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Wintergäste 2017

Wladimir Kaminer

Bestseller-Autor

18. Februar 2017, 11:00 Uhr | Theater am Goetheplatz - Rangfoyer

"Viel Knoblauch mit viel Zitrone in Cognac." Russische Hausmittel-Tipps gegen Grippe brachte Wintergast Wladimir Kaminer mit ins Goethe-Theater in Bremen. "Ekelhafte Dinge", wie er sagt. Dann sprach er über Russland und sein Leben in zwei Welten. So ernst das ist, so amüsant erzählt Kaminer darüber – bis man einfach schmunzeln muss.

Autor Wladimir Kaminer sitzt auf einem Sessel gegenüber von Moderatorin Katrin Krämer. [Quelle: Radio Bremen, Sebastian]
Zwei Stunden unterhielt Wladimir Kaminer die Gäste im Goethe-Theater in Bremen. [Quelle: Radio Bremen, Sebastian]

Was kleinere Krankheiten angeht, seien die Russen robust. Das merkten die gar nicht. "Was ist schon eine Erkältung?", fragte Wladimir Kaminer und trank selbst ganz gesundheitsbewusst eine Tasse Tee. Nachdem der Autor von 24 Büchern über "typisch kaukasische und russische Wurzelmedizin", wie Moderatorin Katrin Krämer es nannte, aufgeklärt hatte, begab er sich auf einen Streifzug durch sein Leben, das sich in seinen Büchern wiederfindet.

Wladimir Kaminer war unser Wintergast [2:55 Minuten]

Wie Moskauer über "Wurstzüge" lachten

In "Goodbye, Moskau" blickt Kaminer anlässlich des 100. Jahrestages der Oktoberrevolution, der im November dieses Jahres gefeiert wird, auf seine Heimat.

"Als ich in der Armee war, habe ich gemerkt, dass die Moskauer nicht ernst genommen werden", sagt Kaminer. Das liege daran, dass die Menschen in Moskau schon immer besser behandelt worden seien. "Sie hatten mehr Waren in den Geschäften; ihnen wurde erzählt, sie seien die Avantgarde dieses Riesenlandes."

Es habe sogenannte Wurstzüge gegeben, Menschen seien tagelang mit dem Zug gefahren, um Wurst in Moskau zu kaufen – um dann am selben Tag wieder zurückzufahren. Darüber hätten die Moskauer gelacht.

Und der Witz war, dass die Wurst gar nicht in Moskau produziert wurde, sondern da, wo diese Menschen herkamen. Sie mussten ihrer eigenen Wurst hinterherfahren.

In den baltischen Ländern seien Milchprodukte hergestellt und Fleisch produziert worden. Diese Länder hätten die riesige Sowjetunion versorgt, "und hatten aber selbst kein Fleisch".

Autor Wladimir Kaminer sitzt auf einem Sessel gegenüber von Moderatorin Katrin Krämer. [Quelle: Radio Bremen]

Die Besucher im Goethe-Theater in Bremen sind von Anfang bei jedem Wort dabei, das Wladimir Kaminer sagt. Der 49-Jährige erzählt Geschichten aus seinen Büchern, seinem Leben.

Autor Wladimir Kaminer sitzt auf einem Sessel gegenüber von Moderatorin Katrin Krämer. [Quelle: Radio Bremen]

Gut versorgt, können sich die Gäste auch ganz entspannt auf die Erzählungen einlassen.

Autor Wladimir Kaminer sitzt auf einem Sessel gegenüber von Moderatorin Katrin Krämer. [Quelle: Radio Bremen]

Obwohl die Themen teils ernst sind – wie der Umgang mit der politischen Lage in Russland und der Ukraine-Konflikt ...

Autor Wladimir Kaminer sitzt auf einem Sessel gegenüber von Moderatorin Katrin Krämer. [Quelle: Radio Bremen]

... wirkt Kaminier immer charmant, nahezu bezaubernd. Der gebürtige Russe lebt seit 1990 in Deutschland.

Autor Wladimir Kaminer sitzt auf einem Sessel gegenüber von Moderatorin Katrin Krämer. [Quelle: Radio Bremen]

Gerne gibt der Autor und Erfinder der "Russendisko" anschließend Autogramme.

Autor Wladimir Kaminer sitzt auf einem Sessel gegenüber von Moderatorin Katrin Krämer. [Quelle: Radio Bremen]

Kaminer und Moderatorin Katrin Krämer sind zufrieden. Es war eine amüsante Sendung mit Tiefgang und Herz.

Bemühen um die Partei

Angesprochen auf den 7. November 1977, Kaminer war zehn Jahre alt und die Revolution lag 60 Jahre zurück, musste der Autor spontan an seinen Vater denken. "Ein zynischer Mensch", so Kaminer, der um Karriere zu machen, in die kommunistische Partei eintreten wollte. "Aber die haben ihn nicht genommen." Stellvertretender Leiter in der Binnenwirtschaft sei sein Vater gewesen. Er habe aber Leiter werden wollen, "dazu musste er in die Partei". Er habe sich viel Mühe gegeben.

