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Herbstgäste 2016

Katja Lange-Müller

Schriftstellerin

12. November 2016, 11:00 Uhr | Artcafé im Horst-Janssen-Museum

Als unseren zweiten Herbstgast 2016 durften wir die Schriftstellerin Katja Lange-Müller begrüßen. Im Artcafé des Horst Janssen-Museums in Oldenburg plauderte Katja Lange-Müller in lockerer Frühstücksatmosphäre vor Publikum über ihren neuen Roman, ihre Kindheit in der DDR und vieles mehr.

Katja Lange-Müller und Otmar Willi Weber [Quelle: Radio Bremen, Ulrike Petzold]
Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller und Moderator Otmar Willi Weber [Quelle: Radio Bremen, Ulrike Petzold]

Katja Lange-Müller ist gerade auf Lesereise mit ihrem neuen Roman "Drehtür". Am Abend müsse sie schon weiter in die Schweiz, verrät sie Moderator Otmar Willi Weber. Was gehört denn unbedingt in ihren Koffer, wenn sie unterwegs ist, will der Moderator wissen. Ein Mittel, das die Magensäure neutralisiert, so die Schriftstellerin, das müsse auf jeden Fall mit rein, denn so eine Lesetour könne auch kulinarisch bisweilen eine Herausforderung sein!

Katja Lange-Müller war Herbstgast des Nordwestradios [3:41 Minuten]

Neuer Roman: "Drehtür"

Auch die Hauptfigur in ihrem neuen Roman, Asta, hat mitunter ein paar Pillen im Gepäck. Nach 22 Jahren ist sie im Dienst internationaler Hilfsorganisationen am Münchner Flughafen gestrandet, von den Kollegen weggemobbt aus der Krankenstation in Nicaragua. Jetzt steht die Mittsechzigerin Kette rauchend neben einer Drehtür, auf der Suche nach sich selbst – eine Geschichte über die Schattenseiten des Helfens.

Der Titel des Romans stand gleich zu Beginn der Geschichte fest, verrät Katja Lange-Müller. Doch auch das Ende müsse bei ihr schon zu Beginn des Schreibprozesses klar sein. In dem Roman geht es um das Thema Helfen – auch um das mitunter falsche Helfen. Die Geburtsstunde ihrer Hauptfigur hatte mit intensiven Träumen zu tun, die Katja Lange-Müller vor ein paar Jahren hatte. Darin ging es um ihre frühere Arbeit als Hilfsschwester in der Psychiatrie.

Eine Geschichte über die Schattenseiten des Helfens

Mit dem Sich-Helfen-Lassen hat die Autorin selbst so ihre Schwierigkeiten. "Ich bin zum Glück so oft nicht in der Lage, mir helfen lassen zu müssen", berichtet sie. Auch ihren Koffer trage sie lieber selber die Treppen hoch.

Ein Hilfsangebot unterstellt immer sofort die Vermutung von Schwäche. Schwach sein kann ich nicht, will ich auch nicht.
Katja Lange-Müller und Otmar Willi Weber [Quelle: Radio Bremen, Ulrike Petzold]
Unser Herbstgast Katja Lange-Müller im Gespräch mit Moderator Otmar Willi Weber [Quelle: Radio Bremen, Ulrike Petzold]

Eine Ausnahme: Beim Schreiben lasse sie sich doch in manchen Situationen helfen – von zwei Kollegen, die sie eher in ein Schreibproblem involviere als den Lektor. "Da schicke ich schon mal jemandem ein paar Seiten und sage: guck mal drauf, was meinst Du?"

Aufgewachsen in einem DDR-Kinderheim

Katja Lange-Müller ist in eine Familie hineingeboren, die zum DDR-Establishment gehörte. Bis zu ihrem 7. Lebensjahr wuchs sie jedoch in einem Kinderheim auf. "Das war eigentlich ganz prima", erzählt sie. Es gab viele Freiheiten, außerdem durften Kaninchen und Hühner gehalten werden. "Das Elend fing an, als ich da weg musste." Ein glückliches Familienleben sollte beginnen. Doch so wirklich wurde daraus nichts.

Dass Katja Lange-Müller nicht nur eine mehrfach prämierte Schriftstellerin ist, sondern außerdem staatlich geprüfte Pilzsachverständige, stellte sie schließlich gegen Ende des Gesprächs mit Moderator Otmar Willi Weber auch noch unter Beweis.

Das ganze Gespräch zum Nachhören:
Schriftstellerin Katja Lange-Müller [47:45 Minuten]

Vita und Karriere

Die Schriftstellerin verkörpert eine deutsch-deutsche Vita der besonderen Art: Geboren 1951, zwei Jahre nach Gründung der DDR, als Tochter einer SED-Funktionärsfamilie. Das Mädchen wehrt sich von Kindesbeinen an gegen die DDR-Vorzeige-Karriere, die ihr quasi in die Wiege gelegt war. Sie fliegt von der Schule, weil sie Walter Ulbricht imitiert, haut von zu Hause ab, besetzt ein Haus und lernt Schriftsetzerin.

Katja Lange-Müller [Quelle: Kiepenheuer & Witsch, Heike Steinweg]
Katja Lange-Müller [Quelle: Kiepenheuer & Witsch, Heike Steinweg]

Sechs Jahre lang betreut sie als Hilfsschwester Psychiatrie-Patientinnen in einer geschlossenen Anstalt, eine Erfahrung, die ihr Schreiben bis heute prägt. Mit einem kleinen Unterschriften-Trick ergattert die junge Frau einen Studienplatz am Literatur-Institut der DRR in Leipzig. Die SED sorgt bald dafür, dass die widerspenstige Jung-Autorin einige Zeit in der DDR-Botschaft von Ulan-Bator in der Mongolei geparkt wird, wo sie in einer Teppich-Fabrik Stoff für neue Texte sammelt.

Aber dann drängt man die unkalkulierbare junge Frau doch, die DDR gen Westen zu verlassen, und so landet Katja Lange-Müller 1984 in West-Berlin, fünf Jahre vor dem Mauerfall. Ihre Texte, ob "Verfrühte Tierliebe", "Die Letzten" oder "Böse Schafe" sind berühmt für abgründigen Humor, Satire und einen speziellen sezierenden Blick auf Berlin-Ost und -West. Sie erzählt mit Ironie und Humor, mit Sarkasmus und Melancholie, ist berühmt für sprachliche Präzision und wird mit fast allen großen Literaturpreisen geehrt:  Bachmann-Preis, Alfred-Döblin-, Wilhelm-Raabe- und Kleistpreis.

Porträt Katja Lange-Müller [3:40 Minuten]

Herbstgäste 2016

Der November ist die Jahreszeit für die Herbstgäste – live vor Ort und im Radio. Die Moderatoren Katrin Krämer und Otmar Willi Weber begrüßen Feingeister und Lebenskünstler, helle Köpfe und schräge Vögel.
 
5. November 2016, 11 Uhr: Dieter Hallervorden, Schauspieler, Komödiant
12. November 2016, 11 Uhr: Katja Lange-Müller, Schriftstellerin
19. November 2016, 11 Uhr: Florian Bartholomäi, Schauspieler

Der Eintritt ist frei. Für Frühstücks-Reservierungen wenden Sie sich bitte direkt an das Artcafé.

Genaue Adresse:
Artcafé im Horst-Janssen-Museum
Am Stadtmuseum 4-8
26121 Oldenburg

Veranstaltungstermin:
12. November 2016, 11:00 Uhr

Artcafé in Oldenburg
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