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Frühlingsgäste 2017

Sandra Petersmann

Hörfunk-Journalistin

22. April 2017, 11:00 Uhr | Artcafé im Horst Janssen-Museum

"Ich würde die Hand falten und mal kurz mit dem Kopf wackeln." So begrüße man sich in Indien, sagte Sandra Petersmann, und die Gäste probierten es gleich aus. Mit viel Humor berichtete die ehemalige ARD-Korrespondentin aus ihrer Zeit in Neu Delhi. Doch so sehr man auch lachen musste, so klar machte Petersmann die ernste Lage in Indien und den umliegenden Ländern.

Frühlingsgast Petersmann sitzt in einem Sessel und hält ein Mikrofon lächelnd in der Hand. [Quelle: Radio Bremen]
Sandra Petersmann berichtete fünf Jahre aus Südasien für die ARD.

Sandra Petersmann war unser Frühlingsgast [3:43 Minuten]

Das ganze Gespräch zum Nachhören::
Journalistin Sandra Petersmann [44:32 Minuten]

"Indien ist ein Land in Bewegung, aber auch ein sehr traditionelles Land", erzählte Petersmann und führte die Höflichkeitsgesten zu Beginn des Gesprächs mit Nordwestradio-Moderatorin Katrin Krämer weiter aus. "Den Hals möglichst locker machen, die Schultern nicht bewegen", so Petersmann. Gegenüber den Großeltern und anderen älteren Verwandten beuge man sich sogar herunter und wische ihnen über die Füße – als Zeichen des höchsten Respekts.

So sagt man "Guten Tag" in Indien [32 Sekunden]

Als Zeichen des sozialen Status bestimmten immer noch Kasten das Leben der Menschen, so Petersmann weiter. In den Städten sei es zwar schon durchlässiger geworden. Doch es werde innerhalb der Kaste, der "sozialen Schublade, in die man reingehört", geheiratet. Wie stark sich die Menschen daran orientieren, zeigten Zeitungsannoncen, die Eltern für ihre Kinder aufgeben.

Dann steht da genau welche Kaste, welche Unter-Unter-Unterkaste es sein muss. Welchen Hautton der oder die Probandin mitbringen muss. Je heller, je besser.

Am eindrucksvollsten sei ihr das in Zentralasien in einem Dorf begegnet. Dort waren Hindus und Moslems getrennt sowie auch Menschen je nach Kaste. Es gab einen Brunnen, der noch Wasser hatte, und einen am Dorfrand, der kaum noch Wasser hatte, wie die Journalistin berichtet. "Und der am Dorfrand war für die unteren Kasten."

Es ist nicht so, dass man einfach zu dem gehen kann, der mehr Wasser führt. Sollte man die ungeschriebenen Gesetze überschreiten, kann das auch zu Gewalt führen.

Frühlingsgast Petersmann sitzt neben Moderatorin Katrin Krämer auf einem Podium in einem Sessel. [Quelle: Radio Bremen]

Mit viel Humor gewinnt Sandra Petersmann (li.) die Gäste im Horst-Janssen-Museum in Oldenburg schnell für sich.

Besucher im Horst-Janssen-Museum sitzen an gedeckten Tischen und frühstücken. [Quelle: Radio Bremen]

Bei einem guten Frühstück hören die Besucher aber auch, wie ernst die Lage in Indien und den umliegenden Ländern ist.

Frühlingsgast Petersmann sitzt in einem Sessel und hält ein Mikrofon lächelnd in der Hand. [Quelle: Radio Bremen]

Die ehemalige Südasien-Korrespondtin erklärt die indischen Begrüßungsregeln, die für Europäer sehr speziell wirken.

Frühlingsgast Petersmann sitzt in einem Sessel und hält ein Mikrofon lächelnd in der Hand. [Quelle: Radio Bremen]

In Indien sind zwei Drittel der Bevölkerung unter 25 Jahren. Zwölf Millionen Menschen drängen jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt, erzählt Petersmann.

Besucher im Horst-Janssen-Museum sitzen an gedeckten Tischen und hören Frühlingsgast Sandra Petermann und Moderatorin Katrin Krämer zu. [Quelle: Radio Bremen]

Doch Jobs gibt es dort nicht. Auch aus Afghanistan berichtet die Journalistin. Sie teile den Traum, dass das kriegsgebeutelte Afghanistan befriedet werden kann.

Frühlingsgast Sandra Petersmann und Moderatorin Katrin Krämer stehen nebeneinander. [Quelle: Radio Bremen]

Seit ihrer Rückkehr lebt Sandra Petersmann in Berlin. Dort ist es still. Das kann wohl nur jemand sagen, der fünf Jahre aus Neu Delhi berichtet hat.

Wirtschaftswachstum ohne Jobs

Die Bevölkerung Indiens gehört zu den jüngsten weltweit. Für die junge gebildete Schicht in den Städten sei das Kastensystems schon problematisch. Aber deshalb eine Revolution? Das sei unwahrscheinlich. Eher möglich wäre ein Aufstand wegen der Lebensumstände, die alle betreffen: "Arbeitslosigkeit".