Er hat literweise Alkohol mit den Parteigenossen getrunken und mit ihnen viel in der Sauna geschwitzt.

Doch er habe nur gehört: "Du bist doch kein Kommunist. Du willst doch nur Karriere machen." Seinen Vater habe das total geärgert, dass ausgerechnet er nicht genommen worden war, obwohl doch alle eigentlich nur in der Partei wollten, um Karriere zu machen.

Wie Putin den Ukraine-Krieg für sich nutzte [2:25 Minuten]

Was ist schiefgegangen in Russland?

In dem Buch "Goodbye, Moskau" geht es aber nicht um seine persönliche Beziehung zur Stadt, wie Kaminer sagt. "Es geht darum, was schiefgegangen ist in diesem großen Land."

Die Politik hat sich ins Private eingeschleust. Das ist eine große tragische Geschichte.

Wie in seiner Familie über Politik diskutiert werde, fragte Moderatorin Katrin Krämer. "Gibt es Pro-Putin-Anhänger?"

"Nee"

"Keinen einzigen?"

Die Propaganda, der sich Russland als Teil des modernen Krieges bediene, sei eine "miese und scharfe Waffe", sagte Kaminer. Das könne man nur mit dem schlimmsten Bomben vergleichen.

Keiner ist glücklich damit, ich glaube, auch Putin nicht.

Über Putin und Politik im Privaten [59 Sekunden]

Der KGB brachte die westliche Musik ins Land

Als Jugendlicher hörte Kaminer Musik aus England und Amerika. Seiner Theorie zufolge kam die westliche Musik durch den KGB ins Land. "Nur diese Menschen durften verreisen, durften ins Ausland fahren, um ihre Spionage-Geschäfte zu erledigen." Und dann hätten sie ihren Kindern Musik mitgebracht. Je nachdem an welchem Musikgeschäft der KGB-Mensch vorbeiging, brachte er dann die Musik mit. ZZ-Top zum Beispiel – "und alle dachten, es gibt nur ZZ Top".

Kaminer führte schon früh ein unabhängiges Leben. Mit 16 Jahren zog er aus dem Elternhaus aus, er besetzte Häuser. Doch er sei "ein ganz normaler Junge" gewesen.

Das Schlimmste, was der Staat mit mir veranstalten konnte, war, mich in die Armee zu stecken. Eine harte Schule, die man besser nicht gemacht hätte.

Ansonsten habe er eine glückliche Kindheit erlebt. Ganz ohne Markenartikel, sagte Kaminer mit Blick auf seinen eigenen Sohn, der Marken liebe.

Ich hatte eine kommunistische Jeans. Die konnte man in eine Ecke stellen. Die stand da wie ein halber Mensch. Das wäre für jeden Cowboy eine große Herausforderung, da reinzuklettern.

So normal er seine Kindheit aber erinnert, so politisch erlebte er sie als Jugendlicher. "Wir hielten uns alle damals für Dissidenten“, sagt Kaminer. "Weil unsere Musik aus Amerika kam, dachten wir, da draußen ist alles besser." Das Einzige, was die Menschen in Russland zusammengehalten habe, sei die Angst gewesen. Deshalb habe er schon im Kindergarten den Traum gehabt, in die große weite Welt zu gelangen. "Was dann später auch geschah. Und dann war alles anders, als wir uns das vorgestellt hatten."

Ich kam 1990 in Ostberlin an, juristisch war die DDR noch vorhanden, aber praktisch war sie nicht mehr da. Der eine Staat war am Gehen, der andere noch nicht da, dieses Westdeutschland. In diesen Spalt haben sich Freiräume entwickelt, die eine Kreativität forderten. Es war ein sehr spannendes künstlerisches Leben in Ostberlin.

Die ganze Sendung zum Nachhören:

Wladimir Kaminer ist Wintergast im Nordwestradio [44:43 Minuten]

Millionen verkaufte Bücher

Wladimir Kaminer ist Deutschlands berühmtester Russe mit deutschem Pass, Autor, Erzähler, Berliner, DJ: Seit seiner Erfindung der "Russendisko" – Bestseller, Film und Tanz-Treff zugleich – ist der 49-Jährige bekannt für seinen liebevoll-frechen Blick auf das deutsch-russische Verhältnis.

Ich bin ein Reisender mit einem Koffer voller Geschichten.

Er fischt seine Geschichten aus dem Alltag und schreibt sie mit neugierigem Blick, Charme und Ironie weiter. Mit seinen Büchern begeistert er ein Millionenpublikum in Deutschland und anderswo.

Thema im Nordwestradio: 18. Februar 2017, 13:05 Uhr

Genaue Adresse:
Theater am Goetheplatz - Rangfoyer


Veranstaltungstermin:
18. Februar 2017, 11:00 Uhr

Weitere Informationen:

Wladimir Kaminer im Porträt Unsere Wintergäste 2017
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