Mediabox

Fernsehen Produktionen Dokumentationen

Jetzt neu: butenunbinnen.de, alles wichtige aus der Region

Geschichte im Ersten

Generation Beat-Club

50 Jahre Fernsehrevolution

27. August 2017, 9:15 Uhr | SWR Fernsehen

Es gab eine Fernsehsendung im Ersten, von der man tatsächlich sagen kann, sie hat die Bundesrepubik verändert. Der Beat-Club öffnete den Weg zu einer selbstbewussten Jugendkultur und hat eine ganze Generation nachhaltig beeinflusst. Vor 50 Jahren ging der Beat-Club von Radio Bremen im Ersten auf Sendung.

Mitte der Sechziger Jahre steckte das Fernsehen noch in den Kinderschuhen. Als der spätere Tagesschausprecher Wilhelm Wieben im September 1965 die neue, provokante Sendung aus Bremen ankündigte, bat er im gleichen Atemzug "um Verständnis" bei den Eltern. Aber die waren alles andere als einverstanden, weder mit dem "Gekreische" und den "langen Zottelhaaren" der Musiker, noch mit den knappen Miniröcken von Moderatorin Uschi Nerke.

Die Nation war über den Kulturverfall empört – genauer gesagt, die Nation ab 30 Jahren aufwärts. Denn mehr als die Hälfte aller Jugendlichen und Twens sahen ab September 1965 'ihren' Beat-Club. Er lieferte die Riffs und den Rhythmus für eine Generation auf der Suche nach sich selbst. Regisseur Mike Leckebusch entwickelte mit den ersten elektronischen Key-Effekten und visuellen Rückkoppelungen eine Bildwelt, die den Beat-Club zum Wegbereiter einer neuen, eigenen Fernseh-Ästhetik werden ließ. In frechen Einspielfilmen wurde ein satirischer Blick auf die späten Wirtschaftswunder-Jahre geworfen.

Die Radio Bremen-/WDR-Dokumentation zeichnet den musikalischen Quantensprung dieser Jahre nach, mit herausragenden Liveauftritten von Rythm'n'Blues-Bands wie "The Who" oder "The Cream", über Virtuosen wie Jimi Hendrix und Carlos Santana, den ersten Hardrock-Bands wie Deep Purple oder Led Zeppelin, bis zu den Trance-Pionieren von Kraftwerk.

Wolfgang Niedecken, Frontmann der Gruppe BAP [Quelle: Radio Bremen]
Kölner Musiker Wolfgang Niedecken

Genauso rasant und überraschend entwickelten sich die Biographien unzähliger Beatclub-Fans. Etwa Wolfgang Niedecken aus Köln, der in einem streng katholischen Internat den spärlichen Ausgang nutzte, um im Beat-Club Anregungen für die erste Schülerband zu finden. Er veröffentlichte wenige Jahre später mit BAP seine erste Platte und zählt bis heute zu den erfolgreichsten deutschen Musikern.

Evelyn Frisinger [Quelle: Radio Bremen]
Evelyn Frisinger hat mit Beat-Club-Mode Karriere gemacht.

Oder Evelyn Frisinger aus Bremen: Sie brachte aus London die ersten Miniröcke mit, versorgte damit zunächst die Go-Go-Girls des Beat-Clubs und schließlich das gesamte Umland. Christian Kunert, damals Mitglied des bekannten Thomaner-Chors in Leipzig, verpasste keine Ausgabe des Beat-Clubs, wenn auch mit erheblichen Bild- und Tonstörungen. Er wurde Mitglied der wichtigsten oppositionellen Band in der DDR, der Renft-Combo, und wurde später ausgebürgert.

Auf Privatfotos und in 8mm-Filmen entdeckt die Radio Bremen-/WDR-Dokumentation milchbärtige Rocker auf Kreidler-Mopeds und selbstbewusste Mädels im damals immer noch skandalösen Minirock, die Leipziger Beatdemo von 1965, Tramp-Touren ins Swinging London. Zusammen mit den interessantesten Ausschnitten des Beat-Clubs entsteht ein ebenso vergnügliches wie erhellendes Zeitdokument. Die sieben Jahre, in denen der Beat-Club gesendet wurde, von 1965 bis 1972, waren Jahre des Aufbruchs und des Optimismus. Die Generation Beat-Club hat Deutschland entscheidend geprägt.

Eine Dokumentation von Michael Meert und Carl-Ludwig Rettinger.

Eine Lichtblick-Produktion im Auftrag von Radio Bremen und dem WDR für Das Erste (Redaktion: Susanne Brahms, Radio Bremen, und Beate Schlanstein, WDR).

Dokumentationen
Mehr zu "Dokumentationen"
Mehr in "Dokumentationen"