Zwei Drittel der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt. Jährlich kommen zwölf Millionen Menschen auf den Arbeitsmarkt auf der Suche nach Jobs. Zwölf Millionen. Und es gibt einfach zu wenige Jobs.

Indien habe ein "tolles Wirtschaftswachstum", das aber keine Jobs generiere, erklärtr die 45-Jährige. Die boomende IT-Industrie würde nie so viele Arbeitsplätze schaffen wie die Landwirtschaft oder Stahlindustrie. Ausländische Unternehmen, die nach Indien gehen, suchten vor allem nach qualifizierten Arbeitern, und da habe Indien definitiv ein Defizit.

Das ist sozialer Sprengstoff. Da muss Indien eine Lösung finden.

Eine junge Bevölkerung könne einerseits eine "Dividende für die Zukunft" sein, aber auch eine "sehr große Belastung für die Gesellschaft, wenn diese jungen Menschen keine Chance sehen auf Teilhabe in dieser Gesellschaft. Da steckt viel Unruhepotenzial drin".

Zudem nehmen laut Petersmann auch religiöse Konflikte zu. Doch Premierminister Narendra Modi halte sich zu sehr heraus. "Man würde sich wünschen, da stellt sich der Premierminister hin und sagt: 'Ich finde das nicht gut und lasst das bitte.' Doch meisten würde er schweigen – "und ich finde Modis Schweigen sehr laut". Er setze in der öffentlichen Darstellung falsche Akzente.

Wie Premierminister Narendra Modi das Land führt. [1:51 Minuten]

"Der Ganges ist eine Müllkippe und der heilige Fluss"

Auch die Umweltverschmutzung ist in Indien ein großes Problem. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Jügen Webermann war Petersmann am Fluss Ganges entlang gereist. Unter anderem suchten sie nach den letzten Ganges-Delfinen. "Wir haben Flussdelfine gesehen und man wundert sich, dass sie da überhaupt noch leben können."

Je städtischer die Gebiete sind, desto deutlicher werde, dass der Ganges "eine Müllkippe" ist – und auch "der heilige Fluss". Jeder wolle dort begraben werden. Hindus verbrennen ihre Toten am Flussufer.

Und wenn man in der heiligsten aller Hindu-Städte ist, in Waranasi, da werden aberhunderte Tote verbrannt. Und alles geht in den Ganges, die ganze Stadt ergießt sich in den Ganges. Dieser Fluss hat an den Menschen, die dort siedeln schwer zu tragen.

Wegen der Umweltbelastungen dürfe aber man nicht das Leben einstellen, sagte Petersmann. Deshalb habe sie auch regelmäßig trotz schlechter Luft gejoggt.

Joggen im Smog

Sie lief vor allem an den Wochenenden durch Neu Delhi – die Stadt mit der schlechtesten Luft weltweit. Oft habe sie Reizhusten gehabt und auf Besuch in Deutschland abgehustet, wie sie sagt. Dennoch erinnert sie sich gerne an ihre "schönste Laufstrecke der Welt".

"Morgens los durch den Lodi-Garten, eine schöne alte Mogulanlage, die schönste. Am Ende ist der Khan Markt, eine der Hipstermeilen von Neu Delhi. [...] und da gibt es eine kleine französische Bäckerei. Und wenn man immer nur indisch ist, ist man froh, wenn man da mal Brot essen kann.

Sandra Petersmann über das Joggen bei Smog [1:56 Minuten]

Was sie in Deutschland vermisst, das sei der Chai-Tee. Dieser gehöre zum guten Ton. "Das ist der Faktor Zeit. In Indien, überhaupt in Südasien, braucht alles seine Zeit. Und bevor man sagen kann, ich würde gerne Fragen stellen, die ich auch aufnehme für den Hörfunk, muss man Geduld mitbringen und Tee trinken. Die Regel ist immer: Ein kleines bisschen drin lassen. Sonst wird nachgeschüttet und man kommt nicht weiter."

Afghanistan und Afrika

Sandra Petersmann hat viele Länder bereist. Darunter Afrika und das kriegsgebeutelte Afghanistan. Viele hätten Afghanistan bereits aufgegeben, doch es gebe junge Menschen, die an dem Traum festhalten, dass das Land befriedet werden kann, sagte die Journalistin, die eindrucksvolle Begegnungen schildert. Sichere Gebiete gebe es in Afghanistan nicht.

Afghanistan darf man nicht aufgeben, sagt Petersmann [2:15 Minuten]

Seit der Rückkehr aus Neu Delhi lebt sich Sandra Petersmann nun in Berlin und bei der Deutschen Welle ein.

Thema im Programm: Nordwestradio, 22. April 2017, 13 Uhr.

Genaue Adresse:
Artcafé im Horst Janssen-Museum
Am Stadtmuseum 4-8
26121 Oldenburg

Veranstaltungstermin:
22. April 2017, 11:00 Uhr

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