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Tatort "Scheherazade"

"Es war für alle eine ziemliche Abenteuerreise..."

Ein Interview mit den Regisseuren Peter Henning und Claudia Prietzel

5. Juni 2005

Sie haben zusammen einen Film gemacht, welche Vorteile hat es, gemeinsam an einem Film zu arbeiten, beziehungsweise, wie sind diese Vorteile im Film zu spüren?

Prietzel: Also, doppelte Kraft: Einer zieht, einer schiebt. Dass man einfach sehr viel mehr in Frage gestellt wird und in Frage stellen kann. Und zu zweit bessere Ideen hat.

Henning: Also man hat auf jeden Fall sehr starkes back-up. Das heißt, es ist ja wie ein Supervisor, der da ist. Wir bereiten das zusammen vor, besetzen zusammen, wissen auch genau, was wir von den Schauspielern am Ende haben wollen. Und das hilft natürlich enorm, wenn da eine zweite Person ist, die dann auch mal von draußen, am Monitor zum Beispiel, mitguckt und einfach sagen kann: "Du hast das und das noch nicht erreicht" oder: "Versuch's mal so rum". Das Ganze ist Teamwork. Einflüsse von anderen Teammitgliedern, Kamera, Szenenbild, bis hin zur Requisite, spielen immer eine Rolle und das ist auch willkommen...

Lassen Sie uns zum Stil des Films kommen, Herr Henning. Wenn Sie in diesem Fall das Sagen hatten, ist es dann auch mehr Ihr Stempel, also Ihr Film, Ihr Baby?

Henning: Ja, ich glaube, dass die sehr optische Erzählweise mir entgegen kommt. Ich habe schon sehr gerne ein theoretisches Modell oder eine bestimmte Art von übergeordneter Idee in einem Film, was nicht ausschließt, dass es auch emotional sein muss. Aber das ist eine bestimmte Vorliebe und in diesem Film gibt es ein ganz starkes, optisches Konzept, es hat viel mit Musikalität zu tun und das kommt mir, glaube ich, ein bisschen mehr entgegen. Wobei es wirklich schwer ist, das noch so zu trennen. Wir arbeiten so lange zusammen, dass man da nicht mehr so richtig auseinanderhalten kann, was dann wirklich von wem kommt und was nicht.

Wirklich auffällig ist die visuelle Erzählweise des Films. Ist das der Schwerpunkt? Haben Sie sich gesagt: "Ich will diese Geschichte auf diese Art und Weise erzählen"?

Henning: Die erste Entscheidung war einfach für die starke Geschichte, die aber auch durch Handlungen und Emotionen getrieben wird. Also gar nicht so stark, wie sonst beim Tatort, durch Ermittlungen und die Frage: "Wer war's jetzt oder wer nicht?" Sie hatte sehr viel Dynamik. In dem Zuge war klar, dass man sich mit der Kamera etwas Besonderes überlegen muss, weil man die Zustände der Figur Manu nicht im Dialog erklärt, sondern sinnlich erfahrbar machen muss. Und da sich das Thema auch um Verfolgungswahn und Ängste dreht, war klar, dass man das optisch umsetzen muss. Nicht in klassischer Weise, sondern ein bisschen mutiger und experimenteller. Daraus folgte im Prinzip auch die Wahl des Kameramanns.

Prietzel: Was ja sehr schnell klar war, dass es um Lüge - Wahrheit, um verschiedenste Facetten von Wirklichkeit geht, die Idee, dass man Bilder kippt oder die Form der Wahrnehmung immer ein bisschen relativiert oder ein anderer Blickwinkel herrscht. Das war durch das Thema des Buchs gegeben. Unser Ansatz war: "Wir müssen versuchen, spezielle Bilder zu finden für die Wahrnehmung und die Philosophie des Films."

Die Kunstfigur Manu ist eine schwer fassbare Person. Alles spielt in diesem großen Bereich zwischen Wahrheit und Lüge. Sie ist keine reine Geschichtenerzählerin, immer ist ein Kern Wahrheit dabei, das ist alles bewusst unklar gehalten. Wie setzt man das visuell um? Es gehört ja noch mehr dazu, als eine Person ständig weglaufen zu lassen.

