein Grund, warum so wenige Betroffene mit ihrem Wissen zur Polizei gehen. Doch es gibt noch viele andere Gründe: Sie wissen, dass die Täterstrukturen in viele Kreise hinein reichen, also auch in die von Polizei und Justiz – zumindest hat man ihnen das jahrelang so vermittelt. Sie werden von den Tätern noch immer verfolgt, oft bedroht. Sie leiden unter großen psychischen Schäden und befürchten, dass man ihnen nicht glaubt. Aufgrund der Verschleierungen hinter Masken, und auch wegen häufiger Drogengaben auf dem Weg zu den Schwarzen Messen, können sie niemanden wirklich identifizieren, auch die Tatorte nicht. Viele haben ihr schmerzhaftes Wissen im Inneren so zersplittert, dass es in kleinen, gerade noch aushaltbaren Portionen zutage treten kann, aber niemals als eine Geschichte, die von Zuhause bis zum Tatort und wieder zurück reicht. Obwohl sie detailliert Szenen erinnern und Merkmale benennen können, reichen die Hinweise für polizeiliche Ermittlungen meist nicht aus. Wenn doch ermittelt wird, wie beispielsweise nach meinem Dokumentarfilm „Höllenleben – Der Kampf der Opfer“ (ARD 2003), in dem zwei Frauen getrennt voneinander weitgehend die selben Aussagen gemacht haben, dann müssen nach einer bemühten Weile doch die Akten geschlossen werden, weil die Taten so weit zurückliegen, dass Beweise nicht mehr zu finden sind.

Und wenn das alles eingebildete, falsche Erinnerungen sind – fragt der Skeptiker zurecht, doch die Aufklärerin erinnert: Dutroux belehrt uns eines anderen.

Getäuschte Erinnerungen gibt es durchaus, absichtlich getäuschte beispielsweise wenn man bei der Konditionierung der Kinder Prominentennamen mit den Maskenmännern in Verbindung bringt. Oder ein Täter verkleidet sich als Weihnachtsmann, dann wird das Kind sich mit seiner Aussage bestimmt unglaubwürdig machen. In Einzelfällen gibt es auch versehentlich getäuschte Erinnerungen, oder Details werden verzerrt erinnert, das können Psychotraumatologen sowie Gehirnforscher nachweisen. Beispielsweise kann sich bei diffusen Vergewaltigungserinnerungen mit der Zeit herausstellen, dass früher die Mutter vergewaltigt wurde und sich das Trauma auf die Tochter übertragen hat. Aber dass zahlreiche Opfer sexualisierter Gewalt – was man körperlich häufig nachweisen kann – sog. Schwarze Messen und wilde Orgien nur phantasieren, immer mit dem selben Ablauf, den selben Zeichen und Utensilien, den selben Waffen, Wörtern und Ritualen, dem selben unfassbaren Gewaltpotential bis hin zu Tötungen, und das bundesweit in allen Regionen, hinterlegt bei zahlreichen Psychotherapeuten in allen größeren Städten, dass sie ihre bildgenauen, differenzierten Erinnerungen womöglich gegenseitig abgeschaut oder in Büchern nachgelesen haben, wie Skeptiker ihnen vorhalten, oder gar dass sie sich mit solchen Horrorgeschichten wichtig tun wollen, das – mit Verlaub – entspringt wohl eher dem Unglauben, der die Täter schützt.

Tatort