Prietzel: Wir haben uns im Vorfeld mit Psychologen unterhalten über, sagen wir mal, paranoide Charaktere für die das, was sie wahrnehmen, ja auch eine Wahrheit ist. Selbst wenn es eine Phantasieebene ist, ist es für sie wie wahr. Henning: Sie sehen denjenigen, der sie verfolgt tatsächlich, auch wenn es den in Wirklichkeit nicht gibt. Das haben wir in Fallstudien gelesen. Der Verfolger ist im inneren Auge, von außen betrachtet läuft aber keiner hinter her und deswegen ist es so wahnsinnig schwer, das nachzuvollziehen. Ein Polizist, der gerufen wird, der würde auch zuerst mal davon ausgehen, dass alles stimmt, was dieser Mensch sagt. Selbst wenn er den Verdacht einer bloßen Behauptung hat, würde er sehr lange prüfen, ob da nicht was dran ist. Und das war für die Umsetzung wichtig. Das heißt, es gibt immer diese zwei Blickwinkel: Einmal das, was Manu selbst sieht, ihre innere Aufregung, Angst sichtbar machen, was aber natürlich sehr subjektiv ist und dann die Welt von außen. Und manchmal passt es nicht zusammen und das ist das Geheimnis des Films.

Esther Zimmering hat mir in einem Gespräch ihre Art der Rollenvorbereitung erläutert. Das kam Ihrer Art der Rollenvorbereitung offensichtlich sehr entgegen. Ist sie eine Idealbesetzung?

Prietzel: Ja, auf jeden Fall. Es war sehr schwer, sich nach der Lektüre des Buches vorzustellen, wer das spielen kann, weil es eben in dem Buch so verschiedene Facetten gab, dass man eine sehr aggressive oder eine verletzliche oder eine sehr manische Figur daraus hätte machen können. Dafür wäre ja jedesmal eine andere Schauspielerin denkbar gewesen. Und bei Esther war es wirklich so, dass wir bei ihr alle Facetten gespürt haben.

Henning: Weil man die Figur nicht richtig einschätzen kann, brauchten wir jemand, der bereit war, sich völlig aufzugeben in dem Prozess und einfach diese Reise mitzumachen und sich auch auf die Regie komplett einzulassen, ohne dauernd biographisch stringent zu fragen: "Mach ich das?" Also, sie sollte auf keinen Fall zu kopfig daran gehen, sondern sich voll emotional auf die verschiedenen Zustände einlassen. Und das haben wir bei Esther halt am meisten gefunden im Casting.

War das der schwierigste Teil der Regiearbeit?

Henning: Ja, tatsächlich. Und zwar deswegen, weil die Schauspielführung für die Kommissarin völlig anders ist, als die für Manu. Da muss man auf der einen Seite Emotionalität, Risiko fördern, hat es aber auf der anderen Seite mit zwei Charakteren zu tun, die eher rational daher kommen. Und deshalb sind die anders vorbereitet, gehen mit einem ganz anderen Rhythmus in die Szene rein. Da musstest du manchmal für Esther auch Freiheiten zulassen, wo sie einfach was ausprobieren konnte, mutig ein Risiko eingehen konnte, was die anderen Schauspieler eigentlich mittragen müssen und auch sehr gut mitgetragen haben. Die mussten manchmal auch zurückstecken, was natürlich auch mit ihren Rollen zu tun hatte.

Also erforderte es auch einiges an Verständnis in kollegialer Hinsicht...

Prietzel: Das ist natürlich klar, weil Esther teilweise eine sehr stürmische, nervige Funktion hatte in ihrer Rolle. Die permanent wieder anfängt mit diesen Theorien, und das ist natürlich schwierig gewesen, immer die Balance zu finden, dass man sie nicht zu sehr als die Verrückte abstempelt.

Henning: Jemand, von dem ich Spontaneität erwarte, der ist dann auch spontan. Das heißt auch nicht immer hundertprozentig im Text völlig gleich oder so. Die anderen Schauspieler mussten sehr wach drauf reagieren, und das war natürlich teilweise sehr anstrengend und kompliziert. Das war das Spannende und das, was dann auch die Arbeit besonders macht. Es war, glaube ich, für alle eine ziemliche Abenteuerreise und hat auch was neues, Erkenntnisse für jeden gebracht.

Lassen Sie uns doch ruhig bei diesem Punkt bleiben und dann über die beiden ermittelnden Beamten sprechen, die als Schauspieler in ihren Rollen fortgeschrittener sind, von einem Tatort zum anderen springen und sich und ihre Rollen damit weiter entwickeln. Was haben Sie da vorgefunden, um die beiden zu splitten? Einerseits bei der Hauptkommissarin Inga Lürsen, die mit ihrer rationalen, nüchternen, klaren Art mit Manu eigentlich gar nichts anfangen kann.

Prietzel: Das ist zwar eine Facette der Kommissarin, aber sie ist ja auch gezeichnet als eine politisch motivierte oder politisch gefärbte Figur, die Sachen hinterfragt. Das war natürlich für diesen Film sehr interessant und ausbaufähig. Dann fanden wir spannend, dass es auch um Liebe geht. Ihr wird ja oft gesagt: "Du hast dich verändert." Wie verhält sie sich dazu? Ist eine Veränderung positiv oder negativ? "Ist es schlimm, wenn ich mich verändere?" Meistens denkt man automatisch, eine Frau in einem gewissen Alter kann sich nicht mehr verändern; wir fanden, dass das eine interessante Entwicklung für sie ist.

Henning: Ja, der Mensch steht im Mittelpunkt des Film und nicht die Kommissarin. Insofern hatten wir natürlich die dankbare Situation, dass wir aus allen bisher gedrehten Tatorten Dinge zusammen sammeln konnten. Sie ist natürlich in manchen Filmen wenig privat, weil sehr stark der Fall im Vordergrund steht. Dann gab's privatere Fälle und wir konnten so aus einem ziemlich reichen Fundus schöpfen und das alles in einer Figur zusammenfügen. Deswegen ist sie hier sowohl Kommissarin, die streng ermittelt, als auch einfach eine Frau, die sich verliebt. Also diese Figur hat viele Facetten in dem Film. Das ist natürlich auch sehr lustvoll für Schauspiel und Regie, wenn man ganz viel verschiedene Situationen spielen kann und nicht, ich sag's mal in Anführungszeichen, "nur einen Menschen", der seinen Job klar verfolgt. Dadurch gibt es eine sehr brüchige, widersprüchliche Person.

Stedefreund ist liebesblind oder wie soll man ihn nennen in diesem Film? Oder ist das zu einfach?

Henning: Ja, das ist schon zu einfach, auf der anderen Seite stimmt es aber auch absolut. Stedefreund als Assistent ist ja immer bemüht, sich ordentlich zu verhalten, auch seiner Vorgesetzten Inga Lürsen gegenüber, sich als guter Polizist zu profilieren und hatte bisher noch nicht so seine eigene private Geschichte in einem der Filme. Und hier darf er nun wirklich auch mal ein anderer Stedefreund sein. Wir hatten das Glück, praktisch die ersten zu sein, die das mit ihm entwickeln durften - andere Facetten - und das war sehr spannend, diese Weichheit einfach mal zuzulassen. Er ist nicht liebesblind, sondern ihm passiert es tatsächlich. Er verliebt sich wahnsinnig, aber er kämpft auch wahnsinnig lange dagegen und ist schon teilweise ein sturer Knochen. Aber es gelingt ihm nicht, und dieser Widerstreit ist in diesem Fall das spannende an der Figur. Wir entdecken plötzlich, Stedefreund ist alles andere als rationaler Polizist, sondern er ist irgendwo auch ein kleiner Junge und er ist ein Mann, der sich blind rasend verlieben kann, der sich auch auf Themen einlässt.

Man kann tatsächlich den Eindruck nicht leugnen, Oliver Mommsen hat sich mit diesem Film schauspielerisch weiterentwickelt. Liegt das daran, dass Sie viel mit ihm gearbeitet haben oder liegt es am Stoff, an der Vorlage?

Henning: Beides, das Buch hat ihm einfach auch den Raum gegeben. Den hat er natürlich oft nicht, weil er manchmal mehr der Stichwortgeber in einer Szene ist oder nochmal eine Spur findet und vielleicht mal einen kleinen Witz hier und da hat. Aber das hängt ja auch an der Balance zwischen den Figuren. Auch Lürsen ist brüchiger in dem Film, hat mehr Widersprüche, also konnten die beiden sich auch viel mehr kabbeln, streiten oder andere Seiten von sich wahrnehmen.

Stedefreund muss sich mit Sachen beschäftigen, mit denen er sich vorher gar nicht befasst hat, mit dem 11. September - schwieriges, spekulatives Feld. Vielleicht fangen wir vorne an und Sie verraten mir, wie intensiv Ihre inhaltliche Vorbereitung war.

Henning: Bisher hatte ich auch tatsächlich immer das Bild vom 11.9., das die meisten wahrscheinlich haben: Da gab es einen Terroranschlag und es sind Menschen umgekommen, das Ganze hat unser Leben verändert. Es hat ein Unsicherheitsgefühl aufgebaut, aber weiter habe ich nicht drüber nachgedacht, sondern das waren für mich die Fakten. Und durch dieses Drehbuch kamen dann unheimlich viele Gedanken plötzlich wieder hoch, weil man ja schon mal sagte: "Welche Rolle spielt eigentlich die CIA in der Welt?" Diese Gedanken, die waren natürlich überall schon mal da, und es gab auch eine Reihe von 'Spiegel'-Artikeln. Aber tatsächlich hatte ich das nicht so an mich rangelassen bis zu dem Punkt. Und dann habe ich angefangen zu recherchieren und mich gefragt: "Wer sagt denn überhaupt was drüber? Was stimmt nicht und was stimmt?" Prietzel: Es war doch für alle ein unglaublich erschreckendes Erlebnis, dass sowas möglich ist. Es sind ja Bilder, die wird kein Mensch mehr vergessen - Albtraum- Bilder. Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, hab ich's nicht verstanden und hatte unglaublich viele Fragen. Und dann gab es sehr viele einfache Antworten, mit denen habe ich mich eine Weile auch zufrieden gegeben, muss ich sagen. Hab ich einfach so hingenommen. Und dann durch die Zeitungsartikel, in denen diese Fragen auch öffentlich gestellt wurden und in Filmen von Michael Moore usw., hat man irgendwann gemerkt: Hier stimmt was nicht. Sei es, dass unliebsame Fragen nicht beantwortet werden oder dass die Antworten einfach nicht passen. Und dann kann man schnell in eine Verschwörungstheorie reinkommen, die polemisch ist, die absurd ist, die ist genauso gefährlich und nennt eigentlich auch wieder Lügen. Das ist ein Wust. Bei mir bleibt eigentlich nur ein Gefühl der Verunsicherung zurück und das war motivierend an dem Film, das zu äußern.
In dem Film ist es ja so, dass auch Lürsen ab irgendeinem Punkt plötzlich unter dem Eindruck der Ereignisse sagt: "Da gibt's Ungereimtheiten" und anfängt, den Gedanken überhaupt erstmal zuzulassen. Ich glaube, es ist für uns alle sehr wichtig, dass wir viel wacher sind, dass wir viel mehr darüber nachdenken, was bedeutet so ein Fernsehbild zum Beispiel. Und es ist sehr heilsam heutzutage, auch mal die Frage hinterher zu schicken, stimmt das, was wir da immer im Fernsehen sehen oder stimmt das nicht? Das ist extrem wichtig.

Prietzel: Der Drehbuchautor Christian Jeltsch hat wahnsinnig recherchiert, wusste ganz viel und hat uns immer Internet-Seiten empfohlen. Er hat sehr, sehr viel Vorarbeit geleistet, wir mussten viel nachholen und waren erst mal zutiefst schockiert.

Henning: Die ganze Vorarbeit war eine Riesendiskussion über den 11.9., das kann man sagen. Einmal schon auf Drehbuchebene und dann auch permanent mit den Schauspielern und bis ins Team rein hat sich das einfach durchgezogen. Wir haben festgestellt, dass alle unglaublich viel darüber nachgedacht haben. Das war schon heilsam, überhaupt mal so widersprüchlich darüber zu diskutieren. Es wird ja doch mehr oder weniger verdrängt und die Widersprüche werden nicht so gerne gesehen.

Das Interview führte Norbert Kuntze.

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